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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-04 · Heft 31 (4.8.1899) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 31 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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-- 363 -- Am Großherzogthum Hessen wohnen 993659 Menschen, wovon 26114 (27,3 pro mille) Glaubensgenossen sind. In den drei Provinzen des Landes ist die Bertheilung der Bevölkerung nach Religionen folgende: Starkenburg Ober-Hessen- Rheinhessen Katholiken. 116 974 19152 142 314 Evangelische. 274 211 236 219 133 451 Sonstige Christen . . . 1583 227 6 205 Juden . 9 516 7 433 9160 Andere. 94 8 59 Das Fürstenthum Lippe hat 128 414 Einwohner, darunter 1024 (8 pro mille) jüdischer Nationalität. Die dritte der freien Reichsstädte, Lübeck, wird von 76 485 Menschen bewohnt. Davon gehören 65t (9,5 pro mille) unseren Glaubensgenossen an. Von den beiden Großherzogthümern Mecklenburg hat Mecklenburg-Schwerin 578 565 Einwohner, deren 2347 (4,1 pro mllle) sich zum Judenthum bekennen, und Mecklenburg-Strelitz eine Gesammtbevölkerung von 97 978 und eine jüdische von 497 (5 pro mille) Köpfen. $ Von einem unserer geschätzten Mitarbeiter aus Wien erhalten wir die folgenden sachgemäßen Auseinandersetzungen: In seinem nach Form und Inhalt gleich hervorragenden Werke „System der Ethik" schreibt Friedrich Paulsen, II. S. 491, in einer den Juden sehr ungünstigen Betrachtung über ihr Verhältniß zu der Bevölkerung, in deren Mitte sie leben, folgende Worte: „Würde Ungarn heute russisch, so würde sich der bisher ungarische Jude leicht darein finden, nun ein russischer Jude zu sein" rc. Nie ist leichtherziger eine größere Unrichtigkeit ausgesprochen worden. Für den Kenner der Geschichte des Jahres 1848 brauche ich es nicht erst hervorzuheben, daß das gerade Gegentheil von dem, was Herr Paulsen behauptet, wahr ist. Ungarn war thatsächlich im Jahre 1849, nach Niederwerfung des Aufstandes, in den Händen der Russen, aber die Juden blieben nach wie vor begeisterte Anhänger Kossuths und mußten das mit einer Geldstrafe von vielen Millionen, die Haynau über sie verhängte, büßen. Erst viel später wurde dieses Geld durch die Gnade des Kaisers zur Errichtung von verschiedenen Lehranstalten für die ungarische Judenheit verwendet. Welchen Stoff immer der sonst so gründliche Herr Paulsen besprochen hätte, er würde sich, als gewissenhafter Schriftsteller, für verpflichtet gehalten haben, sich genau zu informiren. Nur die Juden sind das oorpus vile, auf das Jeder nach Belieben losfchlägt, gleichgiltig, ob mit Recht, oder nicht. Die politische Gleichberechtigung ist in Deutschland thalsächlich vollzogen; aber die wirkliche Gleichachtung der Juden hinkt sehr, sehr langsam nach, und gerade bei den gelehrten Klassen ist sie weit mehr rückständig als bei dem' schlichten Manne in den kleinen Provinzstädten, der ja sieht, wie der Jude Leid und Freud mit ihm theilt. Da wird dann immer auf die Speisegesetze hingewiesen, ohne Rücksicht darauf, wie klein der Bruchtheil der deutschen Juden ist, dem sie heilig find. Zur österreichischen Armee gehören jetzt auch die Mohamedaner aus Bosnien und der Herzegowina; Niemand findet etwas darin, daß die Thier« für sie nach den Vorschriften des Islam behandelt werden; bei den Juden wird sofort Separatismus gewittert, wenn er die Speisegesetze hält. — Gewiß giebt es auch in Deutschland Männer, die es nicht vergeffen haben, wie tapfer die Juden im Jahre 1870 gegen Frankreich, wo sie schon damals die vollste Gleichberechtigung besessen hatten, gekämpft haben; aber Die, die daraus di« richtigen Konsequenzen ziehen, sind sehr in der Minderzahl. In Wirklichkeit ist in den Herzen der meisten Deutschen ein kleines Winkelchen, in welchem das avitische „Hep Hep" ruht, um bei günstiger Gelegenheit hervorzuspringen und sich geltend zu machen, wenn es auch nicht gerade mit diesem als veraltet geltenden Rufe geschieht. Wie lange es dauern wird, bis sich auch darin «in Wandel zum Besseren vollzieht, kann Niemand voraus wissen; sicher ist nur Eines, daß der Patriotismus der deutschen Juden sich durch diese trübe Erscheinung nicht beeinflussen lassen wird, und daß sie, nach wie vor, mit voller Treue zu Kaiser und Reich stehen werden. * Die Situation der Juden in Teheran ist bekanntlich eine sehr traurige. Die Muselmänner sehen in ihnen ihre Feinde und vor allem die gefährlichsten Konkurrenten auf dem Gebiete des Handels. Seit drei Jahren hatten die Juden von der Regierung das Recht des Groß- und Kleinhandels, der Errichtung von Läden in ihrem Quartier und in den sogenannten Khans, der Vermittelung im Juwelenhandel erhalten. Das letztere Geschäft ist in Teheran besonders wichtig, und die Thätigkeit der Juden auf diesem Gebiete erregt den besonderen Neid ihrer Gegner, die bis zu 200 Prozent an der Waare verdienen, während die Juden sich mit einem geringen Verdienst begnügen, da ja auch ihre Bedürfnisse sehr bescheiden sind. Nun hat kürzlich in der großen Moschee eine Versammlung stattgefunden, in der eine Resolution an die Negierung gerichtet wurde, den Juden jene drei oben erwähnten Rechte wieder zu nehmen, ihnen das Tragen eines besonderen Abzeichens (des gelben Rades) zu befehlen und den Aufenthalt in den Straßen und Plätzen der Städte an Regentagen zu verbieten. Dank der Energie und Rührigkeit des Direktors der Allianceschule in Teheran, des Herrn Cazös, haben die Juden selbst aber nicht die Hände in den Schooß gelegt, sondern sie sind selbständig vorgegangen und haben mit Hilfe der ihnen günstig gesinnten Geistlichkeit die Regierung zum Schutz ihrer Jntereffen aufgefordert. Jnfolgedesien wird zunächst das Judenquartier von einer Wache beschützt, die jeden Angriff der fanatisirten Muselmänner verhindert. Neuerdings hat die Regierung auch ihren Bescheid auf jene Resolution ertheilt, indem sie die meisten und wichtigsten Forderungen der Gegner entschieden ablehnte und den jüdischen Kaufleuteu nur das Maklergeschäft und das Verkaufen nach Maß und Gewicht, speziell an muselmännische Frauen, verboten hat. Man kann sich ungefähr denken, welche Erbitterung dieser Bescheid auf beiden Seiten bewirkt hat, und der Ruf: „Nieder mit den Juden!" ertönt jetzt in Teheran ebenso oft wie — in Paris. O ja, die Muselmänner haben von den Franzosen gelernt. Vielleicht verlegt noch einmal Monsieur Ahlwardt sein Arbeitsgebiet nach Teheran. Protokoll drr Nersarmnlrmg des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen «nd deren Untrrstühungskasse in Breslau am 22. Mai 1899. 1. Vormittags 8^ Uhr wird unter dem Vorsitze des Herrn Professor Dr. Badt die Berathung des Vorstandes der Unterstützungskasse eröffnet. Anwesend sind außer dem Vorsitzenden die Herren Stadtrath Pringsheim-, Louis Hamburger-Breslau, Blumenfeld-Schweidnitz, Herbst- Lissa, Steiner-Groß Strehlitz, Tintner-Bunzlau, Pfeffer-, Baruch-Breslau. Der Voranschlag pro 1899 wird in nachstehender Weise genehmigt: A. Einnahmen. Zinsen 1442,50 M, Jahresbeiträge 1100 M., Geschenke 50 M., Summa 2592,50 M. B. Ausgaben: Pensionen 1900 M., Verwaltungsausgaben (Botenlohn, schriftliche Arbeiten, Druckkosten, Inserate) 120 M., Summa 2020 M. Im Anschluß daran beantragt Blurnenfeld-Schrveidnitz, daß Mitglieder im Alter von 65 Jahren, welche der Kasse seit ihrer Gründung oder mindestens 20 Jahre angehört haben, von den Beiträgen befreit sein sollen, daß sie ihr Stimmrecht weiter ausüben dürfen und in den Vorstand gewählt werden können, so lange sie von der Kasse keine Pension beanspruchen. Da dieser Antrag in diesem Jahre zur Abstimmung nicht gelangen kann, so wurde vom Vorstand beschlossen, denselben der nächsten Generalversammlung zur Debatte vorzulegen. 2. Vormittags 9 Uhr fand die Generalversammlung des Vereins der Unterstützungskasse statt. Anwesend sind die Herren Professor Badt-Breslau, Blumenfeld-Schweidnitz, Borchardt-Samter, Dr. Brann- Breslau, Herbst-Lissa, Fräulein Peiser-Breslau, Steiner-Groß xStrehlitz, Tintner-Bunzlau, Translateur-Carlsruhe (Oberschlesien), Baruch-, Hamburger-, Oschinsky-, Pfeffer-, Stadtrath Pringsheim-, RechManwalt Samuels ohn-Breslau.

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