Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-28 · Heft 30 (28.7.1899) · p. Seite 356

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228342--55663-3291889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

356 — Vgl. <7fX>jvtj, luna und ,113^ — auch als den Glänzenden. So ist die innere Sprachform des deutschen „Sieg" — Kraft, der gebräuchlichsten hebräischen Bezeichnung dafür — NV1V', NVW7I — Hilfe (Gottes). Darin ist Humboldts Ausspruch begründet: „Ihre (derSprachen) Verschiedenheit ist nichteine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst." Die Verschiedenheit der inneren Sprachform zeigt sich aber ni^t nur in den Vorstellungen selbst, in dem Sprachschatz, sondern auch in der Verknüpfung und Beziehung der Vorstellungen/ in dem Sprachbau. So drückt der Jakute den Satz: Versteinertes Holz ist viel vorhanden, auf folgende Weise aus: Holz Stein Gewordenfctjtt — sein viel, und den Gedanken: Du erzähltest mir, daß Du mit dem Gedanken umgingest, die von den Jakuten gesprochene Sprache mit einer Schrift zu versehen, flieht er so wieder: Erzählt haben Dein Du ganz Jakute Reden Sprache — seine Schrift — in legen — zu Thun Gedanken — Deine. Dem Nachweise nun der Verschiedenheit des grammatischen Baues der Sprachen, den — abgesehen von Wilhelm von Humboldt — Keiner so tief wie Steinthal erfaßt hat, und zugleich der Ordnung der Sprachen nach ihrem inneren Werthe ist Steinthals klassische Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues (1860) gewidmet, ein Werk, von dem Georg v. d. Gabelentz (Zeitschrift für Völkerpsych. u. Sprachw. IX.. S. 374) bemerkt: „Die Kunst der Sprachschilderung lehrt es wie meines Wissens kein zweites Werk unserer Litteratur". Nach einer kritischen Uebersicht der früheren Klassifikationen der Sprachen und einer eingehenden Darlegung seiner sprachwissenschaftlichen Prinzipien schildert hier Steinthal geist- und lichtvoll, immer die Psyche der Sprechenden im Auge behaltend, die chinesische Sprache, von den hinterindischen Sprachen das Siamesische und das Barmanische, von den polynesischen das Dajackische, von den altaischen das Jakutische, von den amerikanischen das Mexikanische und das Grönländische, sodann von den Sprachen der kaukasischen Rasse das Aegyptische, aus der Reihe der semitischen besonders des Arabische und von den indogermanischen Sprachen das Griechische und das Deutsche. Am Schluffe nimmt er eine Eintheilung der von ihm charakterisirten Sprachen nach dem Verhältniffe vor, in welchem in ihnen der Sprachstoff und die Sprachform (der Ausdruck der Prädicirung, Attribuirung und Objicirung) zu einander stehen, und theilt sie in formlose und Formsprachen. Zu diesen, den Formsprachen, zählt er nur die indogermanischen, die semitischen Sprachen, das Aegyptische und das Chinesische. Von den afrikanischen Sprachen hatte Steinthal schon im Jahre 1851 das Manda, das Vai, das Soso und das Bambara in einer Schrift behandelt, die vom Institut de France den Volney-Preis erhielt. Diese Abhandlung hat er 1867 nach der Entwickelung seiner sprachwiffenschaftlichen Grundsätze zu dem Werke „Die Mande-Neger- Sprachen" umgestaltet, das er nicht nur für den Sprachforscher, sondern auch für den Psychologen bestimmte. ■ Nächst der Sprache hat Steinthal noch zwei Erzeugnisse des Volksgeistes eingehend behandelt, den Mythos und das Epos. Unter Mythos befaßt er die gesammte Vorstellungswelt der Völker auf ihrer ersten Entwickelungsstufe. Auf dieser ist das ganze Vorstellen des Menschen, die Art, die Dinge der Außenwelt und sich selbst zu appercipiren — wie die Weise der Kinder — mythisch. Das Wesen des mythischen Vorstellens aber besteht darin, daßalles Geschehen auf der Erde und in der Luftregion als eine That irgend eines Wesens appercipirt wird, das dem Menschen innerlich gleich ist und bei seinem Thun von gleichen Beweggründen wie dieser geleitet wird. Wenn wir den Mythos nur mit der Religion/ verbunden denken, im Mythos nur die religiöse Vorstellungs- und Gefühlswelt sehen, so irren wir. Die Wahrheit ist, daß auf jener Entwickelungsstufe die religiöse wie jede andere Seelenerregung sich nicht anders als in mythischer Form kundgiebt. Aus dieser mythischen Apperception des Religiösen entwickelt sich allmälig die höhere religiöse Erkenntniß, und so sind auch die Israeliten aus dem semitischen Heidenthum zu immer reinerem Monotheismus gelangt. Daß der Sprache und gar mancher Erzählung der Bibel Mythisches anhaftet, und wie sich der Prozeß der monotheistischen Umgestaltung heidnischer Mythen vollzieht, hat Steinthal mit philologischer Akribie und psychologischem Feinsinn 1862 in seinem Aufsatz: „Die Sage von Simson" (im 2. Bd. d. Ztschr. f. Völkerps. u. Sprachw.) dargelegt?) Wie in den religiösen Vorstellungen, so lebt der Mythos, zur Sage entwickelt, fort in den großen Dichtungen der Völker, in den homerischen Gedichten, den Nibelungen, dem altfranzösischen Epos u. a. Steinthal war der Ansicht, daß in der epischen Frage das erste und letzte Wort der Psychologie gebühre. Er war davon überzeugt, daß eine Lösung der epischen Frage ohne Erkenntniß des Wesens und Lebens der Volksdichtung, und das heißt ohne Erkeuntniß des Bewußtseins der dichtenden Gemeinschaft, unmöglich ist. Das Grundmerkmal des Begriffes der Volksdichtung ist aber nach ihm, daß das Bewußtsein der dichtenden Gemeinschaft kulturlos, unbeirrt von Reflexion und Logik ist. Mit der Kulturlosigkeit ist der Mangel an Individualität gegeben. Denn es fehlt die Mannigfaltigkeit der Verhältnisse, die eine mannigfache Gestaltung des Bewußtseins hervorruft; Niemand hat etwas ihm Eigenthümliches, etwas, was nicht dem Gesammtgeist gehörte. Herrscht nun in einer solchen Gemeinschaft poetische Begabung, so hat jeder Einzelne daran Theil, Jeder ist Dichter, und der Eine dichtet wie der Andere. Wie sie alle an ihrer Sprache, ihrem Mythos, ihrem Rechte, ihrer Sitte schaffen, sie gestalten und umgestalten, so schaffen sie alle an ihren Gedichten. Jedes Lied wird zuerst irgend einmal von einem Sänger geschaffen; aber sowie es gesungen ist, gehört es Jedem in der Gemeinschaft, weil es aus deren Geiste heraus gesungen ist. Jeder vermag es wie sein eigenes aufzunehmen, umzugestalten, fortzusetzen. So ist das Dichten des Volkes in vollster Lebendigkeit und Flüssigkeit, wie die Sprache als Thätigkeit zu denken, und zwar als Thätigkeit des Gesammtgeistes, der zwar nur in den Einzelnen Wirklichkeit hat, aber diese so beherrscht, daß sie vielmehr nur in ihm leben. Dieser dichtende Volksgeist ist auch die eigentlich treibende Kraft bei dem Schaffen der großen Epik. Wir sagen nicht Epos, sondern Epik. Denn nach Steinthal, der als Beweis hierfür das erst vor zwei Menschenaltern gesammelte und ausgeschriebene finnische Epos Kalewala anführt, ist jedes Volksepos nur eine Welle der wogenden Epik. In dieser giebt es keine fest abgegrenzten Theile, Lieder, sondern jeder Sänger bildet sich diese Theile nach dem Bedürfnisse des Augenblicks. Was er in einem Zuge singt, das ist ein Lied, ein Gesang. Und nur dieser jedesmalige einzelne Gesang hat, so lange er tönt, Wirklichkeit; ein ganzes Epos wird aber niemals vorgetragen. Und doch lebt in der Epik das Epos als Einheit. Diese Einheit ist aber blos eine ideale Macht, die darin ihre Wirksamkeit be. kündet, daß durch sie die wirklichen Stücke als Organe eines Ganzen gestaltet sind. Die Ilias, die Nibelungen lagen als Ganzes ebenso im Volksgeist, wie sie als Ganzes in uns liegen, obwohl Mancher von uns nie den ganzen Homer, das ganze Nibelungenlied durchgelesen hat.') Abgedruckt im 2. Bd. von „Zu Bibel und Religionsphilosophie". 2) Vgl. Ztschr. f. Völkerpsych. u. Sprachw. V., 1.—57. In seinem Beowulf (S. 7) erklärt ten Brink, daß er sich bewußt ist, dieser „von den Philologen leider viel zu wenig beachteten" Abhandlung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.