Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 359 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228342--55666-3291892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWWWWWWWM - *359 -— Me Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. XV. egina hatte auf Alphons'Worte gehört. „Es »>.uß getragen werden!" wiederholteste, und es war, als wolle sie aus ihren eigenen Worten Kraft und Stärke schöpfen. „Faffen wir überhaupt keine andere Möglichkeit mehr ins Auge. Aber welche Seligkeit wäre es gewesen! Und dabei fürchte ich. er wird jetzt doch selbst unruhig. Ach, Alphons, Du weißt nicht, wie mir zu Muth war, als er heute Morgen plötzlich zu mir sagte: „Ein einziges Mal, Regina, hätte ich Dich gern noch wiedergesehen!" Nein, es ist beffer, ich grübele nicht allzu viel über „Glück" nach. Denn abgesehen davon, wenn ich an die Mutter denke, — aber genug. Ich komme doch zu dem Resultat, ich könnte meine Idee vom Glück ohne erhebliche Anstrengung beträchtlich erweitern." „Der Wagen!" Bärbels Meldung schnitt alle weitere Reden kurz ab. Die Geschwister erhoben sich. „Ich möchte auch Dir lieber jetzt hier gleich Lebewohl sagen, Regina," meinte Alphons, der ihr die Aufregung des Scheidens möglichst zu ersparen wünschte. „Draußen an der Bahn ist es doch zu unruhig, als daß wir noch etwas von einander hätten!" „Nein!" entgegnete sie mit innigem Aufschlag ihrer schönen Augen, „so lange ich Deine Gegenwart genießen kann, will ich cs thun, selbst wenn ich dafür die schreckliche einsame Heimkehr mit dem Gedanken, daß jede Drehung der Räder Dich uns weiter entführt, nachher mit in den Kauf nehmen muß." „Kind!" sagte er mit einer Stimme, die auch er sich vergeblich mühte, so fest wie gewöhnlich zu gestalten, „wir wollen es uns gegenseitig nicht schwer machen. Und im Uebrigeu," er schlug absichtlich einen leichteren Ton an, „ich sollte mich eigentlich höchst geschmeichelt fühlen. Solch' schönes Kompliment hast Du noch nie an mich gewendet." Sie blieb ernst. „Mag sein," versetzte sie weich, „viel sentimentale Redensarten waren nie meine Sache. Aber, Alphons, jetzt weiß ich's, was es ist uni die Bande des Blutes. Wie soll ich Dir je genügend danken?" „Wofür, meine gute Regina? Ich wollte nur, ich hätte wirklich Euch etwas nützen können. Bor allem jedoch, rege Dich nicht so grenzenlos auf. Sonst nehme ich Dich einfach nicht mit zum Bahnhof. Du weißt, Szenen lieben wir alle nicht. Wie Du siehst, kann ich für mein Theil so grob sein wie nur je!" Jetzt lächelte sie doch unter den aufsteigenden Thränen. „Aengstige Dich nicht, ich gebe kein Schauspiel; Du sollst mit mir zufrieden sein. Aber nicht wahr, Du kommst bald wieder?" „Gewiß, Regina, ich verspreche es Dir. Jndeß, wenn Du wirklich mitkommen willst, es wird allmälig Zeit." Wie nahe ihr der Abschied ging, sah er an ihrer völligen Schweigsamkeit, die sie auf der Fahrt zur Bahn nur unterbrach, um zwei-, dreimal mit immer eindringlicherer Betonung zu fragen: „Du kommst bald wieder?" bis sie ihm zum Schluß, als sich die Wagenreihe bereits in Bewegung setzte, diese Worte nochmals mit fast flehendem Ausdruck zurief. Er aber, während er sich aus dem davoneilenden Zuge hinauslehnte, um, so lange er es vermochte, der schlanken Gestalt seiner Schwester beruhigend fortwährend zuzuwinken, dachte, was er, heimgekehrt, später zu seinem Bruder Raphael sagte: „Und trotz alledem und alledem ist ihr vom wahren Glück mehr zu Theil geworden als uns allen." Nizza, März 187— „Mein lieber Alphons! Wer hätte gedacht, als wir uns vor fast einem halben Jahr auf dem Ermatinger Bahnhof trennten, und ich dem Dich entführenden Wagen mit so bitter-schwerem Herzen nachsah, daß mein erstes, wirklich ausführliches Schreiben an Dich von hier aus gerichtet und von so jubelnder Dankbarkeit gegen die gnädige Vorsehung durchströmt sein würde? Immer und immer klingt durch meinen Sinn der berühmte Vers von Emanuels großem Namensvetter, Emanuel Geibel: „Der Herr hat Großes an uns gethan" .... Ich habe nicht gewußt, daß die Welt so schön, das Leben so wundervoll sein kann! Und das ist einzig der Fall, weil sich zwei geliebte Augen wieder mit mir an allem freuen können! - Aber Du wirst Dich wundern, von Deiner gesetzten Schwester, die alt genug ist, um verständig zu sein, einen so zerfahrenen Brief zu erhalten. Die Hauptsache weißt Du ja übrigens aus meiner Depesche und den wenigen darauf folgenden kurzen Briefzetteln. Emanuel kann wieder sehen! Noch jetzt, da ich mich an mein neugeschenktes Glück bereits wieder etwas gewöhnt habe, kehren meine Blicke mit immer frischem Entzücken zu den eben selbst geschriebenen Worten zurück, und meine Seele empfindet die Thatsache von Neuem als ein hohes, unfaßbares Wunder! So glücklich, so dankbar kann man also sein! Würdest Du heute von mir eine Definition des Glückes begehren, ich glaube, ich würde weniger philosophisch abgeklärt reden als vor einem halben Jahr und auf die Frage: „Was ist Glück?" einfach antworten. „Das, was ich empfinde, wenn ich die wieder sehenden Augen meines Emanuel auf mir ruhen fühle!" — — Nun aber wirklich zur Sache. Du weißt, daß durch Gottes gnädige Fügung wider unser eigenes Hoffen Anfang Januar zur Operation geschritten werden konnte, daß alles bester ging, als selbst Lindenberg vorauszusagen gewagt hatte, und daß Ende des Monats Emanuels Wunsch erfüllt wurde, wir konnten einander wieder von Angesicht zu Angesicht schauen! O, Alphons, Worte sind zu schwach, um diesen Moment in seiner namenlosen Seligkeit zu schildern! Selbst der an dergleichen doch mehr gewöhnte Lindenberg, der Aehnliches wohl schon öfter miterleben durfte, war ergriffen! —Schön ist er doch, der Beruf des Arztes. Mögen auch Dir solche Erfolge, bei denen es der heilenden Hand vergönnt ist, die Stelle der Vorsehung einzunehmen, oft in Deinem Wirken beschieden werden. . . Aber ich schweife schon wieder ab.! Lindenberg, der sich in der ganzen Zeit als Freund und Pfleger über alles Lob erhaben bewiesen, hat, machte damals unserem Jubel kurzer Hand ein Ende und sperrte seinen Patienten wieder in sein' dunkles Verließ. „So!" sagte er dabei, so weit wären wir Gottlob. Und wenn wir nun weiter vernünftig sind, daun packen Sie. Frau Professor, in drei bis vier Woche» Ihre Sachen und Ihren dann hoffentlich völlig genesenen Gemahl zusammen und dampfen mit ihm zu seiner endgiltigen Erholung ab nach der Riviera. Sorgen Sie nur gefälligst dafür, daß er nicht etwa zu seiner ganz besonderen Zerstreuung die dicksten Folianten seiner Bibliothek mitschleppt und damit ausprobirt, wie viel er seinen neuen Augen wieder zumuthen kann!"- Die wenigen Leute aber, mit denen wir umgehen, sind insgesammt hervorragend intelligente, liebenswürdige Menschen, die Emanuel sehr sympathisch sind und in mancher Hinsicht anregend auf ihn einwirken.