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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-28 · Heft 30 (28.7.1899) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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351 drohenden Gefahr der „Verjudung" des Volksbildungswesens. Aber noch ist es Zeit, und alle „wahrhaft Gebildeten und deutsch denkenden Männer und Frauen werden aufgefordert, sich für das Projekt einer „nationalen Volkshochschule" zu interessiren und behufs weiterer Verständigung ihre Adressen an die Redaktion der „Deutschen Reform" oder an den Abgeordneten Böckel gelangen zu lasten. Was die Berliner Profefforen, Zierden der Wiffenschaft, ins Leben gerufen haben und weiter zu pflegen eifrig bestrebt sind, das existirt für die antisemitischen Gernegroße nicht. Sie und ihre „hervorragenden, natioualgesinnten" Genoffen allein kennen das Allheilmittel zur Popnlarisirung der Wiffenschaften: eine „nationale" Volkshochschule, womit eine antisemitische gemeint ist. Angesichts einer solchen Konkurrenz wird dem Rektor der Berliner Universität und seinen Kollegen der Schreck in die Glieder fahren; sie werden die Flinte ins Korn werfen und sich schleunigst dem antisemitischen Unternehmen zur Verfügung stellen. Doch, vorläufig ist dieses ja noch nicht gesichert. An geeigneteil Dozenten wird wohl kein Mangel sein; jeder antisemitische Agitator hat natürlich das Zeug zu einem Lehrer einer solchen Volkshochschille. Aber wir fürchten, daß die Hauptsache ausbleiben wird: das liebe Geld, ohne welches die antisemitischen Demagogen bekanntlich nicht zu haben sind. Und so wird es vorläufig beim Alten bleiben: Nicht in Hörsälen der Hochschulen, sondern in rauchgeschwäugerten Lokalen wird die antisemitische „Wiffenschaft" durch berufsmäßige Agitatoren „vertrieben" werden. 4 Ungarische Blätter berichten über ein intereffantes Banket, bei dem auch sehr interessante Worte gewechselt wurden. Das Banket fand anläßlich der Anwesenheit des Kalocsaer Erzbischofs Georg Csaszka in Bacs-Kula statt. Bei dieser Gelegenheit saß der Rabbiner neben dem griechisch-orientalischen Seelsorger. Dieser hielt einen Toast, worin er sagte: „Liebet einander, so wie ich Euch liebe", worauf der Rabbiner den Spruch der Bibel cilirte: „Einen Vater haben wir alle, ein Gott hat uns erschaffen". Hierauf hielt der Erzbischof eine Rede, in der er mit begeisterten Worten dieses Beispiel interkonfessioneller Eintracht pries. Wir Hütten dem nur noch eines beizusügen: Wie schön wäre es, wenn man nicht blos in Ungarn, sondern auch in anderen Ländern von den Vertretern der Religion der Liebe derartige erbauliche Aenßerungen vernähme. 4 Bekanntlich ist in Rußland einer privilegirten Klaffe von Juden, nämlich den Kanfleuten erster Gilde, gewissen Handwerkern und den akademisch Gebildeten, der Aufenthalt in ganz Rußland gestattet. Nach der Auffassung der Provinzbehörden soll aber Sibirien von diesem Privilegium ausgenommen sein, weil 1847 der Kaiser Nikolaus entschieden habe, daß Juden sich in Sibirien nicht niederlassen dürften. Seit 1894 legte daher die Behörde wiederholt den privilegirten Juden Hindernisie in den Weg, wenn sie sich in Sibirien aushalten wollten, und wiederholentlich, wenn die Geschädigten an den Senat appellirle», hat dieser schon einschreiten müssen. Endlich hat der Senat eine allgemeine Regelung getroffen und einfür allemal entschieden, daß die privilegirten Juden auch in Sibirien freies Wohnrecht haben. Noch eine zweite günstige Entscheidung hat endlich nach zehnjähriger Dauer der Prozesse der Senat getroffen, die nicht unwichtig ist. Im Jahre 1888 hat Stadthauptmann Greffer den jüdischen Ladenbesitzern befohlen, auf ihren Schildern Namen und Vornamen sowie den Namen ihrer Väter voll ausgeschrieben in russischen Buchstaben anzubringen, damit Jedermann sehen könnte, daß die Besitzer Juden sind. Die Ladeninhaber appellirten an den Senat, und dieser hat nun entschieden, daß jene Ordre gesetzwidrig sei und nicht befolgt zu tverden brauchte. 4 Die schärfere Tonart des neuen französischen Ministeriums hat in Algier doch schon merklichen Erfolg gehabt, denn die eiugeschüchterten Antisemiten wagen nicht mehr, wie bisher, zu Straßendemonstrationen und Krawallen zu schreiten. Am 8. d. M. sollte eine antisemitische Riesenversammlung im Velodrom von Mustapha stattsinden, in der alle Antisemitensührer sprechen sollten, allein die Regierung, hat dieselbe verboten, und die Feinde der jüdischen Bürger haben sich diesmal ruhig zufrieden gegeben, während sie in früheren Tagen sofort große Krawalle arrangirt hätten. Auch die Prozesse gegen die Antisemitenführer gehen ruhig weiter, und die Gerichte, nicht mehr durch die Massendemonstrationen eingeschüchtert, kommen jetzt regelmäßig zu mehr oder weniger empfindlichen Verurtheilungen. Die Juden ihrerseits haben sich wieder friedlicher Arbeit gewidmet, und sie nehmen jetzt eine edle Revanche, indem sie an allen Schulen und an der Universität die meisten Preise erobern. Besonders in der juristischen Fakultät sind fast sämmtliche Preise diesmal an jüdische Studenten gefallen. Freilich, dieselben haben nicht in Volksversammlungen gesprochen und nicht für Gassenjournale geschrieben, sondern gearbeitet, und sie haben jetzt den Triumph, zu zeigen, daß sie im Geistesturnier Sieger geblieben sind. Jahresversammlung der israelitischen Fehrerlronfrren; Kessens. um 31. Male hielt am 22. Mai d. Js. die israelitische Lehrerkonferenz Hessens ihre Jahresversammlung ab, und zwar im „Hanusch'schen Saale" zu Kassel. Nachdem der zur Eröffnung gesungene Choral verklungen war, bestieg der Vorsitzende, Herr Gutkind- Kassel, die Rednertribüne zur Eröffnungsrede, in welcher er zunächst allen Anwesenden Dank für ihr Erscheinen aussprach und dann die Gäste begrüßte, seiner Freude über ihre Betheiligung ganz besonders lebhaften Ausdruck gebend. Es waren vom Vorsteheramt der Israeliten zu Kassel die Herren Landrabbiner Dr. Prager, Nechnungsrath Höxter, Rechtsanwalt Dr. Rothfels und Bankier Blumenthal, vom Vorsteheramt der Israeliten zu Marburg Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk, vom Hauptausschusse des hessischen Bolksschullehrervereins Herr Lehrer Rabe-Wahlershausen und vom israelitischen Lehrerseminar zu Kassel Herr Seminardirigent Dr. Lazarus erschienen. Die Eröffnungsrede ging dann dazu über, wie unser Hessen eines der ersten deutschen Länder war, das die Verhältnisse seiner israelitischen Bürger freiheitlich gestaltete. Wie nun auch hier zuerst in Deutschland eine öffentliche israelitische Volksschule mit staatlich geprüften und staatlich angestellten Lehrern entstanden ist und sich bis jetzt erhalten hat, und wie nun weiter hier in Kassel auch die erste Anstalt in Deutschland zur Heranbildung israelitischer Volksschullehrer, das noch jetzt bestehende Seminar, ins Leben gerufen wurde, welches — 1824 eingerichtet — im Herbste dieses Jahres aus ein 75jähriges Bestehen zurückblicken kann. Redner gedachte dann in dankbarer Erinnerung der Männer, die an der Anstalt gewirkt und sich fast durchweg große Verdienste um dieselbe und um die israelitische Schule im Allgemeinen erworben haben, und denen die israelitische Lehrerschaft Hessens ein treues Andenken bewahren werde. Genannt seien hier Dr. Büdinger, der erste Dirigent der Anstalt, Rosenbach, Lessong. Dr. Leviseur, der, 1865 zurückgetreten, heute noch hochbetagt in New-Uork lebt, Dr. Römer, Oberlehrer an der hiesigen Realschule, Realschullehrer Christian Lange, Dr. Adler, Hornthal, Coordes, Söffker, Glinzer, Handwerk, Haupt, der vor Jahresfrist verstorbene Dr. Stein und der am Tage vor der Versammlung verstorbene Professor Dr. Zuschlag. Die israelitischen Lehrer Hessens, zumeist in dieser Anstalt vorgebildet, würden, wie es ihnen hier besonders

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