Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
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WUWW ss^Sf5S?JSS?SSI|H!!?Wl! 353 Theilnahme an den Festesfreuden und das Recht auf die Emolumente in Feld-, Wein- und Oelberg (3. B. M. 23. 22. 5. B. M. 14, 29. 16, 1l. 14. 24, 19 ff.) zugesprochen, ja sogar einem fremden, der Tyrannei seines Herrn entronnenen Sklaven leutseligste Aufnahme zugesichert (5. B. M. 23, 17). Der vielverlästerte Talmud hat diese Gesetze nicht nur aufrecht erhalten, sondern auch noch erweitert, indem er u. a. einschärfte, dem Nichtisraeliten zuerst den Gruß zuzurufen und ihn in der Noth gleichwie den Israeliten zu unterstützen, und streng verbot, ihn im Handel und Wandel zu Übervortheilen, was ein Chillul Haschem (Schmähung des Gottes Israels) sei. Mit je größerer Befriedigung uns aber dies Bewußtsein der Priorität unserer Religion in diesem Betracht sowie in der Lehre von dem einzig-einigen Gotte erfüllen darf, desto schmerzlicher müffen wir empfinden, daß wir es am eigenen Leibe erfahren mußten, bei den Nationen, in deren Mitte wir leben und lebten, sei nach Jahrtausenden noch dieses Grundprinzip der Humanität zumeist nicht zur Anerkennung gelangt, wodurch wir viele Jahrhunderte lang bis heute einem in der Menschengeschichte einzig dastehenden Martyrium (wie es Jesaj. 53 prophezeit) ausgesetzt worden. Nicht mit Unrecht hat man öfter das Verhalten der Völker gegen uns als Gradmesser ihrer höheren oder niedrigeren Civilisation augesehen. Denn was ist Kultur, Civilisation? Ist sie allein Fortschritt in den Künsten des Krieges und Friedens, in Wiffenschaft und Verstandesbildung? So faßten sie wohl die klassischen Nationen des Alterthums auf, denen das Licht der göttlichen Offenbarung noch nicht anfgegangen; sind aber Herz und Gemüth, welche sich nicht mit engherzigem Nationalgesühl begnügen, sondern auf alle Mitmenschen sich erstreckendes Wohlwollen fordern und ausüben, nicht noch wesentlichere Charakteristika echter Kultur und Civilisation? Daß „Humanität" ihnen daher wohl dem Namen nach, aber nicht in der That bekannt und eigen war, lehrt instar omnium das in schneidendem Kontrast zu der oben gekennzeichneten israelitischen Moral stehende Wort des größten griechischen Weltweisen: jeder Barbar (Nichthellene) ist von Natur ein Sklave, und ihre barbarische Behandlung der Sklaven, die in Sparta sogar bis zur erdenklichsten Härte gegen die eigenen Stannuesgenossen, die besiegten Heloten, ausartete. Doch wohlan! Das waren bei allem Geistesreichthum Anbeter nichtiger, mit den niedrigsten Leidenschaften behafteter Götzen, die in steten Konflikt mit Ethik.und Moral geriethen, so daß auch auf sie das strenge Wort des Exilspropheten (Jes. 60, 2): „Finsterniß bedeckt die Erde, und Dunkelheit die Nationen", Anwendung fand, aber seitdem sind ja längst die falschen Götter in ihr Nichts versunken, die civilisirten Völker erkennen mit uns, wenn auch modifizirt, den heiligen, gerechten und gnadenreichen Gott als Einzigen an, halten unser Zehngebot als Urgrund aller Religion und Sitte; unsere Bibel ist auch ihnen heilig als Fundament ihres Bekenntnisses, den Propheten und Psalmen entnehmen sie fast ausschließlich die Texte zu ihren Predigten in der Kirche wie bei allen freudigen und traurigen Ereignissen. Sind wir also nicht ihre „Brüder", wenngleich nicht in Christo, doch als Bekenner des einzigen Gottes? Solchen gegenüber ist doch die kategorische Forderung der Gleichberechtigung (selbst wenn diese nicht in der Staatsverfasiung verbrieft und besiegelt wäre), so wie sie der Mosaismus sogar dem Freniden im Lande zugesprochen, unabweisbar. Wohin der Haß, sei es Rassen-, sei es Religionshaß, gegen uns schließlich führt, das hat die mit der eklatanten Niederlage der Verleumder und Fälscher hoffentlich bald beendete „Dreyfus-Affäre" in dem Lande, das sich stets rühmt, an der Spitze der Civilisation zu marschiren und das in der That vor mehr als einem Jahrhundert zuerst in Europa „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" aller seiner Kinder proklamirt hat, mit Flammenschrift in die Annalen der Weltgeschichte eingezeichnet. Wer sie nicht versteht oder verstehen mag, der brandmarkt sich selbst, und er wird, wie die ganze feindselige Agitation, dem Verdammungsurtheil der neuen Generation im kommenden Jahrhundert sicher nicht entgehen. Denn unsere Sache, welche die Sache der ganzen Menschheit ist, wird und muß über kurz oder lang siegen. Gin jüdisches Schatzkästlein. Von Realschullehrer Jakob Seifensieder. bermals hat der vielgeplagte „Jude" in dem Rückert'schen Gedicht „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" in dieser Zeitung einige Federn in Bewegung gesetzt, und beinahe gewinnt es den Anschein, als könne der so oft vor die Oeffentlichkeit des jüdischen Lesepublikums Citirte, wie sein unsterblicher Leidensgefährte Ahasver, nimmer Ruhe finden und sei verdammt, auf ewig durch den „Sprechsaal" der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" zu irren, „ein Schatten, der sich überdauert, ein Halm, auf den es ewig niederhagelt". Es sind nun, aufrichtig gesagt, wirklich über besagtes Thema der Worte genug gewechselt worden, ohne daß man gerade besondere Thaten gesehen hätte. Als ich vor vier Jahren die Aufmerksamkeit auf obiges Gedicht lenkte, geschah dies im Hinblick auf den eben erschienenen Artikel eines verdienten christlichen Pädagogen, der gerade die Beibehaltung des „Juden" verlangte, weil sich in dieser Gestalt so recht die Geldgier in einer dem Volksbewußtsein entsprechenden Form verkörpere. Gegen diese Auffassung und die daran geknüpfte Forderung erhob ich Einwand, indem ich zugleich den Centralverein. der auch Abhilfe versprach, auf die Sache aufmerksam machte. Nachdem ich hierauf genanntem Verein eine kleine Liste von Lesebüchern, die das Gedicht in der beanstandeten Fassung enthielten, zur Verfügung gestellt hatte, hörte ich zu meinem Bedauern nichts mehr von der Angelegenheit. Immerhin mehrt sich die Zahl der Bücher, die in mehr oder minder glücklicher Weise für das beanstandete Wort irgend einen anderen Ausdruck setzen (Mann, Kaufmann, Wanderer, Bettler, Räuber), so daß man hoffen darf, das Gesunde werde sich schließlich auch hier durcharbeiten und die gerügte Stelle nach und nach ganz aus der Schule schwinden. Darum seien jetzt über diesen Gegenstand endgiltig die Akten geschloffen. Aber auf eine Anregung, die ich schon damals gab, möchte ich heute noch einmal ausführlicher zurückkommeu, weil ich glaube, daß sie sich unschwer verwirklichen ließe und dann vielleicht manchen Nutzen stiften könnte. Es ist ja ejne allbekannte traurige Thatsache, daß es heutzutage geradezu Mode ist, Juden und Judenthum lächerlich zu machen und von beiden in einer Weise zu sprechen, als seien sie wirklich der Inbegriff alles Schlechten und Verabscheuungswürdigen. Da läßt es sich denn denken, welchen Eindruck eine derartige, gelegentlich aufgefaugene Aeußerung auf ein kindliches Gemüth, in dem sich vielleicht eben etwas wie jüdisches Gefühl zu regen beginnt, machen muß. „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht!" Und wie wenig wirkt dem die Schule entgegen! Wohl findet man in vielen Lesebüchern das oben genannte Rückert'sche Gedicht, aber keinem Herausgeber fällt es ein, auch einmal ein Stückchen aufzunehmeu, in dem Juden und Judenthum in menschlich schöner Beleuchtung erscheinen; Ausnahmen bestätigen nur die Regel! Und doch ist die Zahl solcher Stücke nicht gering; ich greife aufs Gerathewohl nur einige heraus: Moses Mendelssohn (Hebel), Die