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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-28 · Heft 30 (28.7.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Zük. Paris, im Juli. Das diesmalige Nationalfest hat eine ganze Menge von Beförderungen und Auszeichnungen unserer Glaubensgenossen gebracht. Staatsrath Camille See ist Offizier der Ehrenlegion, Direkteur Bloch Ritter der Ehrenlegion geworden. Kapitän Renard vom 134. Regiment ist zum Bataillonschef, die Leutnants Blue vom 11. Infanterieregiment, Kaufmann vom 132. Infanterieregiment, M. Vidal vom 6. Husarenregiment, Bernard vom 9. Jägerregiment sind zu Kapitänen befördert worden. — Ferner find bei der Artillerie Eskadronchef Mayer Samuel zum Oberstleutnant, Leutnant Weill zum Kapitän und Leutnant Baschirach zum Premierleutnant befördert worden. Unter den übrigen Auszeichnungen sei noch erwähnt, daß Ernest Levy und Kapitän Henry Marix Medaillen für Lebensrettung erhalten haben. Großbritannien. ▲ London 17. Juli. Am Freitag den 7. Juli verstarb nach schwerer Krankheit Lady Simon, die Wittwe des vor'zwei Jahren verstorbenen Sir John Simon. An der Seite ihres Gemahls spielte sie in der jüdischen Gemeinde Londons eine große Rolle und war auch litterarisch mit Erfolg thätig. Mit Vorliebe schrieb sie über jüdischreligiöse Themata, und ihr Buch über die Psalmen „Jenseits der ruhigen Gewässer" hat viel Anerkennung gefunden. Ihre Beerdigung, die am Montag stattfand, versammelte alles, was von den Spitzen der Gemeinde zur Zeit in London anwesend ist. — Am Dienstag verstarb eine andere jüdische Persönlichkeit, Mr. Salomon Abraham Green, welcher besonders im Ostend sehr beliebt gewesen ist. Er war ein intimer Freund von F. D. Mocatta und mit ihm im Vorstand vieler jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten zusammen. — Am Sonntag den 9. Juli fand die alljährliche Generalversammlung der Anglo Jewish Association statt die von dem Präsidenten Claude G. Montefiore mit einer ausgezeichneten Ansprache über die Situation der Gesellschaft und die Lage der Juden im Allgemeinen eröffnet wurde. Aus derselben heben wir hervor, daß die Gesellschaft jetzt 36 Zweigvereine hat, welche im Ganzen ca. 11000 M. Einnahme hatten. Die Ausgaben sind von ca. 61000 M. auf ca. 69000 M. gestiegen, die Einnahmen betrugen 1897/98 nur 60000 M., 1896/99 nur 65000 M., so daß das Defizit ständig steigt. Von den gemachten Bewilligungen erhält Palästina allein jährlich ca. 2000 M. Von sehr großem Nutzen hat sich die gemeinsame Arbeit mit der Alliance Israelite Universelle in Persien erwiesen, wo die Anwesenheit der europäischen Lehrer, speziell des Direktors Cazes in Teheran, die Wirkung gehabt hat, die Lage der Juden wesentlich zu bessern. Sehr düster sei die Lage der Juden in Rußland und Rumänien, aber doch sind Spuren von Licht bemerkbar. Das Werk der Jewish Kolonisation Association, bei dem die Anglo Jewish Association ja auch engagirt sei, entwickele sich langsam, aber gerade Diese Langsamkeit gäbe die besten Hoffnungen für die Zukunft. In der folgenden Diskussion theilte der Oberrabbiner mit, daß er von Sir Lambert Playfair, dem besten Kenner der Verhältnisse Algiers in England, der dort viele Jahre Konsul gewesen ist, die Versicherung erhalten habe, daß die Juden in Algier dem Antisemitismus keine Veranlassung zu begründeten Beschwerden gegeben hätten. Er sei stolz auf dies Ehrenzeugniß für die so viel angefeindeten algerischen Juden, und er widmete warme Worte der Hochachtung der Haltung des Großrabbiners von Frankreich, Zadok Kahn, der ein würdiger Vertreter der französischen Juden in den Wirren der zehn letzten Jahre gewesen sei. Die Wahlen ergaben die Wiederwahl der alten Komiteemitglieder sowie die Wahl einiger Damen in das Komitee. Der Schule in Bombay wurden 2000 M. bewilligt. Afrika. cj, Algier, 20. Juli. Hier ist seit Langem eingeführt, daß bei Gelegenheit des Nationalfestes am 14. Juli die oberste Schulbehörde die besten Schüler jeder Anstalt durch Geschenke eines Sparkassenbuches auszeichnet. Die Antisemiten, die jetzt auch in der Schulbehörde das größte Wort führen, wollen aber den jüdischen Schülerin diese Auszeichnung nicht zu Theil werden lassen und kommen dabei manchmal seltsam in die Enge, wie folgender Fall lehrt. In einer Mädchenschule hatte die Vorsteherin fünf Kinder für diese Auszeichnung genannt, aber bei der Feststellung der Nationale ergab es sich, daß von diesen fünf nicht weniger als drei Jüdinnen waren. Daraufhin wandte sich die antisemitische Behörde an die Schulvorsteherin mit dem Gesuch, ihr andere fünf Kinder zu nennen. Die Vorsteherin antwortete darauf, zwar seien die genannten fünf Schülerinnen die des Geschenkes würdigsten Kinder, da die Behörde indeß noch andere Namen zu erhalten wünsche, so nenne sie diejenigen fünf Schülerinnen, die in ihren Leistungen den ersten fünf am nächsten kommen. Die Schulbehörde, sehr erfreut, prüfte die neuen fünf Namen, aber, o weh! alle diese fünf sind Jüdinnen. Tableau! Von Nah und Fern. ----- Die Aerztekammer für Brandenburg-Berlin erließ im vorigen Jahre ein Preisausschreiben für eine Schrift zur Aufklärung des Volkes über die Gemeingefährlichkeit der Kurpfuscherei. Auf das Ausschreiben gingen 15 Bewerbungsschriften ein. Der Preis von 300 Mark wurde Dr. med. Karl Alexander in Breslau zuerkannt. Seine Schrift wird von der Aerztekammer veröffentlicht werden. — Der Chirurg Dr. Holländer wurde vom Schah von Persien zum Kommandeur des Sonnen- und Löwenordens ernannt. — Antisemitische Hotels, die sich im Annoneentheil der „Antisemitischen Korrespondenz" empfohlen haben, sind: JnHeiligenhafen: Logirhaus, Hotel Stadt Hamburg, Warteburg, Zum Kronprinzen, Rehers Hotel, Dunkers Hotel. Leipzig: Zur Klemme. Kissingen: Logirhaus Renner. Ostseebad Niendorf (Lübeck): Villa Hardt. Chemnitz: DeutscherKrug. Frankfurt a. M.: Hotel Kölner Hof. Pyrmont: Richters Pension. Berlin: Hopfenblüthe. — In Nummer 28 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" in dem Artikel „Jüdische Offiziere" in den europäischen Armeen ist ein arger Druckfehler unterlaufen, da es anstatt 300000 vielmehr 3000 Offiziere heißen soll. — Im ministeriellen Ausweise über das Volksschulwesen in Ungarn findet man einige interessante Daten über jüdische Volksschulen. Unter den 13 430 konfessionellen Schulen sind 528 der jüdischen Konfession, unter welchen 26 Anstalten rein jüdisch sind; die übrigen sind theils mit gemischtem Sprachunterricht, das heißt ungarisch und deutsch, theils nur ungarische. In allen Anstalten sind 995 jüdische Lehrer thätig, von welchen nur 24 ohne Lehrerdiplom sind.— Wie aus Paris berichtet wird, ist der Beginn der Verhandlungen des Kriegsgerichtes in Rennes amtlich auf Freitag den 11. August festgesetzt worden. Die Zahl der zu vernehmenden Zeugen dürfte mehr als 200 betragen und das Urtheil schwerlich vor Ende August zu erwarten sein. — Baronin Nathaniel Rothschild starb unvermuthet am 20. Juli in ihrem Pariser Hotel im Faubourg St. Honore. Sie war in letzter Zeit leidend gewesen, jetzt aber, wie man glaubte, wieder ziemlich hergestellt. Sie erreichte ein Alter von 74 Jahren und war die Schwester von Alphonse, Gustave und Edmond sowie die Großmutter von Dr. Henri de Rothschild. — Aus den jüdischen Kolonien des Gouvernements Cherson kommen schlechte Nachrichten. Infolge der Mißernten sind die Kolonisten nicht in der Lage, ihr Vieh zu erhalten, und müssen dasselbe zu Schleuderpreisen verkaufen, so ein Pferd zu 6 Rubel und Kühe zu 10-15 Rubel das Stück. Die Aussichten der Kolonien für die Zukunft sind infolgedessen recht trübe, da für die kommenden Feldarbeiten das Vieh fehlen wird. — Lady Evelina Rothschild, die Tochter von Lord Rothschild in London, hat sich mit Leutnant Clive Behrens verlobt. Der glückliche Bräutigam stammt aus der angesehensten jüdischen Familie in Manchester. Sein Vater Edward Behrens ist ein großer Kaufmann, gleichzeitig aber Vorsteher einer ganzen Anzahl jüdischer Vereine, insbesondere Präsident der jüdischen Schulen von Manchester. Der Bräutigam hat, so jung er ist, eine glänzende Karriere bereits gemacht und noch eine glänzendere vor sich. Er dient bei der reitenden Artillerie, zog bei den letzten Manövern infolge der außerordentlichen Schulung ihrer Mannschaften die Aufmerksamkeit des Prinzen von Wales auf sich, der Leutnant Behrens außerordentlich auszeichnete. — In dem griechischen Quartier Therapia in Konstantinopel hat es wieder einmal eine kleine Judenhetze gegeben. Am Charfreitag überfielen die dortigen Griechen, durch eine Predigt aufgeregt,,das Haus eines gewissen JosephAvigdor, um denselben zu ermorden. Glücklicherweise hatte man Zeit, die Polizei zu benachrichtigen, die einschritt und die Fanatiker auseinandertrieb. — In Smyrna leben unter 200 000 Einwohnern gegenwärtig 16 000 Juden, die 15 Synagogen und ein von Baron Rothschild 1831 erbautes Hospital für 200 Kranke haben. In der Provinz Smyrna leben 6500 Juden. Druck und Verlag von Rudolf Blosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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