Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWM> Bwrwiwy 369 man verkauft den Vorrath nicht, weil man keine Aussicht hat, Saatkorn zu bekommen, und man bezahlt den Schlächter nicht. Im ersteren Falle wird der Kolonist wohl Fleisch haben im neuen Jahre, aber nicht Saat und vielleicht auch' nicht Mehl für das ganze Jahr; im letzteren Falle wird er Saat und Mehl für das laufende Jahr haben, an Fleisch aber hat er nicht mehr zu denken. Daß der Kolonist in dem einen Falle sowohl als in dem anderen ein kümmerliches Dasein fristen muß, das hat er der Heuschrecke, der Ameise und dem „Bicho“ (--- Gewürm) zu verdanken, denn diese sind es, die dafür sorgen, daß der Kolonist nichts von Obstbäumen, Kartoffeln und sonstigen Gemüsearten haben soll, so daß sein ganzes Nahrungsmittel sich auf Brod und Fleisch reduzirt. Der Kolonist hat das ganze Jahr gearbeitet, und zwar mühselig gearbeitet; den Tag hat er mit trockenem Brod verlebt und erst Abends ein Stückchen Fleisch gegeffen; seine kleinen Kinder haben in der Schule ihren sechsstündigen Hunger gestillt durch Brod und Gurke oder Brod und Wassermelone und gar oft durch trockenes Brod in zwei Theile getheilt: denn die Kinder verweilen in der Schule von 9 bis 4 Uhr; von 12 bis 1 Uhr ist Mittagsstunde, und da zu Hause am Tage nicht gekocht wird, so verzehren die Kinder ihr Mittagbrod, das aus oben genannten Gerichten besteht, im Schulhof, und zwar entweder stehenden Fußes oder an der Erde sitzend. Und nach allen Leiden und Entbehrungen, die der Kolonist das Jahr hindurch erlebt hat, sieht er sich nach der Ernte aller Lebensmittel für das kommende Jahr bar! Mit gebeugtem Rücken, mit faltenreicher Stirn, mit verschmachteten, blaffen Lippen, mit gelb-bleichem Gesicht, — mit einer Thräne im Auge und mit einem tiefen, tiefen Seufzer nimmt der Kolonist mechanisch seinen Pflug und — arbeitet weiter! Marens Mieser Bloch. Zur;»ojährigen Wiederkehr seines Todestages (s. August zryy bis 6. August *899-) Von Dr. med. Iwan Bloch in Berlin. Als Arzt beliebt; als Forscher der Natur Berühmt bei seiner Natur nicht nur; Als Menschenfreund, wie Mendelssohn geschätzt. Ist Bloch, dem Wahrheit dieses Denkmal setzt durch ihren Freund Krünitz. - iese etwas ungelenken Berse finden sich unter dem wohlgelungenen Bildnisse von Marcus Elieser Bloch auf dem Titelblatt des 31. Bandes der „Oekonomischen Encyklopädie" von Dr. Johann Georg Krünitz (Berlin 1784). Noch heute, da ein Centenarium mit Blochs Tode vergangen ist, können wir sagen, daß die schlichten Verse seines Freundes die Wahrheit ausdrücken. Marcus Elieser Bloch war ein beliebter Arzt, ein Philanthrop wie Mendelssohn und Basedow, vor allem aber war er einer der größten Naturforscher des 18. Jahrhunderts, erfüllt von einem leidenschaftlichen und selbstlosen Interesse für die Wiffenschaft, welche er in diesem Jahrhundert am meisten gefördert hat für die Lehre von den Fischen, die Ichthyologie. In sinniger Weise wird auf dem eben erwähnten Bilde (das übrigens auch in A. Kohuts augenblicklich erscheinender „Geschichte der deutschen Juden" einen mehr zugänglichen Platz gefunden hat) dieses Hauptwerk seines Lebens vor Augen gerückt. Zwei Engel beschauen, eng an einander geschmiegt, neugierig durch eine Lupe die Abbildungen von Fischen in einem vor ihnen aufgeschlagenen Buche! Marcus Elieser Bloch wurde im Jahre 1723 zu Ansbach als Sohn unbemittelter jüdischer Eltern geboren. Gleich sei bemerkt, daß er im Gegensatz zu dem Konvertiten' Samuel Bloch (geb. 25. Sept. 1795 zu Lübeck, gest. 4. Juli 1829 als Arzt zu Derenburg) dem Glauben seiner Väter treu geblieben ist. Er wuchs ohne jede Erziehung auf, so daß er im 19. Jahre noch nicht deutsch lesen konnte. Trotzdem befähigte ihn in jener Zeit seine Kenntniß der hebräischen Spracht und Litteratur zur Bekleidung einer Hauslehrerstelle bei einem jüdischen Wundarzte in Hamburg, die ihm Gelegenheit bot, sich mit der deutschen und lateinischen Sprache vertraut zu machen, und die vor allem ihm ein lebhaftes Interesse für die medizinische Wiffenschaft im Allgemeinen und für die Anatomie im Besonderen einflößte. Um seine Pläne auszuführen, ging Bloch nach Berlin, wo er, von dortigen Verwandten unterstützt, sich dem Studium der Medizin widmete, in Frankfurt a. O. zum Doktor promovirt wurde, um dann in Berlin als praktischer Arzt thätig zu sein. Nach Baas (Geschichtl. Entwickel. des ärztl. Standes. Berlin 1896, S. 351) gab es erst im 18. Jahrhundert wieder öfter jüdische Aerzte, die mit der Reformation nahezu ausgestorben waren. So gelangten in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auch in Berlin zahlreiche jüdische Aerzte zu großem Ruf. Wir nennen nur Levy Elias Hirschel, Salomon Gumperz, Aron Emmerich, Benjamin de Lemos und seinen berühmten Schwiegersohn Marcus Herz, den Schüler und Freund von Immanuel Kant. Fast alle wirkten gleichzeitig mit M. E. Bloch in Berlin. Dieser übte eine ausgedehnte und an Erfolgen reiche ärztliche Praxis aus, wofür sein erstes größeres Werk, die 1774 erschienenen „Medizinischen Bemerkungen", Zeugniß ablegt. Bloch bekennt sich darin als ein Freund der Anwendung des kalten Waffers in vielen Krankheiten und theilt allerlei merkwürdige Beobachtungen aus seiner Praxis mit. Als Anhang ist eine Abhandlung über den sogenannten „Pyrmonter Augenbrunnen" beigefügt, den Bloch im Jahre 1763 an Ort und Stelle untersucht hatte. Bald jedoch wurde seine Thätigkeit auf ein Gebiet gelenkt, auf welchem er wirklich Hervorragendes geleistet hat. In seinen Erholungsstunden beschäftigte er sich eifrig mit der beschreibenden Naturgeschichte, die durch Limws reformatorische Thätigkeit in ein ganz neues Stadium ihrer Entwickelung gekommen war. Bloch las die vorzüglichsten naturwiffenschaftlichen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts und prüfte ihre Angaben häufig an den ihm vorkommenden Gegenständen nach. Er erzählt in der Vorrede zu seinem ichthyologischen Hauptwerk, wie er dazu kam, gerade die Lehre von den Fischen neu zu bearbeiten. Es wurde ihm nämlich eine große Maräne zugeschickt, deren Beschreibung zu seinem Erstaunen bei Linn» und Artedi gänzlich fehlte. Eilte genauere Untersuchung zeigte ihm noch viele Lücken und fehlerhafte Angaben bei diesen Autoren, so daß er beschloß, das Leben von den Fischen selbständig und nach neuen'Grundsätzen zu bearbeiten. Er machte seine Sommererholung in einem Fischerdorfe und sammelte von den Fischern viele nützliche Beobachtungen, suchte auch in allen Provinzen Korrespondenten, so daß er dadurch in den Stand gesetzt wurde, eine „Oekonomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands" zu liefern. Insbesondere fand er in den Kreisen des hohen Adels für sein Unternehmen bereitwillige Unterstützung. Es wurde ihm auch gestattet, die großen Fischsammlungen des Prinzen von Oranien und des Herzogs von Braunschweig für seine Zwecke zu benutzen. So entstand das „ichthyologische Hauptwerk des vorigen Jahrhunderts" (I. V. Carus), die berühmte „Oekonomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands" (zuerst Berlin 1781—1782 in Quart, dann als Oktavausgabe in 3 Bände». Berlin 1783—1785, mit 108 Kupfern), die eine Fortsetzung fand in der „Naturgeschichte ausländischer Fische" (Berlin 1785-1795, 9 Bd. mit 324 Kupfern. Französisch von