Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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858 wunderbare Szene, welcher ich vorhin beigewohnt hatte, war also keine Zusammenkunft von Verschwörern, sondern eine religiöse Trauerceremonie; die Betrübniß Fannys hatte ihre Ursache in kindlichem Gram; die Ansprache des ehrwürdigen Alten war ein hebräisches Gebet; die kurze Rede Philipp RadowskiS war wahrscheinlich ein Psalm in der malten Sprache, die von Allen so geläufig gesprochen wurde. Aber wie kam ich zu dieser ganzen Geschichte? r-r Alle diese Gedanken bestürmten mich während der Dauer eines Augenblickes. Es war kaum eine Pause zwischen Martins Bemerkung und der Philipps, welcher sagte: „Er war wahrhaft fromm. Es war erstaunlich, wie er dem Einfluß seiner englischen Freunde Widerstand leistete. Niemand hätte geglaubt, daß er Polen schon dreißig Jahre verlassen hätte." „Jawohl," erwiederte Martin, „und wenn man bedenkt, wie bereitwillig er stets in die Häuser ging, in welchen Trauer eingetreten war, finde ich es geradezu schändlich, daß wir so viel Mühe hatten, für den Gottesdienst in seiner Sterbewoche zehn Leute zusammenzubringen. Ohne Herrn Mendoza's Gefälligkeit weiß ich nicht, was wir heute Abend angefangen hätten. Ich an seiner Stelle, lieber Philipp, muß gestehen, daß ich mich versucht gefühlt hätte, das Gesetz zu übertreten. Ich sehe nicht ein, daß dem Allmächtigen viel daran liegt, ob wir neun oder zehn oder nur fünf Männer beim Trauergottesdienst haben, und ich begreife nicht, daß Fanny nicht ebenso gut mitzählen soll wie irgend ein Manu." „O, Martin!" sagte Fanny mit entsetztem Blick. „Wie kannst Du nur so gottlos sprechen. Wenn wir erst anfangen, das Gesetz zu übertreten, wo ist dann das Ende abzusehen? Dann könnten Juden und Christen schließlich unter einander heirathen." Ihre ehrliche Entrüstung zu sehen, war entzückend. Zwei Dinge waren mir nun klar. Erstens, man hatte mich für einen Inden gehalten, wahrscheinlich wegen meines fremdländischen Aussehens. Zweitens, Fanny wollte niemals einen Christen heirathen. Wäre die erste Thatsache nicht gewesen, so hätte ich die zweite bedauert. Denn ein Drittes war mir unzweifelhaft, daß ich die herrliche Jüdin mit all der Gluth des Südländers liebte. Wir sind keine zahmen Häschen, wir Andalusier; der Blitz aus schönen Augen entflammt unser Blut, wir sind rasch und kühn in unserem Lieben. Mein Herz erglühte voll Dankbarkeit gegen meinen Schutzheiligen, der diesen Jrrthum veranlaßt hatte. Jude war ich, und Jude wollte ich bleiben. „Sie haben ganz Recht, Fräulein Radowski," sagte ich, „Juden und Christen könnten ebenso gut unter einander heirathen." „Ich freue mich, Sie so reden zu hören," sagte Fanny und wendete ihre herrlichen Augensterne nach mir; „die meisten jungen Leute heutzutage sind irreligiös." Martin warf mir einen wüthenden Blick zu. Ich sah sofort, wie der Hase lief. Er war entweder mit seiner Angebeteten verlobt oder im Begriff, es zu werden. Ich betrachtete ihn kühl vom Kopf bis zu den Füßen und beschloß, seinen Platz einzunehmen. Unmöglich konnte ich einem Mann von so zweifelhaften religiösen Grundsätzen erlauben, das Leben eines so fromm gesinnten Weibes, wie Fanny, an das seinige zu ketten. Eine solche Verbindung konnte für beide Theile nur unheilvoll sein. Was sie brauchte, war ein guter, frommer Jude, einer von der alten Schule. Mit Hilfe der Heiligen, schwor ich mir, ihr Bedürfniß zu decken. „Ich glaube, moderne junge Mädchen sind genau so irreligiös wie moderne junge Männer," versetzte Martin und ging aus dem Zimmer. „Ja, so ist es," seufzte Fanny, an welcher dieser Pfeil unbeachtet abglitt. Dann murmelte sie mit zum Himmel gerichteten Blicken: „Ach, hätten sie das Glück gehabt, solche Väter zu besitzen wie der meinige!" Martin, welcher nur auf einen Moment hinausgegangen war, kehrte mit Fannys Hut und einer Federboa zurück, und indem er bemerkte: „Du mußt jetzt unbedingt ausgehen, Du warst eine ganze Woche in das Haus gesperrt," half er ihr, sich anzuziehen. Ich war sicher, sein Eifer für ihre Gesundheit wurde überwogen von dem Wunsch, ich möchte inich entfernen. Ich konnte mich den Ausgehenden nicht gut anschließen, umsoweniger, als ich nur Anschluß an Eine von ihnen wünschte. Ich beachtete also die Unterbrechung gar nicht und sagte im Tone innigsten Bedauerns: „Es wird mein ewiges Leidwesen sein, daß ich Ihren Vater nicht kennen lernte." Sie warf mir einen dankbaren Blick zu. „Hier!" sagte sie, indem sie sich eine» Augenblick auf das Sopha setzte und das reichgebundene Buch, welches darauf lag, zur Hand nahm, „sehen Sie den Widmungsspruch, welchen er in mein Gebetbuch schrieb, kurz ehe erstarb. Unser Rabbiner sagt, es sei im reinsten Hebräisch." Ich stellte mich neben sie, beugte mich über das Buch, welches den verkehrten Weg gedruckt zu sein schien, und betrachtete die Inschrift mit Kennermiene. „Lesen Sie es," sagte sie, „lesen Sie es laut! Es ist mir ein Trost, es zu hören." Ich hustete heftig und fühlte, wie ich erbleichte. Martins Blick ruhte auf mir mit einem Ausdruck, der mehr und nrehr sardonisch wurde. Ich flehte heimlich zu unserer heiligen Mutter. Es schienen nur ein paar Worte, und nach sekundenlangem Zögern murmelte ich etwas in fast unartikulirten Lauten, indem ich Töne hervorbrachte, die ungefähr denen ähnlich waren, die ich während des Gottesdienstes gehört hatte. Fanny blickte mich verwundert an. „Ich verstehe Ihre Aussprache nicht," sagte sie. Ich war nahe daran, auf das Sopha zu sinken. „Oh, ich wundere mich nicht," vermittelte ihr Bruder. „Aus Herrn Mendozas Name und Aussehen schließe ich, daß er ein Sephardi ist, gleich den Mendozas von Highbury. Diese sprechen ganz anders aus wie wir, Fanny." Ich empfahl ihn der Gnade der heiligen Jungfrau. „So ist es in der That," pflichtete ich ihm bei. „Es war mir nicht leicht, Ihrem Gottesdienst zu folgen." „Sind Sie ein englischer Sephardi oder ein Eingeborener?" fragte Martin. „Ein Eingeborener," antwortete ich schnell. „Ich wurde da geboren." Wo das „da" lag, hatte ich nicht die mindeste Idee. „Wissen Sie," jagte Fanny, indem sie mich mit lieblichem Ausdruck anblickte, „ich möchte Ihr Vaterland kennen lernen. Spanien schien mir von jeher so romantisch. Ich schwärme für spanische Oliven." Ich war entzückt, zu finden, daß ich die Wahrheit in Bezug auf mein Vaterland gesprochen hatte. „Es würde mir das größte Vergnügen machen, Sie dahin zu begleiten!" sagte ich lächelnd. Sie erwiederte mein Lächeln. „Heutzutage kommt man leicht überall hin," sagte Martin mit saurer Miene. „Ich wollte, Du gingest zum Teufel," dachte ich, „das wäre das Leichteste." Aber es wäre voreilig gewesen, wenn ich Fanny meine Gesellschaft noch länger aufgezwungen hätte. Ich verließ mich auf die Kürze der Trauerzeit und die Gegenwart ihres Bruders, welche Martin wohl hindern würden, seine Bewerbung vorläufig weiter zu betreiben. Es blieb abzuwarten, ob der Schaden, den er angerichtet hatte, wieder gutzumachen war. , (Schluß folgt.)