Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
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357 Daß nicht nur das Sprachleben, sondern alles, was wir geschichtliches Leben nennen, ohne psychologische Deutung nicht von Grund aus verstanden werden kann, hat Steinthal in einem 1863 in der Philologenversammlung zu Meißen gehaltenen Vortrage: „Philologie, Geschichte und Psychologie in ihren gegenseitigen Beziehungen" dargelegt. Er nimmt hier Philologie in Böckhs — oben angegebenem — Sinne und indentifizirt sie geradezu mit Geschichte. Die Psychologie aber bezeichnet er als die spezielle Prinzipienlehre der Geschichte; nur sie erkläre dem Historiker sein wissenschaftliches Denken. Insbesondere zeigt er, daß alles, was man den innewohnenden Geist, die Idee geschichtlicher Thatsachen nennt, der Analyse bedürfe, daß die Kategorien, mit denen geistige Gestaltungen charakterisirt werden, wie Subjektivität und Objektivität, Aeußerlichkeit und Innerlichkeit, Aneignungsfähigkeit und Abgeschlossenheit, daß solche Kategorien nicht etwas Einfaches enthielten, sondern bestimmte Vorgänge in der Seele und bestimmte Formen solcher Vorgänge bezeichneten, die die Psychologie zu analysiren habe. Diese durchdringe aber auch das ganze Objekt des Historikers. Eine Psychologie jedoch, welche die Geschichte erklären wolle, deren reale Faktoren ja die Völker seien, sei Völkerpsychologie, deren Gegenstand der Mensch sei, nicht in seiner Einzelheit, sondern in seinem Zusammenleben innerhalb einer Gemeinsamkeit, vor allem innerhalb eines Volkes, und der Philologe oder Historiker in der Idee sei zugleich der Völkerpsychologe und umgekehrt. In demselben Jahre, in dem Steinthal den Historikern und den Philologen im engeren Sinne die Bedeutung der psychologischen Erfaffung ihrer Objekte darlegte, veröffentlichte er ein grundlegendes Werk, das der Geschichte und der Philologie nicht minder als der Philosophie dienen sollte, ich meine die August Böckh gewidmete „Geschichte der Sprachwisieuschaft bei den Griechen und Römern mit besonderer Rücksicht auf die Logik" (in 2. Auflage 1890). Daß ein Forscher, der das Wesen der Sprache wie sehr Wenige ergründet hatte, das Bild von der Bewegung des Geistes, durch welche dieser sich seines wunderbarsten Erzeugnisses bewußt wird, nicht ohne Beziehung auf andere geistige Bewegung entwerfen konnte, ist selbstverständlich. Und so gab Steinthal diesem Bilde, das Keiner vor. ihm entworfen hatte, nicht nur die philosophischen Anfänge und die philosophischen Höhen, sondern auch das Volksbewußtsein der Griechen zum Hintergründe, und seine Geschichte der Sprachwissenschaft diente nicht nur zur Ergänzung der Geschichte der Philosophie, sondern warf auch manches Licht auf die Kulturgeschichte. Hier bot sich ihm auch Gelegenheit, die Theorie der Interpretation und Kritik, wie er sie, in Böckhs Wegen wandelnd, ergründet hatte, auf dem Gebiete der klassischen Philologie anzuwenden. Und wie hier bei den Anfängen der Sprachwissenschaft, bethätigte Steinthal jene philologischen Funktionen zwanzig Jahre später an den Schriften, die die neuere Sprachwiffenschaft begründet haben, an Humboldts sprachphilosophischen Werken. Die königliche Bibliothek zu Berlin war in den Besitz sämmtlicher auf die Sprachwiffenschaft bezüglicher Manuskripte Humboldts gelangt. Deren Benutzung ermöglichte Steinthal einen volleren Einblick in die geistige Werkstätte jenes Forschers und erklärte ihm vieles Räthselhafte in dessen Hauptwerke „Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts" (gewöhnlich Einleitung zur Kawisprache genannt). Deshalb ging er mit „größter Freude" an eine neue Ausgabe der sprachphilosophischen Werke. Wie er als Vierund- „sehr viel zu verdanken". Und in Pauls Grundriß der germanischen Philologie (II. S. SIS) bemerkt er, daß er über die Theorie der Volkspoesie „am meisten aus Steinthals Aufsatz über das Volksepos gelernt" hat. zwanzigjähriger in seiner Erstlingsschrift bemerkt hatte, er sei immer glücklich gewesen, wenn er über Humboldts Gedanken nachdachte, so erklärte er in seinem ueunundfünfzigsten Lebensjahre bei der Ankündigung der Ausgabe, ohne an jene Worte zu denken, er schütze sich gsiicklich, daß ihn „das Schicksal dazu berufen hat". Glücklich war aber auch die Lösung der Aufgabe. Durch eine peiulichst genaue Begleichung der Handschriften, durch liebevolles Versenken in den Text und eindringenden Scharfsinn in Verbindung mit seiner eigenen Erkenntniß des Lebens und Webens der Sprache ist es Steinthal gelungen, die oben erwähnten Widersprüche zu erklären, das Verständniß des Klassikers der Sprachwissenschaft zu ermöglichen, dessen Gedankentiefe und Gedankendunkel zu ergründen und zu erhellen. Daß Steinthal mit allem Rüstzeug des Philologen und des Psychologen auch an die Interpretation und Kritik einzelner Theile der Bibel gegangen ist, bedarf für die Leser dieses Blattes kaum der Erwähnung. Dieser Aufsatz dürfte, obschon hier mehrere selbständige Schriften, der größere Theil der geistvollen Abhandlungen und die Fülle scharfsinniger Kritiken, die Steinthal über Werke aus den verschiedensten Gebieten der Geisteswissenschaft veröffentlicht hat, unerwähnt geblieben sind, doch von der Weite seines Arbeitsfeldes, dem Umfange seiner Gelehrsamkeit, der Schärfe seines Denkens und der Tiefe seines Geistes sowie von der Fülle und Bedeutung seiner Leistungen eine annähernde Vorstellung bieten. Keine Vorstellung aber gewährt er von der idealen Gesinnung und der Tiefe des Gefühls, die die Werke des ungewöhnlichen Mannes bekunden. Wie dieser es zu wiederholten Malen als den Stolz der neuen Sprachwiffenschaft bezeichnet hat, daß sie in dem Zeitalter der Humanität wurzelt, eine Schwester Schillerscher und Goethischer Poesie sowie der höchsten philosophischen Spekulation ist, wie er jene Ausgabe von Humboldts Werken den lebenden und auch den kommenden Anhängern des Humboldtschen Glaubens an die Ideale der Humanität gewidmet hat, so gab er in allen seinen Arbeiten dem schlechthin humanen Geist warmherzigen Ausdruck. Begreiflicherweise trittseine ideale Gesinnung am vollkommensten in seiner Ethik zu Tage, die der Bund, der Friede war, den er mit dem Leben geschlossen hatte, und nach der das Leben Werth und Würde allein im Dienste des Jntelligiblen erhält, d. h. der objektiven Sittlichkeit. So kann von Steinthals Schriften gelten, was Alexander von Humholdt am Schluffe des Vorwortes zu dem von ihm zuerst herausgegebenen Hauptwerke seines Bruders sagt: „Es muß die Ueberzeugung darbieten, daß eine gewisse Größe in der Behandlung eines Gegenstandes nicht aus intellektuellen Anlagen allein, sondern vorzugsweise aus der Größe des Charakters, aus einem freien, von der Gegenwart nie beschränkten Sinne und den unergründeten Tiefen ddr Gefühle entspringt." EUILLETON Der seltsame Gast. Erzählung von I. Zangwill. IV. (9jj)VTem Herz schlug heftig, als eine große Lichtwelle mein Ge- Hirn überfluthete. Diese Leute waren also Juden, jene seltsame, weitzerstreute.Rasse von Ungläubigen, von denen ich so oft gehört hatte, mit welchen ich aber während meiner wilden, abenteuerlichen Laufbahn noch nie in Berührung gekommen war. Die