Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Anschauung z. B. des grünen Blattes, des fliegenden Vogels ist auch ohne Sprache möglich. Das Grün, das Fliegen allein, den Vogel, das Blatt für sich erfassen, und das heißt eben die Anschauung in Vorstellungen sondern, kann der Mensch nur vermittelst der Sprache. Diese entsteht aber, indem der in Gemeinschaft mit physisch und psychisch gleich organisirten Genossen lebende Mensch Reflexlaute, die er schon früher, durch die Wahrnehmung von Vorgängen erregt, ansgestoßen hat, bei der Sonderung der Anschauung verwendet. Vermittelst des auf diese Weise aus dem Reflexlaute entstandenen Wortes werden Vorstellungen wie Grün, Fliege», Vogel, Blatt erfaßt und im Bewußtsein wiedererzeugt, reproduzirt. Sprechen heißt vorstellen. Hiermit ist schon gegeben, daß Sprechen an sich Verstehen des eigenen Lautes, daß die Sprache zunächst Mittheilung des Sprechenden an sich selbst ist, Darstellung des eigenen Seeleninhalts für das Bewußtsein. Da aber die Sprache nicht im Geiste des Einzelnen an sich entsteht, sondern aus der Gemeinsamkeit entspringt, so trifft das Wort zugleich die Anderen, die Hörenden, ohne aber ursprünglich eine beabsichtigte Mittheilung zu sein, und das Verstehen seiner selbst ist zugleich ein Verstandenwerden durch Andere. Von dem, was die Vorstellung im Worte dem Bewußtsein leistet, sei zunächst die repräsentative Kraft hervorgehobeu. Der Inhalt der Anschauungen liegt in Bildern, die das Bewußtsein ausfüllen und belasten und so dessen Thätigkeit sehr hemmen. Beim Vorstellen hat das Bewußtsein den Inhalt selbst gar nicht mehr zu tragen. Dieser, auch wenn er umfangreich geworden und mit tiefen Gefühlen verbunden ist, schickt gewissermaßen die Wörter, die ihn vertreten, ins Bewußtsein, wird dort durch sie repräsentirt und wirkt selbst nur — schwingend. Man lese den Anfang des vierten Gesanges von Hermann und Dorothea, versuche es, soweit dies überhaupt möglich ist, sich bei den einzelnen Wörtern die Anschauungen, die ihnen zu Grunde liegen, zu vergegenwärtigen, und man wird sehen, wie langsam der Denkprozeß verläuft. Und dann lese man in gewohnter Weise, und man wird finden, daß man, ohne sich von jedem einzelnen ein Bild zu entwerfen, doch ein solches besitzt; man schaut es nicht — es schwingt nur in uns. Die Vorstellung im Worte ist aber auch ein Mittel, weiteren, neuen Inhalt zu erwerben, zu schaffen. Mit der Wurzel pal z. B., mit der die Jndogermanen ursprünglich das Fliegen als solches erfaßt hatten, erfaßten sie (gewöhnlich heißt es äußerlich: bezeichneten sie) auch den Vogel, den Flügel, die Feder, das Blatt, das Austreben, das Fallen. Und so erweist sich die Sprache als das Apperceptionsorgau, d. h. als das Mittel, mit älterem Seeleninhalt neuen zu erwerben und zu gestalten. Die Vorstellungen nun, die dazu verwendet werden, neue Inhalte zu erwerben und dann zu repräsentiren, sind das eigentliche Wesen der Sprache, das im Laute nur seine materielle Stütze und sinnliche Kundgebung hat. Sie und der Laut bilden die Sprache; im Gegensätze zu dem Laute, der äußeren Sprachform, heißen sie die innere Sprachform. Diese Gedanken hat Steinthal zuerst 1855 in seinem Werke „Grammatik, Logik und Psychologie" entwickelt, dessen erster Theil eine vernichtende Kritik der oben erwähnten Ansicht Beckers enthält, und dessen Eindruck nach dem Rezensenten in den Neuen Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik (1857) ein bewältigender war. Sodann hat er jene Gedanken 1871 durch die Grundzüge einer psychischen Mechanik tief begründet und weiter ausgeführt in dem ersten Theile des Abrisses der Sprachwiffenschast (2. Aufl. 1881), der in Wahrheit, wie dessen Sondertitel besagt, eine Einleitung in die Psychologie und die Sprachwissenschaft ist. Den Eindruck dieses Werkes ans die psychologischen Forscher mögen die Worte Benno Erdmanns wiedergeben, der 1879 in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie (S. 393) darüber Folgendes bemerkt hat: „Ich halte dafür, daß jenes Werk die gehaltvollste Leistung auf rein psychologischem Gebiete ist, die uns in dem letzten Jahrzehnt geboten wrirde. Eine Bestätigung dafür bietet die Thatsache, daß Steinthal allein unter Allen schulenbildend gewirkt hat; aus mehr als einem Kennzeichen folgt überdies, daß seine Wirksamkeit sich auf weitaus die meisten jüngeren Autoren erstreckt, die psychologische Fragen bei uns diskntirt haben. Vor allem seine eingehend entwickelte Theorie der Apperception giebt eine so einschneidende und zutreffende Fortbildung der Herbartschen Theorie, daß sie für die nächste Zukunft ohne Zweifel die Basis für alle hierhergehörigen Untersuchungen bilden wird." Wie allbekannte sprachliche Erscheinungen, die die Grammatiker als wider die Natur der Sprache verstoßend oder gar als unorganisch bezeichnet haben, durch die psychologische Betrachtung ausgehellt werde», hat Steinthal in dem dnrch Feinheit der psychologischen Analyse ausgezeichneten Aufsatz über Assimilation und Attraktion (in dem 1. Band der von ihm und Lazarus von 1859—1890 herausgegebenen Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft) dargelegt. Hier zeigt er, daß selbst mechanische Lautveränderungen psychologisch zil erklären sind, daß die erste Ursache, eines Lautwandels wie des Umlauts, der Angleichung (z. B. des ch an f in Hoffahrt aus Hochfahrt) in einem psychischen Prozesse liegt. Hier zeigt er besonders, wie die Residua der unter einander mannigfach verschlungenen Vorstellungen, wie Vorstcllungsgruppen unbewußt für den Bewußtseinsprozeß wirksam sind — wofür er den oben berührten Terminus schwingende Vorstellungen gebildet hat—, ünd wie die sprachliche Form der lebendige Abdruck solcher psychischer Bewegungen ist. *) So hat Steinthal den Sprachforschern gezeigt, daß ihr Objekt ganz und gar psychologischer Natrir ist, und den Psychologen, daß ihnen in der Sprache ein Objekt geboten ist, welches sie zu ihren wichtigsten zählen müßten. Nun ist die Sprache, da sie ein ununterbrochenes Werden zeigt und das deutlichste und allgemeinste Mittel ist, die Erwerbungen der Vergangenheit fort und fort zu überliefern, ein geschichtliches Wesen. Die Darstellung jeder konkreten historischen Schöpfung aber als eines psychischen Geschehens ist, wie zuerst Lazarus gezeigt hat, Gegenstand der Völkerpsychologie. So gehört die innere Sprachform, die, soweit wir bis jetzt gesehen haben, die Apperception eines neuen Inhalts durch einen ältere», in der Seele bereits vorhandenen ist, iricht nur in die allgemeine, sondern auch in die Völkerpsychologie. Ist sie doch bei den verschiedenen Volksstämmen und Völkern verschieden, da diese denselben Gegenstand von verschiedenen Seiten, mit verschiedenen älteren Vorstellungen erfassen, wie auch dasselbe Volk denselben Gegenstand verschieden appercipirt. So haben die Jndogermanen den Mond — wahrscheinlich — als den (Zeit-) Messer, die Semiten — vgl. nT — als den Wanderer appercipirt; daneben appercipirten ihn indogermanische und semitische Völker h In diesem „von Seiten der Sprachwissenschaft und der Lautphysiologie bisher noch wenig beachteten Aufsatze" sah Karl Brugmann (Morphologische Untersuchungen auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen I. T. IV [1878]) die ersten Grundlinien einer Wissenschaft gezogen, „welche über die Wirkungsweise der psychischen Faktoren, die bei unzähligen Lautbewegungen und Lautneuerungen sowie bei aller sogenannten Analogiebildung thätig sind, umfassende Beobachtungen anstellt". Damit wies er auch auf die grundlegende Bedeutung hin, die der Aufsatz für die sogenannte junggrammatische Richtung hatte.