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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-04 · Heft 31 (4.8.1899) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 31 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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' * ' --'»WlllUjWpWjBipP^WipilPI - 368 -- habe die ersten vier Stunden des Tages dir, Erde, gewidmet und um 7 Uhr Brod mit Zwiebeln gefrühstückt, die Ochsen gewechselt, diese habe ich ruhen lasten, mir keine Ruhezeit gegönnt, und noch weitere vier Stunden bin ich dem Pflug« gefolgt und habe um 12 Uhr meinen Heißhunger mit Brod und Zwiebeln gestillt; dann habe ich wieder die Ochsen gewechselt, diese habe ich ruhen lasten,, mir keine Ruhezeit gegönnt, und nach abermals fünfstündiger Arbeit dir „basta mafiana“ gesagt; und nachdem ich meinen neunten Theil vom Kilo Fleisch zum Abendbrod eingenommen — du weißt es ja, daß drei von meinen vier Brüdern unserer Mutter drei Schwiegertöchter zur Tafel zuführen — begab ich mich zur Ruh', um den anderen Tag auch um drei Uhr frühmorgens aufzustehen. So arbeiteten wir eine lange Reihe von Tagen, bis wir fünf Brüder dir, Mutter Erde, durch das Bestellen von 120 Hektar unsere Treue zu dir bewiesen haben. Und nun fressen Fremde deinen Ertrag! Aber ach! Nicht ein Fremdling ist hier die Heuschrecke! Sie ist hija del pais, sie ist ja ein Kind des Landes, sie ist einheimisch, und wir sind machtlos, sie zu vertreiben!" Die Heuschrecke erhebt sich sattgcfreffen von den Weizenhalmen und fliegt schwirrend auf, der Kolonist erhebt sattgeweint das Haupt und sendet ihr thränenden Auges ein Stöhnen nach. Er sieht das Fliegen und Flattern, er hört das Summen und Summsen, da saust's und braust's ihm in den Ohren: „An Stütze hast du in diesem Jahre nicht zu denken!" Da zuckt es ihm durch den Sinn, er läßt sein Auge noch einmal über sein weites Feld schweifen, greift behend nach seiner linken Seite, und einen Revolver fühlt er in seiner zitternden Rechten! Todesstille herrscht um den Todbleichen, auf den Revolver hinstarrend, steht er da, und ein tiefer Seufzer preßt das Wort „Mutter" aus seiner Brust heraus. Da steckt er zögernd den Revolver in den Gürtel wieder und kehret langsamen Schrittes heim, zurück. Die Mutter sieht ihn die Thür aufmachen und auf der Schwelle in Ohnmacht fallen. „Er ist auf dem Kamp gewesen!" schreit sie händeringend auf. Doch sucht sie, die alte Mutter, die Wittwe, ihre Söhne zu trösteir und sagt: „Der liebe Gott wird uns doch Regen geben, und dann wird noch alles wieder gut werden." Und in der That, die Heuschrecke hat eine noch so große Verheerung anrichten können, die günstige Witterung aber, die darauf folgt, wie die häufigen Regenfälle mit Abwechselung von heiteren Tagen, richten alles wieder auf. Der Weizen wird wieder dicht, und der Lein verspricht eine gute Ernte, und nach zwei Monaten beginnen die Kolonisten Vorbereitungen zu der Ernte zu treffen. Die Mähmaschinen werden zur Reparatur gegeben, das Fuhrwerk ausgebeffert; man läßt sich vom Getreidekäufer Vorschuß geben, Peone, d. h. Knechte, werden angestellt, und Mann und Weib, Sohn und Tochter sehen mit Sehnen dem Tag entgegen, an dem die Ernte beginnen soll. Die Schulen werden geschlossen, und die Ernte beginnt, und die Kolonisten wetteifern in der Arbeit. - Groß wie Klein legt Hand an. Die Erwachsenen schneiden, sammeln, laden die Wagen, führen und legen das Getreide in Haufen. Die letztere Arbeit erfordert Fachkenntniß, und darin nicht geübte Kolonisten müffen sie von Peonen verrichten laffen. Auch 12 und 11jährige Kinder sind darauf stolz, die Mähmaschine lenken zu können; und kleine Jungen im Alter von 10—8 Jahren, die in den betreffenden Jahren zu leichteren Arbeiten verwendet werden, wie z. B. die Obhut über das zur Ernte erforderliche Zugvieh zu haben, sehen das förmlich als Belohnung für ihre Dienstleistung an, wenn der Vater ihnen verspricht, sie im nächsten Jahre auch auf der Maschine sitzen zu laffen. Aber auch Viehhüter sein, ist für ein 9- und 8jähriges Kind nicht so leicht. Es muß fast den ganzen Tag auf dem Reitpferde bleiben, die große Zahl von Pferden und Ochsen beisammen halten, es muß sie weiden und tränken und auf das jeweilige Verlangen der Wagenführer die von diesen bezeichneten Pferde oder Ochsen eintreiben und bald wieder zu seiner kleinen Heerde hinübergaloppiren. Die Kinder verrichten aber diesen Dienst mit großer Freude und mit noch größerer Geschicktheit, wie überhaupt zur Zeit der Ernte Jeder sehr fleißig und fast mit Begeisterung arbeitet. Die Mädchen bringen auf den Kamp Frühstück-, Mittags- und Vesperbrod hinauf und die Hausfrau selbst rühret geschäftig die Hände zu Haus, denn sie hat voll zu thun, um dies alles zur pünktlichen Zeit zuzubereiten. Denn jetzt ist's nicht wie das ganze Jahr, wo Mann und Kind erst Abends zu essen bekommen, jetzt giebt cs Peone, und diesen muß man zu esien geben. So wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang rastlos gearbeitet, denn die kostbaren heiteren Tage müffen eifrig ausgenutzt werden. Und wenn auf die 14—15stündige Tagesarbeit eine Mondnacht folgt, wer ist dann froher als der Kolonist! Die Peone begeben sich zur Ruhe, Vater und Sohn aber setzen ihre Arbeit bis 12—1 Uhr Nachts fort, und manchmal auch, bis ihnen der Abendsteru als Morgenstern wieder erscheint, und sie die Peone zur neuen Tagesarbeit wecken können. Und fleißig muß an jedem Heute gearbeitet werden, denn nicht hören auf die Sorgen um den Kolonisten zu schweben, daß er morgen nicht mehr wird arbeiten können, da sich der Vorbote des Regens, der Sturm, schon ahnen läßt. Nun wird mit doppelter Anstrengung gearbeitet; Neues wird nicht mehr geschnitten, sondern alles vom Felde schnell gesammelt, auf die Wagen geladen und zu den Haufen geführt. Jetzt schnell Deckgarben herbei, daß der Haufen „bedachet" werde, bevor der Regen fließe nach seiner argentinischen Weise. . . Vorüber ist der Regen, getrocknet sind die Getreidepuppen, und festgestellt auf Erden ragen hoch und langgestreckt die Haufen, aus Weizen oder Lein gemacht. Und ausgetrocknet, ausgehungert betrachtet der Kolonist seiner Hände Werk und — freut sich! Denn die lange, schwere Arbeit ist vollbracht, und mit bangem Hoffen wartet er, daß die Dreschmaschine komme. Und während man die Maschine erwartet, kommt ein Regen nach dem anderen gar unerwartet; die tvrinento, der Sturm, reißt vom Getreidehaufen ein Stück nach den: anderen fort, und der Regen fällt in den Bauch des Haufens tief hinein, und ein großer Theil des Getreides muß nach dem Dreschen lange Zeit der Svnne ausgesetzt werden, damit es recht trocken werde, denn sonst giebt es einen niedrigeren Preis. Nach dem Dreschen wird das Getreide nach der Eisenbahnstation geführt, der einzigen Verkaufsstelle in Clara. Der Käufer zieht vom Gesammtgewicht einige FanegaS ab, da ihm das Getreide nicht recht trocken zu sein scheint, zieht vom Gesammtbetrage den Vorschuß ab, den er dem Kolonisten vor der Ernte gegeben hat, und der Kolonist bekommt endlich die Früchte seiner langen, langen Arbeit zu sehen, nämlich die Pesos (1 Peso — 1,60 Mark). Auf dem Rückweg nach Hause bezahlt der Kolonist im Laden die Schulden, die er in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres gemacht hat, kauft für sich und seine Frau und Kinder einige Hemden, denn die vorjährigen sind durch den Schweiß ganz zersetzt worden und nach Hause kommend, bezahlt er den Maschinisten für das Dreschen. Aber wie groß ist der Schrecken des Kolonisten, wenn er gewahr wird, daß ihm nichts geblieben ist, um den Schlächter zu bezahlen, der ihm fast ein ganzes Jahr lang Fleisch kreditirt hat. Um aus dieser Verlegenheit zu kommen, giebt es zwei Wege: Entweder der Kolonist verkauft den Vorrath, den er für Saat gelaffe», und wenn dies nicht reicht, weil vielleicht noch andere Schulden nicht ganz gedeckt sind, auch einen Theil des Vorraths, den man für das tägliche Brod bestimmt hat, und man bezahlt dem Schlächter; oder

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