Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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366 Briefe aus Argentinien. Bon I. Hurwitz. I. in wahrheitsgetreuer Bericht über die jüdischen Kolonien in Argentinien dürfte den widersprechenden Nachrichten gegenüber, die von hier nach Europa kommen, sicher für die Leser dieses Blattes von Interesse sein. Ich will Ihnen hier schreiben: Ueber das Klima in den Kolonien, die Eintheilung und Beschaffenheit der Kolonien, über die Arbeitstüchtigkeit und Lebensweise der Kolonisten und über die Verwaltung, woraus Sie auf die Hoffnung werden schließen können, die sich die Kolonisten von der Zukunft versprechen; und im Bericht über die Schulen werde ich Ihnen schreiben: über den Schuldirektor, die Lehrer und über den Unterrichtsstoff, woraus Sie auf die Versprechungen werden schließen können, die sich das jüdische Volk von den künftigen hiesigen jüdischen Kolonisten zu machen hat. Für das in den Kolonien herrschende Klima redet die Thatsache, daß sich dieselben in d e m Lande befinden, dessen Aushängeschild „Buenos Ayres" ist. Die ersten spanischen Eroberer Amerikas — Lonquistadüres genannt — sollen bei ihrer Landung am rechten Ufer des La Plata ausgerufen haben: „Qui buenos ayres son los de este suelo!“ „Was für gute Luft ist die dieses Bodens!" Und diesen Namen hat die Hauptstadt Argentiniens erhalten, während er dem ganzen Lande mit ebensolchem Rechte gebührt. Ueber das Klima Argentiniens im Allgemeinen äußert sich Latzina, Direktor des statistischen Büreaus, folgendermaßen: „Das Klima von Argentinien ist im Winter weniger rauh und im Sommer mehr warm als das von Italien, und es ist für die Gesundheit des Menschen sowohl als für die Produktivität des Bodens sehr günstig; Menschen aller Raffen können sich ohne Unterschied ihres Ursprungs und ohne eine vorherige Akklimatisirung auf diesen Boden übersiedeln und ohne die geringste Gefahr für ihre Gesundheit ihren Lebensgewohnheiten gemäß leben." Und in der That ist das Klima hier so schön, daß das Gras das ganze Jahr hindurch grün bleibt, und die Mehrzahl der Bäume niemals ihre Blätter abwirft. Das Klima ist im Norden heiß, warm im Inneren und mäßig warm im Süden, und weiter nach Süden sogar kalt. Diese Verschiedenheit des Klimas sowie die verschiedene Beschaffenheit des Bodens und die nähere oder weitere Entfernung vom Meere bewirkt, daß Argentinien neben den tropischen Pflanzen auch die der gemäßigten Zone aufzuweisen hat. Da sieht man die Kartoffel neben der Mani (die Oelpflanze, Pistazie), Pflaumen neben Weintrauben und Aepfel neben Apfelsinen, Feigen und Aprikosen gleich gut gedeihen; hier ist der Weizen gleich heimisch wie die Palme und der Kaktus. Freilich gedeihen die Tropengewächse desto besser, je näher zum Norden, und die anderen je näher zum Süden, und natürlich zu anderen Jahreszeiten wie in Europa. Denn die Jahreszeiten hier entsprechen nicht denjenigen von Europa. Der Frühling fällt hier auf September, Oktober und November; Dezember, Januar und Februar haben wir hier Sommer; der schöne Mai ist hier der letzte Monat des Herbstes, und Juni, Juli und August ist hier Winter. Der Sommer ist sehr heiß, und er wäre unerträglich, wenn die Reihe der heißen Tage nicht durch den Pampero — den Südostwind — unterbrochen werden würde. Dieser Wind wird gar oft zum heftigen Sturm und ist fast immer als Vorbote des Regens bekannt. Die meisten Regenfälle haben wir im Herbst, aber auch in den anderen Jahreszeiten brauchen wir auf sie nicht zu lange Zeit zu warten. Im Allgemeinen aber giebt es hier heiterer Tage mehr als trübe. Aber wie heiter, wie prächtig ist hier der Himmel, wie rein und trocken die Luft! Ein Kadaver eines Thieres z. B. geht hier nicht in Fäulniß über, sondern wird ausgetrocknet, und eine Fata Morgana gehört zu den gewöhnlichen Naturerscheinungen! So ist das Klima des „Buenos Ayres"-Landes! Und eine der argentinischen Provinzen, die von der großen Hitze des Nordens und der Kälte des weiteren Südens verschont ist, die die Wohlthaten des frischen und erfrischenden Nordwindes im reichen Maße genießt, der vom Südosten der sanfte und trocknende, den Menschen erlabende Pampero zuweht; die von den reichen Wassern des Parana links und des Uruguay rechts bespült und von deren unzähligen Nebenflüssen durchkreuzt und von vielen Seen, Teichen und Bächen getränkt wird, eine Provinz, die in Viehzucht die zweite Stelle einnimmt und in Ackerbau die erste einzunehmen verspricht, eine solche Provinz ist Entre Rios, das argentinische Mesopotamien, und diese Provinz hat die I. C. A. für die jüdischen Ackerbauer auserwählt! In noch zwei anderen Provinzen hat die I. C. A. Kolonien, nämlich : Kolonie Moisesville in der Provinz Santa Fe, der jetzigen Kornkammer Argentiniens, und Kolonie Mauricio in der Provinz Buenos Ayres. Der größte Koloniekomplex aber ist der in Entre Rios, und er führt den Namen „Clara" nach dem Vornamen der Frau Baronin. Mein Domizil ist in Clara, und so werde ich blos über diese Kolonie schreiben. Bemerken aber möchte ich, daß die meisten Klagen, die man in Europa in den Zeitungen liest, sich auf Moisesville beziehen, wenn auch der Administration von Clara gerade kein Unrecht geschieht, wenn man ihr keinen Lobstrich giebt. Für das Verhältniß der Administration von Moisesville zu den dortigen Kolonisten ist die Thatsache charakteristisch, daß die Postverwaltling in den Händen des Administrators liegt, das weiß ich sicher, und diese traurige Thatsache rechtfertigt Jeden, der den Mittheilungen über die übrigen Vorgänge treuen Glauben schenkt. Anders dagegen verhält sich der Administrator von Clara. zu seinen Kolonisten. (Auf das Pronomen possessivum werde ich noch später zu sprechen kommen). Doch will ich mit der Mittheilung über die Verwaltung nicht vorgreifen. Um aber etwaige falsche Vorstellungsverbindungen zu vermeiden, möchte ich die Bemerkung voranschicken, daß Administrator und Administration, welche Begriffe ich hier erwähne, nicht identisch sind: Unter „Administration" verstehe ich, wenigstens in diesem Falle, das Verhalten aller hiesigen Beamten zu den Kolonisten und ihre Behandlung, die ein Jeder von ihnen den Kolonisten zu Theil werden läßt, während ich unter Administrator die Person deS Leiters selbst verstehe. — Der Koloniekomplex Clara ist zusammengesetzt aus ca. zehn Dörfern, aus vielen Kolonie-Gruppen und aus einigen einzelnen, sogenannten zerstreuten Häusern. Jedes Dorf ist eine gegen zwei Kilometer lange Straße mit je 25—30 Häusern zu beiden Seiten. In der Mitte der einen Häuserreihe ist die Schule, die Synagoge und das — Bad, und zwar ist die Schule selbst zugleich Synagoge, und das andere Gemeindehaus, das Bad nämlich, ist in demselben Hofe, und in der Mitte der anderen Häuserreihe, also der Schule gegenüber, befindet sich die carniceria, zu Deutsch das — Schlachthaus! Ich bedauere sehr, im Spanischen einer Redewendung begegnet zu haben, die zwar in kultivirten Ländern der Wirklichkeit nicht entspricht, die hier aber leider zutrifft: Diese heißt „pareee una carniceria“, „es ist eine wahre — Judenschule". Sehr traurig, aber leider wahr! Ich werde keine Reflexionen machen, da ich Ihnen mehr Beschreibung als Schilderung bieten will, obgleich die stillschweigend proklamirte Censur der Administration das erstere auch ahnden kann. — Ich fahre also in der Beschreibung der Eintheilung der Kolonien fort. Die Koloniegruppen sind Straßenlinien genannt — von 6, 8, 10 und