Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
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365 Verein fei jedoch durch seinen Genossen Professor Badt auf das Beste vertreten gewesen. Am ersten Tage habe es sich um die Kaffengründung gehandelt, und er bezweifelt, ob er in diesem Punkt mit Herrn Professor Badt, dem zweiten Delegirten, übereingestimmt hätte. Wesentlich drei Punkte wären es gewesen, bei denen er mitgewirkt habe: 1. bei der Gründung eines Bereinsorgans, die damals nicht verwirklicht worden sei; 2. bei der Frage, welche Schritte zur Erhaltung der jüdischen Volksschulen zu erfolgen hätten. Nach der Auffassung des Herrn Referenten könne man eine Eroberung neuer Schulen nicht erhoffen, da in größeren Städten jüdische Kinder meist die höheren Schulen besuchten, höchstens wäre es in kleinen Gemeinden möglich, jüdische Schulen zu gründen. Redner weist auch bei dieser Gelegenheit auf das Emanzipationsstreben vieler Glaubensgenossen hin, dessen Berechtigung man nicht so ohne Weiteres abweisen könne, und welches vielfach der Gründung jüdischer Schulen hinderlich sei. 3. wirkte der Herr Referent auch bei der Berathung der Statuten mit. Ueber einen Punkt fand eine sehr herbe Diskussion statt, nämlich über den gestellten Antrag, daß nur geprüfte Lehrer im Delegirtenvorstand sitzen dürften, die Rabbiner demnach ausgeschlossen sein sollten. Dieser Paragraph wäre geeignet, die Wirksamkeit des Verbandes zu beeinträchtigen, da die Anschauungen der Rabbiner, die meist mit der Leitung der Religionsschulen betraut seien, doch nicht ignorirt werden könnten. Das Resultat habe sich leider nicht ändern lassen, und dieser Beschluß hatte außerdem zur Folge, daß unser Verein im Vorstand unvertreten blieb. Im Anschluß daran erwähnt der Vortragende noch, daß bei der auf dem Delegirtentage erörterten Frage der Lehrervorbildung die jetzt bestehenden jüdischen Lehrerseminarien sehr ungünstig beurtheilt worden seien. Im Uebrigen hebt der Herr Referent anerkennend hervor, daß die Verhandlungen mit Würde und großem Ernst sich vollzogen, und die Tagung ohne Zweifel sich segensreich für die jüdische Lehrerschaft gestalten dürfte. Herr Rabbiner Dr. Freund-Ostrowo schlägt im Anschluß an diesen Bericht folgende Resolution vor: die Versammlung bedauert, im Vorstand des Delegirtenverbandes der jüdischen Lehrervereine nicht vertreten zu sein. Bevor jedoch abgestimmt wird, erbittert Dr. Brann das Wort zur Geschäftsordnung. Er macht darauf aufmerksam, daß, bevor Beschlüsse von der Versammlung gefaßt würden, der Vorstand stch erst von Neuem zu konstituiren hätte. Vor Beginn der Wahl erklärt Herr Dr. Samter, das Amt eines Schriftführers ferner nicht mehr annehmen zu können. Auf Vorschlag des Herrn Dr. Brann wird der bisherige Vorstand per Akklamation wieder- und an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Dr. Samter Moops-Breslau als Schriftführer neugewählt. Der zweite Delegirte des Vereins — Herr Professor Dr. Badt — erstattet nun weiteren Bericht, und zwar über die beabsichtigte Kassengründung des Verbandes. Die Möglichkeit eines Erfolges wird von dem Herrn Delegirten bezweifelt wegen der Höhe der zu leistenden Beiträge. Redner habe auf dem Delegirtentage den Antrag gestellt, nur für solche Bezirke die Kasse ins Leben zu rufen, in denen keine Hilfskasse bestehe. Dieser Antrag sei aber abgelehnt worden, ebenso sei der Antrag von Herbst-Liffa, daß den Delegirten von dem Verbände eine Reisesubvention geleistet werde, verworfen worden. Dagegen wurde der Antrag zumBeschluß erhoben, daß die einzelnen Vereine selber die Kosten für die Sendung der Delegirten zu tragen hätten. Im Verlaufe seines weiteren Berichtes weist der Herr Referent auf einen trefflichen Artikel in der „Allgemeinen israelitischen Wochenschrift" vom 19. Mai d. I. vom Kollegen Peritz- Königsberg i. Pr. hin, betitelt „in letzter Stunde", der alles das schön zusammenfaffe, was man bei der Konstituirung des Verbandes so ohne Weiteres übergehen zu müssen geglaubt habe. In dem Artikel wird mit Recht bemängelt, daß die großen Vereine im Berbandsvorstand ganz unvertreten seien, und daß zu Mitgliedern des Vorstandes nicht die Mitglieder des Vorstandes der einzelnen Vereine gewählt worden sind. In der an diesen Bericht sich anschließenden Diskussion weist zunächst Dr. Freund darauf hin, daß nach seiner Auffassung die Höhe der Beiträge, welche die allgemeine Verbands-Pensionskasse beanspruche, nicht allzu hoch seien, da man bei Lebensversicherungen auch gerade nicht besser daran sei. Demgegenüber bemerkt Brock-Hirschberg, Lebensversicherungen böten den Vortheil, nach einer bestimmten Reihe von Jahren ein Kapital von ihnen ausgezahlt zu erhalten. Herr Dr. Brann erklärt, der. Beitritt zur Lehrer-Verbandskaffe wäre für die Mitglieder des Vereins nicht rathsam. Man könne unmöglich einem jüdischen Lehrer zumuthen, im 34. oder 35. Lebensjahre, in welcher Zeit sich wohl der größte Theil der Beamten entschließen dürfte, für sein Alter Sorge zu tragen, den neunten Theil seines Einkommens zur Pensionskaffe beizusteuern. Er halte es für rathfamer, sich der Hilfskaffe für Schlesien und Posen anzuschließen, die weit geringere Leistungen von den Mitgliedern beanspruche und bei alledem viel leiste. Er stelle daher den Antrag, die Versammlung wolle beschließen: „Es ist nicht rathsam, der Verbandskasse des allgemeinen jüdischen Lehrervereins beizutreten wegen der großen Opfer, die sie erfordere, dagegen ist den Mitgliedern des Vereins dringend zu empfehlen, der Pensionskasse für Schlesien und Posen stch anzuschließen." Dieser Antrag wird von der Versammlung angenommen, ebenso auch der von demselben Herrn gestellte: „Es ist wünschenswerth, daß im Vorstand des Gesammtverbandes die einzelnen Provinzialvereine wenigstens durch ein Mitglied vertreten sind." 5, Die Versammlung tritt nun in den nächsten und letzten Punkt der Tagesordnung ein: Referat über das Berbandsthema: „Welche Anforderungen müssen an die jüdischen Lehrer und Lehrer-Bildungsanstalten gestellt und von beiden erfüllt werden?" Herr Dr. Brann hatte stch in letzter Stunde in gewohnter Liebenswürdigkeit bereit erklärt, das Referat zu übernehmen. Trotz mehrfacher Anfragen hatte sich leider früher keiner der Herren Kollegen zur Uebernahme der Aufgabe gefunden. Der Herr Referent wies zunächst darauf hin, daß auf dem Delegirtentage über diese Frage keine Einigung erzielt worden sei. Seiner Meinung nach könne es sich hier nur darum handeln, welche Anforderungen man an den jüdischen Lehrer, insofern er zugleich in der Religion zu unterrichten habe, stellen müsse, und wie dementsprechend die jüdischen Borbereitungsanstalten einzurichten seien, um ihre Zöglinge mit dem nöthigen Wissen darin auszurüsten. Die persönlichen Anforderungen, welche man im Allgemeinen an den Lehrer zu stellen habe, wie Liebe zum Beruf und zu seinen Schülern, Gewissenhaftigkeit in der Ausübung seiner Pflichten, das Streben, Muster und Vorbild zu sein rc., müssen selbstredend auch vom jüdischen Lehrer beansprucht werden. Die wissenschaftlichen Anforderungen, welche man an ihn als Lehrer der Religion im Besonderen zu stellen habe, würden etwa Folgende sein: a) Gr müsse eine derartige Kenntniß der Quellen der jüdischen Religion besitzen, daß er im Stande sei, die Bibel und das Gebetbuch im Urtext zu lesen und zu verstehen. Ferner müsse er einigermaßen in den Ritualien Bescheid wissen; b) müsse er eine zuverlässige Kenntniß der biblischen Geschichte und ein übersichtliches Wissen in der nachbiblischen Geschichte und Litteratur besitzen, um mit Berständniß ein anschauliches Bild von den wichtigsten Ereignissen seinen Schülern bieten zu können; c) müsse er einen Einblick in die systematische Religionslehre haben und 6) die Fähigkeit besitzen, das materielle Wissen für den Unterricht in allen Fächern nutzbar und fruchtbar zu machen. Rüsten die Seminarien ihre Zöglinge mit dem Wissensstoff aus, und geben sie ihnen die Anleitung, diesen Stoff methodisch zu verwerthen, so wird daraus Heil und Segen fürs Judenthum erblühen. Herr Dr. Freund Ostrowo wünscht im Anschluß an das Referat, daß die Anforderungen an die jüdischen Seminarien höher gestellt werden müßten, damit sie im Stande seien, den Lehrer auch für den Kantor-, Schächter- und Predigerberuf vorzubereiten, und schlug in diesem Sinne eine entsprechende Resolution vor. Alexander-Breslau protestirt, daß bei der Wichtigkeit der Sache in so vorgerückter Stunde darüber noch abgestimmt werde. Dr. Freund entgegnet, er sei befriedigt, wenn die Resolution nur im Protokoll vermerkt werde. Brock-Hirschberg wünscht, daß die Seminarien den Zöglingen Gelegenheit bieten sollen, in Synagogen Vorbeterdienste zu verrichten. Auf Anregung des Herrn Vorsitzenden erklärte sich Herr Dr. Freund bereit, auf der nächsten Generalversammlung über folgende drei Fragen ein Referat zu halten: 1. wie verhält sich der Lehrer zum Kantor-, 2. zum Schächter- und 3. zum Predigerberuf? Die Tagesordnung ist erschöpft. Der Vorsitzende weist noch auf einige Neuerscheinungen auf dem Gebiete des jüdischen Religionsunterrichts hin, dankt den Anwesenden für ihr treues Ausharren und schließt die Versammlung. Im Namen derselben ergreift Herr Rabbiner Dr. Wreschner-Samter noch das Wort, um dem Herrn Vorsitzenden seinen Dank für die umsichtige und unparteiische Leitung der Geschäfte auszudrücken. Schluß 2l/2 Uhr. Der Schriftführer: Moops.