Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Er denkt übrigens schon stark an Wiederaufnahme seiner Lehrthätigkeit und hat auch bereits zwei dahinzielende Anerbieten bekommen, von denen er wahrscheinlich dem ihn nach Heidelberg. führenden den Vorzug geben wird. Aber ehe ich Dir weiter von unseren 'Zukunftsplänen berichte, muß ich Dir etwas anderes erzählen. Weißt Du, wo ich gestern Abend — ich schreibe Dir heute am Sonntag — war? Um Deine Neugier nicht zwecklos auf die Folter zu spannen, will ich's Dir ohn.e Weiteres sagen. In der Synagoge. Ich sehe, wie Du hier das Papier sinken läßt und ebenso wie damals, als ich Dir in^ Ermatingen erzählte, ich sei in meiner Herzensnoth beinahe in die Kirche gegangen, wenn auch nunmehr mit etwas anderer Betonung, ungläubig staunend ausrufst: „Reginas Ja, mir selbst ist es noch wunderbar. Laß Dir erzählen, wie es gekommen ist. : Besonders warm hat sich unserer, seit wir hier sind, eine Bwliner Familie Leonhard angenommen. Die Frau ist, wenn ich nicht irre, eine entfernte Verwandte von Emanuels verstorbener Muitet. Wir sind uns recht nahe getreten und viel mit ihnen zusammen. Als ich sie nun vorgestern gegen Abend, während Emanuel schlief, aufsuchte, merkte ich sofort an ihrer ganzen Art und Weise, ich störte sie in irgend einem Vorhaben. Ich wollte mich deshalb unter einer schicklichen Ausrede alsbald entfernen. Frau Leonhard, die mich Anfangs hatte zurückhalten wollen, dann wieder davon abstand, machte endlich der ungemüthlichen Stimmung resolut ein Ende. „Sie werden uns heute Abend ziemlich ungastlich gefunden haben, liebste Frau Professor, aber, ehrlich gesagt, wir waren gerade im Begriff, fortzugehen. Nicht wahr, Sie nehmen es uns nicht übel?" „Gewiß nicht!" entgegnete ich etwas erstaunt. So viel Umstände pflegten wir im Allgemeinen nicht mehr mit einander zu machen. „Weshalb haben Sie mir das nicht gleich offen heraus gesagt? Verzeihen Sie nur, daß ich Sie aufhielt. Aber wohin wollen Sie denn, wenn ich fragen darf? Fürs Theater ist es doch noch zu früh. Und wenn Sie etwa einen größeren Spaziergang Vorhaben, so gestatten Sie vielleicht, daß ich Sie ein Stück begleite. Ich gehe sehr gern noch an die Luft." „Ein Spaziergang ist es eigentlich nicht, was wir beabsichtigen. Wenn Sie sich uns aber anschließen wollen, so würde uns das außerordentlich freuen. Allein," sie sah mich mit feinem Lächeln von der Seite an, „bei Ihren und Ihres Gatten wohlbekannten Gesinnungen bezweifle ich, daß Sie mit uns gehen, wenn Sie hören, wohin uns unsere Wanderung führt. Wir wollen in die Synagoge." Im ersten Moment war ich sehr betroffen, denn Leonhards hatten mir immer den Eindruck gemacht, sie ständen auf einenj dem unseren ähnlichen Standpunkt. Dann aber, ich weiß jetzt noch nicht, wie es kam, „Gerade!" sagte ich entschloffen, „wenn Sie $ erlauben, schließe ich mich Ihnen an." Was war cs, was Frau Leonhard veranlaßte, mir jetzt so warnt die Hand zu drücken, mich so liebevoll anzuschauen wie noch nie? Eine eigenthllmlich gehobene Stimmung hatte sich sowohl des Ehepaares als auch meiner selbst bemächtigt, als wir schweigend den kurzen Weg bis zum Gotteshause zurücklegten. - Wenn Du nun erwartest, ich werde Dir die Nizzaer Synagoge beschreiben, ob sie groß, ob sie klein, ob sie reich, ob sie einfach gehalten ist, das kann ich nicht. Auch die Gefühle zu schildern, dH mich erfaßten, als ich, die ich zuletzt am Sonnabend vor meiner Hochzeit an der Seite meiner Mutter in einer Synagoge geweilh hatte, den lichterfüllten Raum betrat, als die hebräischen Worte des! Freitagabendgebets: „Du hast geheiligt den siebenten Tag", nach elf Jahren zum ersten Mal wieder an mein Ohr schlugen, auch dazu ist meine Feder nicht im Stande. Ich fühlte zuerst ebenso wenig etwas klar, wie ich vor den heißen, blind machenden Thränen etwas zu sehen vermochte. Und langsam nur, während der Gottesdienst, der hoch oben im Norden derselbe ist wie hier am Strande des Mittelländischen Meeres, in Europa der gleiche wie in allen übrigen Erdtheilen, seinen Fortgang nahm, während um mich herum die uralten Gesänge, die Laute jener uralten Sprache, in der ich als Kind zu dem Herrn, meinem Gott, gestammelt hatte, ertönten, gewann ich meine Faffung wieder und konnte dem Allmächtigen, so viel in meiner Kraft stand, für all seine unerschöpfliche Gnade danken. Ich hatte die Empfindung, als sei ich zum ersten Mal nach langen, langen Jahren wieder heimgekehrt, als habe ich die Stätte gefunden, wohin ich gehöre. Und daun sagte ich mir, daß diese Stätten überall sind, wo Gottes Häuser stehen, daß ich, käme ich, in welches Land eS auch sei, sobald ich eine Synagoge beträte, die Worte der hebräischen Sprache vernähme, wieder daheim, mit Euch, Ihr Fernen, Geliebten, im Geiste eins sein würde! (Forts, folgt.) Litterarrfche Mittheilungen. — Als Festgabe zum fünfzigjährigen Schriftstellerjubiläum des gelehrten Prof. M. Daniel Chwolson in St. Petersburg ist eben ein stattlicher Sammelband unter dem Titel: Ueeueil 603 travaux rediges en memoire du jubile scientifique de M. Daniel Chwolson (Berlin 1899, S. Calvary & Comp.) erschienen, den Baron David Günzburg herausgegeben, und der sehr werthvolle wissenschaftliche Beiträge enthält. Prof. Büchler handelt darin über die Geschichte des Tempelkultus in Jerusalem, Abr. Epstein über biblische Textkritik bei den Rabbinern, Baron David Günzburg über den ersten hebräischen Druck, Prof. Bacher über semitische Sagenvergleichung bei Mose Maimnni, C. B. Ginsburg über den sogenannten Codex Babyloniens, O. v. Le mm über zwei koptische Fragmente aus den Festbüchern des heiligen Athenasius, Prof. Dr. Merx über „Psalm IX und X und anderes Maccabaeische", B. Barthold über die Geographie des Jbn Said und B. Turajeff über die äthiopischen orationes falsae et exorcismi, letztere beide Arbeiten leider in russischer Sprache. In jedem Falle ehrt das Werk den Meister, wie dessen Freunde und Schüler. Prof. Chwolson, der in diesem Jahre seinen achtzigsten Geburtstag feiert, ist ein hervorragender Forscher auf verschiedenen Gebieten unserer Wissenschaft, und es ist deshalb eine würdige Ehrung, die die genannten Gelehrten ebenfalls auf verschiedenen Gebieten der orientalischen Wissenschaften ihm in diesem Werke bereitet haben. ----- 8iwebe Schlomim, Vorschriften über das Schächten und die Untersuchung der Lunge von R. Jakob Beck. Neu bearbeitet von Dr. Gronemann. Frankfurt a. M. 1999. A. I. Hofmann. Bon allen Lehrbüchern über die angeführte Materie hat sich das älteste „Siewehe Schlomim“, merkwürdigerweise bis auf unsere Tage erhalten und wird ebenso als Lehrbuch benutzt wie für die älteren Rabbiner als Unterlage für die Prüfungen. Dieses Werk hat Dr. Gronemann nicht nur neu bearbeitet, sondern vollständig umgearbeitet, ergänzt und in einer klaren, concisen Form auch in deutscher Sprache allen Interessenten zum Verständniß gebracht. Der gelehrte und bescheidene Autor bemüht sich vergebens, seine Arbeit in den Hintergrund zu drängen, auf jeder Zeile erkennen wir, daß der Verfasser die Bedürfnisse der Neuzeit erkannt und nicht allein die alten gesetzlichen Normen in hebräischer wie in deutscher Sprache klar bearbeitet, sondern auch die modernen Einrichtungen in den öffentlichen Schlachthäusern (Fleischschau) berücksichtigt. Vorzüglich ist das Kapitel II: „Das Verhältniß der rituellen zur thierärztlichen Untersuchung". Das so bearbeitete Merkchen ist, wie gesagt, ein Bedürfniß als Lehrstoff wie als Prüfungsmaterial. W. Druck und Verlag von R u d 0 l f M 0 s s e irr Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.