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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-28 · Heft 30 (28.7.1899) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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350 Million Francs an Lohn ausgezahlt wurde. Man rechnet, daß davon wieder ein Drittel den Farmern für den Absatz ihrer Produkte zufließt. Es bestehen dort 62 Farmen, ungerechnet ca. 100 Häuser, in denen die industriellen Arbeiter wohnen. Um für die Zukunft eine bessere Grundlage und ausgebildete Arbeiter für landwirthschaftliche Unternehmungen zu schaffen, hat die Jewish Colonisation Affociation die in Woodbyne gelegene Ackerbauschule derart vergrößert, daß dort 100 Schüler Platz finden; zur Zeit sind 60 dort. In dieser Schule wird auch eine ausgedehnte Musterwirthschaft betrieben, in der außer dem Körnerbau der Weinbau, die Obstbaumzucht, Bienenzucht rc. sowie die Milchwirthschaft betrieben werden. Mit der weiteren Zunahme der industriellen Bevölkerung wird auch die landwirthschaftliche, die bei jener das beste Absatzgebiet für ihre Produkte findet, vergrößert werden. Genau nach demselben Prinzip wurden auch die Kolonien Röseühayn, Carmel und Alliance reorganisirt. Zuerst wurden ihnen die momentanen Sorgen erleichtert; den 76 Familien, die alle Noth die ganzen Jahre über durchgemacht, haben, half man durch ein hypothekarisches Darlehen zu billigen» Zinsfuß, mit dem die alten bedeutenden. Schulden bezahlt werden konnten, dann bemühte man sich, für die Produkte der Dörfer einen besser zahlenden Markt in New- Aork zu finden. Zur dauernden Sanirung aber unternahm man ein größeres Projekt. Acht New-Aorker Fabrikanten wurden bewogen, in diesen Dörfer,» Fabriken zu eröffnen, und 250 jüdische Arbeiterfamilien in New-Iork, die bisher für diese Unternehmer gearbeitet hatten, verließen ihre engen, schmritzigen Wohnungen in der Großstadt, um sich in den von ihren Besitzern verlaffenen Häusern in den drei Kolonien anzusiedeln. Weitere 300 Familien werden bald folgen, da Arbeit genug vorhanden ist. Schon jetzt zahlen die Fabrikanten 10 000 Francs wöchentlichen Lohn aus, und die alten'Farnier finden in der verhültnißmäßig gut verdienenden industriellen Arbeiterbevölkerung ein kaufkräftiges Publikum für ihre Bodenprodukte. Beide Theile fahren gut dabei, die Bauern verwerthen ihre Erzeugnisse bester, .die industriellen Arbeiter leben bester, billiger, vor allem aber gesü»»der als in der Stadt. Neben diesen Kolonisationsunternehinuugen in größerem Maßstabe ist n»»n aber in dem letzten Jahrzehnt eine Entwickelung erfreulichster Art zu beobachten. Immer mehr einzelne Farmen gehen in den Neri-Englandstaaten in den Besitz jüdischer Familien über. Die amerikanischen Farmer, deren Söhne in den Städten bester lohnende Existenz gefunden haben, werden von Juden ersetzt, die infolge ihrer bescheideneren Ansprüche iioch dort fortkommen, wo jene Farmer schon die Landwirthschaft unlohuend finden. Erfreulich ist, daß diese Bewegung ganz spontan entstanden ist, ohne Anregung und Hilfe seitens der Vereine. Erst seit 1897 unterhielt der Baron Hirsch-Fonds ein Vermittelungsbüreau, um den Kaufl»istigen Informationen zu geben und sie vor Uebervortheilung zu schützen, und seit dieser Zeit erhalten auch einzelne der jüdischen Bauern hypothekarische Darlehen von dem Hirsch-Fonds und von der Jetvish Colonisation Affociation. Bon den mehr als 600 jüdisch«» Farinern haben aber 1897 nur 10, 1898 nur 85 von dieser Erleichterung Gebrauch gemacht, während täglich die Zahl der Ansiedelungen wächst. Ob diese Art des Ueberganges zur Landwirthschaft reüssirei» wird, ist bei der Kürze der Zeit freilich noch nicht zu übersehen. begründete Hoffnung ist jedenfalls vorhanden. Es ist nicht zu leugnen, daß das alte System, jüdische Dörfer auf rein landwirthschaftlicher Basis anzulegei», sich in Amerika gar nicht bewährt hat. Indessen durch Schade»» wird man klug, und es scheint erfreulicherweise das neue System, Landwirthschaft und J»»dustrie zu vereinigen sich bester zu bewähre»». Keinesfalls darf man sich von den bisherigen Mißerfolgen abschrecken lasten, denn alle Kolonisationsunternehmungen haben mit denselben Schwierigkeiten zu rechnen; bei den Bestrebungen, die jüdische, durcharis städtische Bevölkerung der Landivirthschaft wenigstens zu einem bescheidenen Theile zuzuführen, kann nur zähe Ausdauer den Erfolg verbürgen. Die Woche. Berlin, 25. Juli. nuerhalb der antisemitischen Partei hat sich eine nicht unwichtige Veränderung vollzogen. Liebcrmann von Sonnenderg hat den alten antisemitischen Verlag von Fritsch übernommen, erstens um de»»selben zu retten, da ihn sein jetziger Besitzer Th. Beyer um jeden Preis los werden »vollte, dann aber auch, um mit seiner Hilfe den Niedergang der antisemitischen Partei aufznhalten. In seinen „Deutsch-sozialen Blättern" theilt Liebermann von Sonnenberg diese Veränderung mit nnd schreibt dabei unter anderem Folgendes: „Es unterliegt keinem Zweifel, und wäre cs thöricht, wenn man sich in unseren Parteikreisen darüber einer Selbsttäuschung hingeben wollte, daß die große nationale antisemitische Bewegung im Deutschen Reiche augenblicklich auf einem tobten Punkte angekommcn ist, der überwunden werden muß. Die Werbekraft des antisemitischen Gedankens ist gegenwärtig nicht geringer geworden, als sie es früher war, aber die Zahl der Männer, die für seine Ausbreitung mit Erfolg gearbeitet und geschafft haben, schmilzt zusammen. Viele sind todt. Andere sind in dem Kampfe persönlich so geschädigt worden, daß sie aus der vordersten Linie zurücktreten mußten, und die ältesten Streiter fangen an, müde zu werden. Die planmäßige und zielbewußte Agitation ist ins Wanken gerathen. Hunderte von Versammlungen wurden alljährlich im Reiche gehalten» Hunderte von Vereinen gegründet, und eine systematische Schriftenagitation trug das Verständniß für die Ursachen, Aufgaben und Ziele des Antisemitismus in die gebildeten und einflußreichen Kreise unseres Volkes. Diese Arbeit ist nicht vergeblich gewesen. Die antisemitische Gesinnung ist heutzutage nahezu Gemeingut aller Nichtjuden in allen Ständen und allen politischen Parteien geworden." Leider ist »»icht nur die Schilderung voin Rückgang der antisemitischen Partei richtig, sondern auch der Schlußpaffus, daß die autiseinitische Gesinn»»ng in alle Stünde und Parteien eingedrungen ist, ist zutreffend, und die »vichtigste Aufgabe gesunder Abwehrthätigkeit ist es, jetzt diese Form des Rischus zu bekämpfen. Um dem Antisemitismus neue Streiter zuzuführen, beabsichtigen die alten Führer nichts mehr und nichts weniger als die Gründung einer antisemitischen Volkshochschule, ähnlich den» Unternehmen des „Vereins für volksthümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern", das jenen Leuten natürlich nicht paßt. Also, eine „nationale Volkshochschule" gedenken die Herren Förster, Mosch und Böckel zu schaffen. Der Plan werde, so heißt es in der „Deutsch. Reform", in» Kreise hervorragender nationalgesinnter Männer erwogen. Ein solches Bildungsinstitut erscheine um so nothwendiger, als von jüdisch-liberaler Seite bereits seit Jahrzehnten große Anstrengungen gemacht werden, das Volksbildungswesen ganz in die Hand zu bekonrmen. Große Suinmen würden von reichen Juden für diese Zwecke geopfert. Es dürfe nicht geschehen, daß die Juden zu den übrigen Monopolen, welche sie schon besitzen, auch iioch das wichtigste, das Bildungsinonopol, erhalten. Die Juden »verden nicht wenig erstaunt sein, zu erfahren, welcher neuen Schandthat man sie hier bezichtigt. Und die Männer, denen das Schul- und Bildungswesen in Preußen und Deutschland unterstellt ist, haben sicherlich bisher keine Ahnung gehabt von der

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