Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Unterrichtszweige infolge der anderweitigen Anforderungen der Schule an die Jugend nur kurze Zeit gewidmet wird, verwerthete der praktische Schulmann seine pädagogischen Erfahrungen zu einer Ausgabe von nützlichen Schulbüchern — eine Rühmesthat, die allein schon im Stande ist, die literarische Ehrenstellung des Verewigten zu verkünden, für uns Lehrer zu einer erlösenden That wurde, indem es nun dem gewissenhaften Jugendbildner leichter werden konnte, die Jugend vertraut zu machen mit dem heiligen Schatz, den die Religion bietet. Wie freuten fich ferner Gemeinde, Lehrer und Jugend, wenn die jährlichen Prüfungs- Lage angesetzt waren; das waren keine Qual-, sondern wahre Feiertage. Durch sein liebevolles Wesen eroberte er sich die Herzen der Jugend, die gleich einer Offenbarung seinen Worten lauschte. Dem Lehrer gegenüber geizte der gewissenhafte Visitator niemals mit seinem Lobe, woselbst es verdient war, und wenn der Tadel nicht unterdrückt werden konnte, so war er in verbindliche, nicht verletzende Form gekleidet. Das Charakter- und Wirkungsbild von dem theueren Dahingeschiedenen — nicht von der Parteien Gunst und Haß entstellt — ist in die Tafel unserer Herzen eingeschrieben. Die unterfertigten Lehrer werden es als eine heilige Aufgabe betrachten, ein dankbares und gutes Gedenken von ihrem allverehrten Rabbiner zu bewahren. Sie setzen ihm im Geiste ein Denkmal, dauernder als Erz, das die Inschrift führen wird: „Ihrem guten, sorgenden und hilfsbereiten Dr. Sondheimer die dankbaren Lehrer der Rabbinatsbezirke Heidelberg, Ladenburg und Sinsheim." Oesterreich - Ungarn. Q Wien, 24. Juli. Die von der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ausgesandte Expedition nach Südarabien hat bekanntlich einen höchst unbefriedigenden Verlauf genommen. Sie ist, mit anderen Worten, mißglückt. Hierfür machte Graf Carlo Landberg, der als Kenner der arabischen Verhältnisse von der Akademie zum Führer berufen wurde, aber bald nach einem kurzen Ausflug ins Innere Arabiens die Expedition verließ, den Professor Dr. D. H. Müller verantwortlich, über den Carlo Landberg nach seiner Rückkehr nach Europa in schärfster Weise zu Felde zog. Soeben ist nun die Schrift des Professors Müller, des späteren Leiters der Expedition, erschienen, in der er die Ursachen des Mißglückens der Expedition darlegt. Diese Ursachen liegen nach Prof. Müllers zutreffender Ansicht in erster Reihe in der völligen Untauglichkeit des Grafen Landberg als Leiter der Expedition und in Landbergs Mangel an Muth. Dieser hatte einem der eingeborenen Fürsten, dem Sultan Muhsin Azzan, in dessen Bereich die Expedition bei ihrem Zug ins Innere kam, merken lassen, wie wankelmüthig und furchtsam er. Landberg, war, und dies wußte der Sultan schlau zu benutzen, um der Expedition große Summen abzupressen. Nach Müllers Tagebuch bezahlte Graf Landberg dem Sultan am 6. Dezember 1000 Thaler, am 7. Dezember wieder 800 Thaler und am selben Tage noch 300 Thaler an die Kinder des Sultans, alles in Form von Geschenken. Die Methode, deren sich der Sultan bediente, war sehr einfach. Sie bestand u. a. darin, daß er das Gerücht von einem bevorstehenden Beduinenübersall aussprengte, was den Grafen Landberg sehr in Schrecken setzte. Dies ging schließlich so weit, daß man dem Grafen Landberg offen mit Meuterei drohte, wenn er seine Verschwendung des Geldes, die zu nichts diente, fortsetze. Unter anderem hatte Landberg dem Sultan ein Mausergewehr und Patronen geschenkt und ihm noch einige Werndlgewehre von der österreichischen Ausrüstung versprochen. Da Müller hiervon internationale Verwickelungen befürchtete, hatte er die Verabfolgung der Gewehre verhindert. Alles dies geschah während des Rückzuges von dem mißglückten Vordringen ins Innere des Landes. Als die Expedition am 16. Dezember wieder an Bord des an der Küste liegenden Dampfers „Gottfried" war, nahm Graf Landberg den Sultan mit in die Kajüte und suchte ihn zu überreden, ihm. Landberg, zu bescheinigen, daß der Sultan nur aus Freundschaft für den Grafen Landberg die Expedition für den billigen Preis von 4000 Thalern und einer großen Summe Rupien nach Azzan und zurück geführt hatte. Dies schien aber nicht zu glücken, denn Landberg kam bald danach auf Deck gestürzt und beschuldigte den Professor Müller, daß dieser dem Sultan 100 Thaler geboten habe, damit dieser bestätige, die von der Expedition durchreisten Gebiete seien vollkommen sicher und gefahrlos. Als Professor Müller durch einen Zeugen erhärtete, daß diese Beschuldigung nicht wahr wäre, führte Graf Landberg einen fürchterlichen Auftritt herbei und nannte in seiner Wuth alle Sultane „Hunde und Söhne von Hunden". Im Uebrigen giebt Müller an, daß Graf Landberg durch seine Furchtsamkeit die Mitglieder der Expedition verhindert habe, Sammlungen zu machen oder Abschriften von alten Inschriften zu nehmen. Ferner hätte Landberg den Sultanen gegenüber erzählt, Müller wäre Jude, etwas, von dem Landberg selbst wußte, daß es der Expedition schaden mußte und sogar dem Professor Müller das Leben kosten konnte!! Da dieser in seiner Schrift nicht minder scharfe Ausdrücke wie Graf Landsberg gebraucht, wird die Sache wohl hiermit noch nicht zum Abschluß gekommen sein; jedenfalls ein trauriges Ende einer wissenschaftlichen Expedition, auf die man so große Hoffnungen setzte. Aber die Schuld liegt wahrlich nicht an Professor Müller! — Baron Albert Rothschild hat behufs Erweiterung des Spitals für jüdische Kranke in Währing den Betrag von einer Viertelmillion gespendet. Diese hochherzige Spende wird nun der Verwaltung "ermöglichen, jene zahlreichen leidenden aufzunehmen, die arm und hilflos hier ankommen, und deren Mehrzahl sich aus Galizien rekrutirt. — Der Kaiser hat dem Schriftsteller Julius Stern das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen. B. Budapest, 20. Juli. Vor Kurzem haben die auf der Basis des Status quo stehenden Kultusgemeinden eine Bewegung eingeleitet, um dem Ausnahmezustand, in dem sie sich neben den orthodoxen und neologen Gemeinden befinden, ein Ende zu machen. Im Aufträge einer Konferenz der Vertreter dieser Gemeinden sprach ihr Vorsitzender, Dr. B. Sonnenfeld, beim Kultus- und Unterrichtsminister vor, um seine Unterstützung zu erbitten. Im Laufe der Audienz erklärte der Minister, daß er es gern sehen würde, wenn die Aktion der Status qm) - Kultusgemeinden die Interessen der gesummten Judenschaft fördern würde. — Die Mitglieder des Pariser ungarischen Vereins haben dem in Altofen gebürtigen Arbeiterführer Leo Frankel, der zur Zeit der Kommune Minister geworden war, auf dem Pere Lachaise einen prächtigen Grabstein gesetzt. Der Enthüllungsfeier wohnten viele Sozialisten bei. Frankel war das Kind armer jüdischer Eltern. Frankreich. s. Paris, 21. Juli. Zwei neue öffentliche Gebäude sind in der letzten Zeit hier eingeweiht worden. Am 2. d. M. wurde in Auteuil die Synagoge, welche die ^.llianee IsraeUte Universelle in dem neu erbauten Hause ihrer Normalschule für den Orient eingerichtet hat, vom Grand Rabbiner Zadok Kahn mit einer schönen Rede eingeweiht, in der er den Verdiensten Narciffe Levens gebührende Würdigung angedeihen ließ. Am 4. d. M. wurden in der Rue Kodier 60 die neuen Büreaus des „Comite de la Bienfaisance israälite“ mit einer kleinen Feierlichkeit eröffnet, der etwa 100 Personen beiwohnten. Der Präsident, Baron Edmond Rothschild, hielt eine kurze Ansprache, in der er schilderte, wie bescheiden das Komitee begonnen, und wie es fich mit der Zunahme der Aufgaben für die jüdische Wohlthätigkeit immer mehr und mehr erweitert habe. Mit einem Dank für Herrn Rene Dreyfus, der das Haus zur Verfügung des Komitees gestellt hat, und einer Huldigung für die verstorbene Baronin Hirsch schloß die Rede. Alsdann ergriff Zadok Kahn das Wort, der die eigentliche Festrede hielt, in der er auf die Wichtigkeit des Komitees hinwies und zu lebhafterer Unterstützung aufforderte. In Berlin und London erhielten die ähnlichen Institutionen eine reichere Unterstützung seitens der wohlhabenden Juden. Auch er zollte Mr. Rene Dreyfus seine Anerkennung, mit welchen Dankesworten die Feier ihren Abschluß fand. — Vor einiger Zeit berichteten wir über einen seltsamen Prozeß in Montbeliard, dem folgender Vorgang zu Grunde lag. Eine Gesellschaft I. Edouard Pernot hatte als Agenten für Algerien einen Juden Namens Tabet engagirt, denselben aber bei Ausbruch der antisemitischen Unruhen entlassen, ohne ihn nach den kontraktlichen Bedingungen zu entschädigen. Als er darauf Klage gegen Pernot erhob, schützte diese Gesellschaft force majeure vor, weil infolge des Antisemitismus sie nicht in der Lage gewesen fei, einen jüdischen Agenten zu verwenden, und das Gericht zu Montbeliard gab merkwürdigerweise diesem Einspruch statt. Tabet appellirte, und in einer Verhandlung vom 5. d. M. hob das Gericht auf Antrag von Narzisse Leven das erstinstanzliche Urtheil auf und sprach Leon Tabet 9000 Fr. Schadenersatz zu und verurtheilte Pernot zu den Kosten aller Instanzen. Es giebt in Frankreich auch noch Richter.