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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-28 · Heft 30 (28.7.1899) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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354 edeldenkende Jüdin (Darmstädter Lesebuch), Der Jude (Prötzel), Rabbi Meir und seine Gattin (Moses Mendelssohn), Beruriah (W. Constant), Die Saronsrose (E. Mautner), Chanina den Teradjon (Frankl), Eine jüdische Kämpferin aus den Befreiungskriegen (Vossische Zeitung), Die Fahne von Le Bourget (Baron v. Dyherrn) rc. Aber solche jüdische Charakterbilder, wie zahlreiche Dichter sie in Poesie und Prosa gezeichnet haben, sind in alle Winde zerstreul. Kein Kind liest, kein Kind kennt sie; ihre versittlichende Kraft aber kommt dadurch ebenso wenig zur Geltung, als habe sie der Dichter nie geschrieben. „Gute That" aber, „die ungepriesen stirbt, würgt tausend andere, die sie zeugen könnte", sagt Shakespeare. Im anderen Falle aber würde das jüdische Kind an solchen Stücken innerlich erstarken; es würde sie mit edlem Stolze und warmer Begeisterung lesen und ihre erhabenen Lehren als einen segenbringenden Schatz in seiner Seele durchs Leben tragen. Wohl dienen diesem Zweck ja auch die biblischen Geschichten, aber ihre Persönlichkeiten und Berhültniffe stehen oft dem Kinde menschlich zu fern, ihre Erscheinungen schweben in weltfremder Höhe über uns, ein Gegenstand heiliger Bewunderung und frommer Scheu. Sie gehören eben zum Inventar der Religionsstunde. Geschehniffe aber, die sich nicht in eine graue, ungewisse Vorzeit verlieren, Charaktere, die uns nicht in unmeßbaren Dimensionen über-, ragen, für die uns vielmehr noch der Maßstab der eigenen Persönlichkeit verbleibt, würden unmittelbarer und darum auch anregender auf jugendliche Gemüther wirken und einen wirksamen Anstoß zu sittlicher Erhebung bilden. Darum habe ich mir schon seit lange eine Sammlung solcher Sachen zu gelegentlicher Benutzung angelegt, und ich bin überzeugt, daß mancher Leser der „Zeitung des Judenthums" dieselbe um das eine oder andere Stück vermehren könnte. Zu einem „Jüdischen Schatzkästlein" vereinigt, würden diese ctocumeuts juives gewiß eine willkommene Lektüre bilden und manches Gute stiften. Und wenn sich zufällig einmal dieses Buch in christliche Hände verirren oder eines der Stücke den Weg in ein Schullesebuch finden würde, so wäre das auch kein Schaden. Vielleicht sammeln einige Leser und Leserinnen diesbezügliches Material mit mir (Nürnberg, Obere Turnstr. 1). Das Sammeln von Ansichtskarten ist ja doch schon etwas veraltet! Zur Erinnerung an K Sternthal, den Forscher. Von Dr. M. Holzman. m 16. Mai 1893, an seinem siebzigsten Geburtstage, erhielt H. Steinthal, außerordentlicher Professor der Sprachwissenschaft an der Universität zu Berlin und korrespondirendes Mitglied der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Upsala, eine von Schülern, Mitforschern und Verehrern Unterzeichnete Adresse, in der seine wissenschaftliche Lebensarbeit wie seine Persönlichkeit gewürdigt waren. Unter jenen Männern befanden sich Philologen und Linguisten, Philosophen und Theologen, Historiker und Ethnologen. Alle bekannten sich ihm zu Danke verpflichtet und wünschten, daß das jüngere Geschlecht zu ihm als zu einem geistigen Führer aufschauen möge. Worin hatten Dank und Wunsch von Männern so verschiedener Forschungsgebiete ihren Grund? Gewöhnlich bezeichnet man Steinthal als Sprachforscher. In Wahrheit war er ein Philologe in dem umfassenden Sinne seines Lehrers August Böckh, der die Philologie als die Erkenntniß der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit, als die Wissenschaft von dem sich entwickelnden Geiste bezeichnet hat. Steinthals erste Arbeiten knüpften an die epochemachenden sprachphilosophischen Schriften Wilhelm von Huniboldts an und galten zunächst nur der Sprachwissenschaft; allmälig aber brachen sie dieser eine neue Bahn und führten ihn selbst auf andere Wissensgebiete, die durch ihn eine bedeutende Förderung erfahren sollten. Wilhelm von Humboldt hatte die neuere Sprachwissenschaft begründet. Er hatte gelehrt, daß die Sprache kein fertig ruhendes Ding, sondern etwas in jedem Augenblicke Werdendes, Entstehendes und Vergehendes ist, daß die eigentliche Sprache in dem Akte ihres wirklichen Hervorbringens durch den Geist liegt. Er hatte ferner die Einheit von Geist und Sprache gelehrt; die Sprache sei das bildende Organ des Gedankens, sie sei nicht etwas dem Gedanken Fremdes, das sich äußerlich mit diesem verbindet, sondern in Sprache und durch sie werde gedacht. Er hatte auch in der Arbeit des Geistes, den artikulirten Laut zum Gedankenansdruck zu erheben, ein Beständiges und Gleichförmiges erkannt, das nach ihm die Form der Sprache ausmacht, und betrachtete die Sprache als den geistigen Aushauch eines national individuellen Lebens. Mit dieser dem Genie Humboldts und seiner historischen Erforschung der einzelnen Sprachen entstammenden Betrachtungsweise standen aber in seinen Schriften, soweit sie früher zugänglich waren, gär manche auf die Metaphysik und die alte grammatische Theorie zurückgehende Gedanken im Widerspruch. Dazu kam, daß er seine genialen Gedanken, weil er mit ihnen rang, öfters nicht klar darstellte oder nicht begründete. Infolgedessen waren seine Schriften sehr schwer zu verstehen und wurden von den Wenigen, die sie lasen, mannigfach mißverstanden. So meinte man — um^eins zu erwähnen — wie vor, so auch nach Humboldt — und diese Ansicht wurde besonders durch Karl Ferdinand Becker vertreten und auch Gemeingut der Schulgrammatiken —, Sprechen sei gleich Denken, also die Formen der Sprache gleich den Formen, den logischen Formen des Denkens. Dies erkannte — zuerst — Steinthal beim Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn. In Humboldts sprachphilosophischen Werken sah er — nach seinem feurigen Sendschreiben an Pott (1852) — eine tragische Begebenheit, einen Kampf zwischen Humboldts bahnbrechendem Genie und der überlieferten Theorie, deren Humboldt nicht hatte Herr werden können. Steinthals Kritik, zu der ihn leidenschaftliche Liebe zu Humboldt getrieben hatte, deckte nun die Fehler auf, durch die diesem der Sieg entgangen war, und suchte sodann dessen historische Ergebnisse, dessen geniale Sprachauffaffung theoretisch zu begreifen, prinzipiell zu begründen. Gelungen ist dies Steinthal dadurch, daß er die Betrachtung der Sprache von dem Boden der Logik und Metaphysik auf den der Psychologie hinüberführte. Steinthal sieht die Sprache als ein psychisches Organ an. Wie ist dieses entstanden? Wie wirkt es? Was leistet es dem menschlichen Bewußtsein? Das sind die Fragen, deren Lösung er unternommen hat. Was den Ursprung der Sprache betrifft, so wollte er nicht ergründen, wie sie in Wirklichkeit entstanden ist, sondern wie sie hat entstehen müssen. Den Ursprung der Sprache ergründen, hieß ihm nichts anderes, als die geistige Bildung kennen lernen, die der Spracherzeugung unmittelbar vorangeht, einen Zustand und gewisse Verhältnisse des Bewußtseins als Bedingungen begreifen, unter denen die Sprache hervorbrechen muß. Als das Werk und das Wesen der Sprache sieht er den Uebergang des Bewußtseins von der Anschauung zu der Vorstellung an.

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