Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228343--55674-3291901- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
362 Pioniere des Friedens. Der Friedenskongreß tagte in dem Lande, wo Hugo Grotius, der Schöpfer des modernen Völkerrechts, lehrte; möge sein Wirken kein blos platonisches, der große Völkerkongreß nicht nur ein Völkerschauspiel gewesen sein, — das ist der Wunsch jener Glaubensgemeinschaft, deren ältester Sang ausrust: „Der Ewige ist der Meister des Krieges, der Ewige ist sein Name." ^*jg^ Are Woche. Berlin. 1. August. W^lso Aergerniß-Ausschüsse wollen die Antisemiten jetzt dulden! Liebermann von Sonnenberg, ihr Führer, hat <j ihnen diesen Rath gegeben. Die Mitglieder dieser Ausschüsse sollen täglich planmäßig die jüdischen Zeitungen daraufhin lesen, ob darin Vergehungen gegen den § 166 enthalten sind. Zutreffenden Falles sei es wünschenswerth, daß ein Jurist die Eingabe an die Staatsanwaltschaft in der vorgeschriebenen Form anfertigte, da die Form in unserem herrschenden Gerichtsverfahren bekanntlich eine sehr große Rolle spielt. Die Absendung der Eingabe soll von den Gesinnungsgenossen unterzeichnet werden, die mit gutem Gewissen bezeugen können, daß der betreffende Zeitungsartikel bei ihnen Anstoß und Aergerniß erregt hat. Das übliche Geschrei über Denunziantenthum würde allerdings nicht fehlen; Liebermann von Sonnenberg meint aber, es sei wirklich an der Zeit, daß sie aufhörten, sich in „michelhaster Gedankenlosigkeit durch jüdische Phrasen ins Bockshorn jagen zu lassen". Er fährt dann fort: „Was heißt denn eigentlich Denunziren? Ankündigen! Nun gut, wir kündigen den Hütern des Gesetzes die Vergiftungsversuche an, die von der jüdischen Presse an unserem Volke verübt werden. Denunziren aus persönlicher Rachsucht mag schimpflich sein. Wer aber von einem Verbrechen Kenntniß hat und es nicht zur Anzeige bringt, macht sich moralisch zum Mitschuldigen. So liegt die Sache in unserem Falle." Gut geblasen, Herr Trompeter! Zumal wenn man sich vergegenwärtigt, wie dieselben Antisemiten den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" jahrelang angegriffen haben, blos weil er den Behörden „ankündigte", was in jüdischen Kreisen Aergerniß erregte, und welche Vergiftungsversuche die antisemitische Presse an dem deutschen Volke verübte. * Eine prinzipiell wichtige Entscheidung über die R e ch t s g i l t i g k e i j der Ehen zwischen Juden und Nichtjuden ist von einem deutschen Gerichte folgendermaßen gefällt worden: „Die Vorschrift des Talmud, wonach die eheliche Verbindung eines Israeliten mit den Angehörigen eines anderen Religionsbekenntnisses nichtig ist, verstößt gegen die öffentliche Ordnung und die Staatsgesetze^ Sie kann deshalb bei Beurtheilung einer Ehe und der daraus fließenden Rechte keine ernstliche Beachtung finden, wenn auch sonst im Allgemeinen die Fähigkeit zur Eheschließung stch nach dem Rechte und den Glaubenssatzungen beurtheilt, welche für die Ehegatten maßgebend find. Obiges im Auslande gefällte Urtheil entspricht auch den deutschen Rechtsgrundsätzen, wie fie im Personalstandgesetz und dem Eherecht des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches zum Ausdruck kommt." Es wäre zu wünschen, daß das in Rede stehende Urtheil in vollem Wortlaut veröffentlicht würde, damit man den ganzen Sachverhalt, auf den dasselbe sich begründet, kennen lerne, und ebenso dringend wäre es zu wünschen, daß sachkundige jüdische Juristen dieses Gebiet der Rechtspflege einmal gründlich besprechen und aufklären möchten. Die folgende statistische Aufstellung eines jüdischen Blattes dürfte für weite Kreise von Interesse sein: Im Deutschen Reiche lebt nach der Zählung vom 1. Dezember 1890 eine Bevölkerung von 49421803 Köpfen. Dieselbe gehört folgenden Konfesfionen an: Protestanten . 20 369 847 626,8 pro mille Katholiken . 16 782 979 358,2 „ „ Sonstige Christen . . . 128 428 2,7 „ „ Juden. 563172 12,0 „ .. Andere. 11278 0,3 „ „ Für das Jahr 1853 wurde die Bevölkerung Deutschlands, d. h. der Länder des Deutschen Bundes, zu welchem damals auch Oesterreich gehörte, auf 42 Millionen und die Zahl der daselbst ansässtgen Juden mit rund 400000 angegeben. Seither find die österreichischen Länder von Deutschland getrennt worden, wogegen nur kleine Gebiete (Schleswig, Holstein, Lauenburg und Elsaß-Lothringen) dem Reiche hinzugefügt wurden, und dennoch find die obigen für das heutige Deutsche Reich festgestellten Ziffern so bedeutend höher. Es werden nunmehr die einzelnen Bundesstaaten in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen behandelt. Das Herzogthum Anhalt zählte am 1. Dezember 1890 eine Bevölkerung von 271,759 Köpfen. Juden giebt es dort 1602 (6,5 pro mille). Im Großherzogthum Baden lebten am 1. Dezember 1890 1656817 Einwohner. Dieselben find ihrer Konfession nach folgendermaßen in den vier Bezirken des Landes vertheilt: Katholiken . . Konstanz . 253 776 Freiburg 300 853 Karlsruhe 256 860 Mannheim 216 983 Evangelische . . 25 207 161 692 160 496 229 862 Juden. . . 2 018 6 229 6151 12 270 Andere . . . 636 462 1327 2 095 Im Ganzen bekennen stch also in Baden 26 668 Personen (17 pro mille) zum Judenthum. Für das Königreich Baiern ergab die Zählung vom 1.Dezember 1890 eine Bevölkerung von 5 589 382 Seelen. Mosaischer Konfession waren davon 53 697 (10 pro mille). Die konfessionelle Zugehörigkeit der Bewohner der einzelnen Kreise des Landes, wie sie am 1. Dezember 1885 festgestellt wurden, ist aus der folgenden Tabelle ersichtlich: Kreise Gesammtbevölkerung Juden pro mille Oberbaiern . 1102 027 5 090 4,5 Niederbaiern...... 661131 1163 2,3 Pfalz. 728 422 11526 15,8 Oberpfalz. 537 217 1435 3,0 Oberfranken. 572189 4024 8,0 Mittelfranken ..... 699928 12138 17,5 Unterfranken. 617 680 14 939 24,3 Schwaben. 667 788 4 362 7,5 Im Herzogthum Braunschweig leben nach dem definitiven Ergebniß der Zählung vom 1. Dezember 1890 403 788 Menschen, deren 1470 (4 pro mille) sich zum Judenthum bekennen. Die freie Stadt Bremen hat — hier wie im Folgenden find, wenn nichts Besonderes bemerkt wird, gleichfalls die Ergebnisse der Zählung vom 1. Dezember 1890 verwerthet— 180 443 Einwohner, darunter 1031 (5,1 pro mille) jüdische. Das Reichsland Elsaß-Lothringen hat 1603 987 Einwohner; darunter find 36 876 (24 pro mille) Glaubensgenossen. Unmittelbar vor der Annexion des Landes durch das neubegründete Deutsche Reich — im Jahre 1667 — wohnten dort 43 500 Juden (27 pro mille der damaligen Gesammtbevölkerung). Es muß also, da ja seitdem auch eine ziemliche Vermehrung stattgefunden hat, eine ganz bedeutende Anzahl elsäfsischlothringischer Juden nach dem Kriege vom Jahre 1870 für Frankreich optirt haben. Für die drei Bezirke des Landes ergiebt stch folgende Konfesstonalitäts-Statistik: Ober-Elsaß Unter-Elsaß Lothringen Katholiken.. 389958 379844 440495 Protestanten. 60 357 211955 40 629 Sonstige Christen ... 4 531 1184 1084 Juden. 10 543 18 891 7 442 Andere. 160 203 79 Die freie Stadt Hamburg mit einer Bevölkerung von 622 530 Köpfen beherbergt 17 973 (32 pro mille) Juden. Nächst Berlin ist Hamburg die an jüdischen Einwohnern reichste Stadt Deutschlands.