Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- Seite 367 (sequence 7)
- Language
- German
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367 mehr Kilometern, in denen im Abstande von je 1 oder IVs Kilometer sich je 4 Kolonistenhäuser befinden, vier Häuser also und manchesmal drei bilden eine Gruppe. Fast alle Kolonien haben ihren Namen von Personen, die sich irgendwelche Verdienste um die Kolonien erworben haben, oder denen man dadurch blos eine Ehre bezeigen wollte. So erinnert die Kolonie Miguel an den Colonel Goldsmith, Jda und Carmel an zwei Personen seiner Familie; Sonnenfeld an den Herrn Dr. Sonnenfeld; Guinzbourg an den Baron von Ginzburg, Feinberg an Herrn Feinberg, Präsidenten des Centralkomitees in Petersburg. Einige Kolonien führen den Namen der russischen Stadt, aus der die Kolonisten der betreffenden Kolonien herkamen. Während das Dorf die Vorzüge hat, daß es den Kolonisten gemeinsames Zusammensein, gesellschaftlichen Verkehr und auch die Gelegenheit bietet, sich für gemeinnützige Zwecke zu interesstren, da in einem Dorfe nämlich weder Bethaus noch Schochct noch Badehaus fehlt, leben die Kolonisten in den Gruppen fast abgeschloffen von gesellschaftlichem Verkehr. Nur wenn ihnen die Zeit erlaubt, von ihrem Haus und Hofe länger fernzubleiben, und wenn das Wetter günstig ist, machen sie reitend oder zu Wagen Besuch. Zwar sind die Gruppenkolonisten von allen den Jntriguen und streitigen Zwischenfällen, die eine jüdische Kehilla, und wenn sie noch so klein ist, nach sich zieht, befreit. Wenn man aber bedenkt, daß die meisten der nach hier gekommenen Russen zu jenen Tausenden und Abertausenden von Juden gehören, die in ihrer Heimath blos dem Satze „was werden die Leute sagen" folgend das jüdisch-religiöse Leben führten, daß sie aus der Mitte derjenigen Juden hervorgehen, die in der Jugend des Vaters wegen, im Mannesalter der Schwiegermutter wegen und im Verkehr — der Leute wegen fromm sind; wenn man bedenkt, daß solche Menschen, von den Feffeln der Aufsicht und der Kritik der Nebenmenschen befreit, sich auch von den einigenden Banden der Religion , zu befreien suchen, und wenn man in Erwägung zieht, daß die Kolonisten — mit einer ganz kleinen Ausnahme — aufs Aeußerste ungebildet sind, und daß, wenn man dem Ungebildeten noch die Gottesfurcht nimmt, ihm vom Begriffe Mensch nichts als deffen äußere Merkmale übrig bleiben, so wird man zugeben müflen, daß diejenige Partei, die bei der Gründung der Kolonisation gegen das Dorfsystem war, das Festhalten der jüdischen Sitten und Gebräuche nicht in Rechnung gezogen hat. Zwar ist auch in den Dörfern eine Degradirung nicht ausgeschlossen; der wird aber durch die gemeinnützigen Sorgen und Interessen von Zeit zu Zeit Halt geboten, wodurch die Fallenden sich wieder hinaufschwingen. Endlich haben die Dörfer noch den Vorzug, daß sie den Kindern einen bequemen Schulbesuch gewähren, da jedes Dorf eine Schule hat, während die Kinder in den Gruppen 3—4, ja 6 Kilometer weit zur Schule reiten müssen. Die Tragweite dieses Mangels erkennt man, wenn man die hiesigen Verhältnisse kennt. Die Kinder besuchen überhaupt 7—8 Monate im Jahre die Schule; denn beim Bestellen des Feldes und in der Erntezeit leisten sie ihren Eltern eine nicht zu unterschätzende Hilfe, und das nimmt mindestens 3 Monate in Anspruch, und zieht man vom Jahre noch die Feiertagsferien ab, mindestens 2 Monate, und wenn man auch das indifferente Verhältniß der Eltern zur Schule in Betracht zieht, so bleiben kaum 7 Monate für den Schulbesuch. Und diese Zeit muß das Kolonistenkind ausnützen, wenn es vom Spanischen, vom Rechnen und vom jüdischen Wissen wenigstens eine Ahnung haben soll. Nun muß man aber hier mit dem Wetter rechnen, und mit dem ist hier kein ewiger Bund zu flechten. Schön ist der Vormittag, schöner der Nachmittag, und gegen Abend ist es gar herrlich, und der Himmel ist lachend heiter. Da erhebt sich im Nu ein gewaltiger Sturm, Wolken ziehen heran, schwarz wird der Himmel, Donner wechselt mit Blitz blitzesschnell; und wie blitzt cs hier! und wie donnert es hier! und das Wetter wird förmlich zu einem Blitz- und Donnerwetter, und der Regen ist unvermeidlich! Und daß er auf einen solchen Sturm folgt, weiß man ganz sicher; wann es aber aufhören wird, zu regnen, das kann Keiner im Voraus sagen. Und regnet es hier einmal, so hat das Kind in den Gruppen auf einige Tage von der Schule Abschied genommen und im Herbste — auf Wochen! Denn nach einem Regen wird der Weg unpassirbar, die zu passirenden Teiche schwellen an, die Pfützen lassen keinen Wagen durch, und so bleibt jeder Verkehr stocken, und Groß wie Klein bleibt zu Haus. Von den Kulturpflanzen, die hier am besten gedeihen, sind Weizen, Lein und Mais zu nennen. Die Zeit der Aussaat der ersten zwei ist im Mai und Juni, deren Ernte Dezember und Januar; Mais säet man oder vielmehr soll inan säen im September oder Oktober. Das Klima ist hier so günstig, daß es das ganze Jahr hindurch zu arbeiten gestattet, und der Boden ist hier so empfänglich, besonders in Entre Rios, wo der Humus bis zu einem Meter und darüber reicht, daß alles, was man in die Erde hineinlegt, ja sogar das, was von den Bäumen und Pflanzen von selbst auf sie fällt, prächtig gedeiht; und so ist es nicht überraschend, wenn der Boden auch für Unkraut günstig ist. Und mit diesem letzteren hat der Kolonist zu kämpfen und muß deshalb 2—3mal pflügen. Der Kolonist beginnt somit gleich nach der Ernte, während sein Getreide noch zum Käufer geführt wird, sein Feld zu pflügen; im April ackert er es noch einmal durch, und wenn das Wetter regnerisch ist, dauert das Ackern bis Mai; dann beginnt die Aussaat, danach geschieht das Eggen. Ein großes Stück Arbeit! Denn er hat nicht weniger als 60 Hektar bearbeitet. So, nach schwerer Arbeit, Übergiebt der Säemann der Erde seine Saat und hofft, daß die — Heuschrecke kommen werde! Diese Hoffnung hat den Kolonisten noch nie getäuscht, und so weiß er, daß die Heuschrecke kommen wird. Der Kolonist hat auch Platz für einen Garten; er pflügt auch den Garten, macht Beete, er säet Kartoffeln, Gurken, Rüben, Kohl, Zwiebeln, Kürbisse und Melonen, er pflanzt auch Bäume und segnet seiner Hände Arbeit mit dem von Verzweiflung zeugenden Spruche: „Nun kann die Heuschrecke kommen, nun wird die Ameise was zu fressen haben!" Auch die drei Hektar Landes, die der Kolonist außer dem Garten neben seinem Hause hat, werden 2—3 mal gepflügt, sorgfältig Mais gesäet und geeggt, denn die Sorgfalt giebt der Pflanze einen hohe» Wuchs, dann kehrt er heim, von seinem Lande mit den Worten Abschied nehmend: „Nun habe ich für die Heuschrecke auch ihre Lieblingsspeise zubereitet!" Und am Versöhnungstage gegen Abend, wenn der Kolonist aus bangem Herzen inbrünstig und mit thränendem Auge betet: „Mache auf, o Gott, die Thore des Himmels und öffne uns Deinen Schatz!" da kommt die Heuschrecke I Und am zweiten Tage kommt die Heuschrecke und am dritten Tage die Heuschrecke, und wohin fliegt sie? — gleich auf die üppig grünen Lein- und Weizenfelder. Und in welchen ungeheuren Massen kommt sie hergeflogen! Verdunkelt wird im vollen Sinne des Wortes das Sonnenlicht, stickend dicht und schwer die Luft, und angst und bange wird es dem Kolonisten zu Muthe. Der Kolonist geht mit Zaudern auf seinen Kamp hinaus, überschaut mit Schaudern sein weites Feld: Leergefressen von der Heuschrecke ist die eine Hälfte des Kampes, vollbesetzt von diesem Berwüstungsheere ist die zweite; und tief beugt sich das Haupt des Kolonisten, tief senkt sich sein Blick, und man hört oft diesen Monolog murmeln: „Ich war der Erste auf der Weide, die Ochsen zu holen, habe dort im Nebel mir die Augen wund nach den Ochsen geschaut.