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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-04 · Heft 31 (4.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 31 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 31. Allgemeine Berlin» 4. August 1899. eitung öes Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteirrr Gustav Kurpeles. Begründet von Rabbiner Br- Ludwig PHUippson-Konn. Verlags-Trpedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Am Schlüsse der Friedenskonferenz. — Die Woche. — Protokoll der Versammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen. — Briefe aus Argentinien. I. Von I. Hurwitz. — Marcus Elieser Bloch. Von Dr. med. Iwan Bloch. — Feuilleton: Der seltsame Gast. V. Erzählung von I. Zangwill. — Die Abtrünnige. XVI. Eine Erzählung von Paula Faber. Der Geweindebote. Korrespondenzen und Rachrichtenr Berlin, Aus Westpreußen, Köln, Stuttgart, Straßburg i. E., St. Moritz, Wien, Budapest, London. — Bon Rah und Fern. — Mtscetten. — Geschäftliche Notizen. Km Schlüsse der Friedenskonferenz. Berlin, 1. August. as Licht des Völkerfriedens erstrahlte vor Kurzem im Haag in Holland, der alten Stätte religiöser Duldung. Die Meinungen hervorragender Geschichtsforscher und Staatsmänner über die nunmehr geschlossene Friedenskonferenz, die man nach ihren Beschlüssen auch als einen Erfolg der welterobernden Ideen des Christenthums hinstellt, gehen jedoch sehr aus einander. In seiner Schrift „Patriotismus und Christenthum" hat Graf Leo Tolstoi darauf hiugewiesen, daß die Eifersucht der Nationen den ewigen Frieden derart ausschließt, daß die religiöse Idee nur ein dekoratives Beiwerk wird. Einzig und allein hat das Jud e nthu m ja den immanenten Wahlspruch : „Nicht durch Macht und nicht durch Heere, nicht durch Rosse und nicht durch Waffen, sondern allein durch den Geist Gottes". . . Die Juden und das Judruthum sind bestehen geblieben trotz der Heerschaaren Pharaos, der Kriegsmacht Persiens und Syriens, .der Legionen Roms. Gegen den Militarismus, soweit er das sittliche Leben des Volkes in seine Bande gänzlich einschnüren will, wendet sich die Thora bereits da, wo Israel in den ersten Anfängen seiner staatlichen Entwickelung einen König über sich setzen will. Da lautet die Bedingung 5. Mose XVII, 16: „Nur mehre er sich Rosse nicht, und nicht führe er das Volk nach Aegypten zurück, um viele Rosse zu erwerben." Im Gegensatz zu den ägyptischen Neiterschaaren orgauisirte Moses die Volksbewaffnung und das Volksheer. Die Gefahren des gegentheiligen Prinzips schilderte Samuel I. 8, 11. Wer kann über den völkermordenden Krieg mehr trauern als das Judenthum, dessen Söhne in allen Ländern wohnen und einer gegen den anderen kämpfen müssen? Aus der blutbefleckten Hand Davids sollte in Israel der Bau des religiösen Heiligthums nicht angenommen werden, — und alle Fürstenkongresse, die nach blutigen Kriegen den Frieden begründen wollten, haben keinen oder doch nur sehr geringen Erfolg gehabt, denn nach dem männermordenden Kampfe herrschte noch lange nur das Schwert, Recht und Kultur lagen danieder. Menschenopfer, Scheiterhaufen, Folter, Hexenprozesse, Judenghettos und Negersklaverei sind abgeschafft worden und den Weg alles Fleisches gegangen. Warum sollte da das Wort Jesaias und Michas, das wir unseren Kindern im jüdischen Religionsunterricht einprägen, und das wir schon zu Beginn der Friedenskonferenz citirt haben, nicht in Erfüllung gehen, jenes herrliche Wort, das da lautet: „Sein wird's i» der Folge der Zeiten, daß die Völker schmieden ihre Schwerter zu Sensen und ihre Sperre zu Winzer- »»effern, nicht mehr hebe Volk gegen Volk das Schwert". . . . So schwärmerisch ideal dieses Wort uns heute noch eutgegentönt, so haben die Völker doch bereits in der Erkenntniß in den siebenundzwanzig Jahrhunderten. seitdem die Propheten es begeistert verkündet haben, große Fortschritte gemacht, die einen Hoffnungsstrahl für die dereinstige Erfüllung dieser Verheißung aufleuchten lassen. Auch die Haager Diplomatenkonferenz, die manche ersprießliche Einrichtung geschaffen hat, ruft immerhin Hoffnungen wach, die sich diesem religiösen Ideal sehr nähern; noch mehr aber hoffen wir auf die fortschreitende Entwickelung der Kultur, an der das Judenthum und der in seinen Bekenner» verkörperte moderne Geist der Humanität in erster Reihe mitarbeitet. Welchen Kreisen entstammen denn zumeist jene Geistesarbeiter, die Tag und Nacht im Dienste der Aufopferung für die Heilung von Krankheit »nid Noth thätig sind? Giebt es unter den Gruppen, welche unausgesetzt für Linderung der sozialen Schäden thätig sind, etwa wenig Männer und Frauen unserer Glaribensgemeinschaft? Entwickelt der Arzt, der oft sein Leben tapfer in die Schanze schlägt, weniger Muth als der im Rausche heroischer Begeisterung dahinstürmende Krieger? Allch dieses Letzteren Heldenthum wollen wir gewiß nicht herabsetzen, denn, wie die Dinge eirimal in der modernen Welt liegen, wo so viel Züildstoff aller Orten die Nationalitäten »md Völker trennt, hat jener moderne, an der Universität Berlin lehrende Philosoph sicher nicht Unrecht, wenn er meint, die Völker könnten es dereinst bedauern, wenn sie den zweiten Schritt vor dem ersten thun wollten, d. h. den Frieden auf dem Papier zu stabilisiren versuchten auf Kosten ihrer Mannhaftigkeit, ohne vorher friedliche Gedanken und gütliche Verständigung unter den Volksgruppen herbeigeführt zu haben. Kampf daher allen Schürern und Verhetzern des Volksgeistes, allen Strebern, die a»rs eigensüchtigen Gründen dem Chauvinismus in die Hände arbeiten, von dem Kaiser Friedrich einst in der Königsberger Universität behauptete, er sei dem deutschen Volksgeiste so fremd, daß dieser nicht eimnal eine Bezeichnung dafür habe. Die Juden, die den vielgeschmähten, mehr wie alles andere völkerbindenden Handel treiben, die für alle Zweige der Kultur des Jahrhunderts arbeiten »md sich begeistern, die, wenn es sein muß. aber auch in allen Armeen tapfer mitkämpfen, sind wahrlich vor allein die rechten

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