Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 30. Allgemeine Serlin» 28. IM 1899. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabüiner B*. Ludwig Philippson-Vonr». Verlags-Expedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese * Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis:' Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in.Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Leitartikel r Die jüdische Ackerbaukolonisation in Nordamerika. — Die Woche. — Jahresversammlung der israelitischen Lehrerkonferenz Hessens. — Gleiches Recht für Alle. Von Dr. M. Stern. — Ein jüdisches Schatzkästlein. Bon Jakob Seifensieder. — Zur Erinnerung an H. Steinthal, den Forscher. Von Dr. M. Holz man. — Feuilleton r Der seltsame Gast. IV. Erzählung von I. Zangwill. — Die Abtrünnige. XV. Eine Erzählung von Paula Faber. — Litterarische Mittheilnngen. Der Geweindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Görlitz, Hamburg, Sondershausen, Dortmund, Wittlich, Ladenburg, Wien. Budapest, Paris, London, Algier. — Bon Nav und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Nie jüdische Nckerbaukolonisatisn in Nordamerika. Berlin, 25. Juli. ie die Verhältnisse in Rußland nun einmal liegen, ist dort eine wesentliche Besserung in absehbarer Zeit nicht zu er- 'warten, und man muß daher die gegenwärtig bestehende jüdische Auswanderung aus Rußland als eine Erscheinung betrachten, mit der man auf Jahrzehnte zu rechnen hat. Aber nicht allein unsere Brüder im Osten, auch im Süden und Südosten, die Juden in Galizien und Rumänien, rüsten sich in immer größeren Schaaren, den Staub ihrer Heimath von den Schuhen zu schütteln und jenseits des Ozeans eine neue Heimath zu suchen. Treibt die galizischen Juden die bittere materielle Roth, so treiben die Israeliten Rumäniens die Verfolgungen, in denen Regierung und Voll wetteifern. Dieser Allswanderungsstrom vertheilt sich zwar in alle Welttheile; Transvaal uild Australien, Palästina und Argentinien, Paris und Loiidon sehen die halbverhungerten Flüchtlinge ankommen und versuchen, sich mit ehrlicher Arbeit eine Existenz zu gründen. Aber bei Weitem der größte Theil der Auswanderer geht nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo er in New-Iork landet und zum großen Theil bleibt, so daß die jüdischen Gemeinden der amerikanischen Riesenstadt bereits 400000 Seelen zählen. Begreiflich genug, daß hier der Kampf um das Dasein sehr erschwert ist, daß die Emigranten die wenigen Gewerbe, die sie verstehen, den Hausirrmd Kleinhandel, das Schneiderhandwerk rc. überfülleir und den Lohn auf ein Minimum herabdrücken. Mit Naturnothwendigkeit mußten nun die Philanthropen New-Iorks wie diejenigen Europas daran denken, diesen Massen einen gewissen Abflllß zu schaffen, und der erste, naheliegendste Versuch führte zur Landwirthschaft. Schon 1882 und in den folgenden Jahren wurden mit Hilfe der Alliance Israelite Universelle eine größere Anzahl von Ackerbaukolonien von flüchtigen russischen Juden begründet; andere verdankten privater Initiative ihre Existenz, aber so günstig auch die ersten Berichte lauteten, so hielten sich doch die Neugründungen nicht lange, und schon um das Ende der achtziger Jahre waren die meisten dieser Kolonien verschwunden. Die Farmer konnten gegen die Konkurrenz des Großbetriebes nicht ankämpfen, die ländliche Arbeit, die ihnen ganz ungewohnt war, war ihnen zu schwer, in den Städten bot sich leichtere Existenz, kurz die meisten Bauern verschwanden, die Kolonien lösten sich auf. Drei Kolonien in South Jersey, nämlich Alliance, Carmel und Rosenhayn, sind fast die einzigen Reste aus jener großen Beivegung, die sich bis jetzt behauptet haben. Aber wie sah es in denselben aus? Mit 300 Familien begründet, zählten sie 1893 nur noch kaum 200, im Jahre 1898 sogar mir noch 76 Familien. Selbst diese befanden sich in trauriger Position, die einzelnen Kolonisten hatten ihren Besitz gewaltig mit Hypothekenschulden belasten müssen, deren Zinsen sie fast erdrückten, sie fanden außerdem für ihre Produkte in der Nähe keinen günstigen Markt, und da sie die Hypothekenzinsen oft nicht zahlen konnten, so waren sie jeden Augenblick gewärtig, von ihren Gläubigern von Haus und Hof verjagt zu werden. Dem Auswandererftrom aus dem Anfang der achtziger Jahre folgte bald ein neuer, noch viel stärkerer, int Jahre 1891. Abermals schritt man in New-Uork zur Gründung von Kolonien. Der Baron Hirsch-Fonds begründete die Ansiedelung Woodbyne, während aus privater Initiative eine ganze Reihe von Unternehmungen auf dem ganzen Gebiet der Vereinigten Staaten hervorging. Indessen von allen diesen Unternehmungen war nur Woodbyne im Stande, sich einige Jahre zu behaupten, die Anderen verkrachten eine nach der anderen aus denselben Gründen wie die in den achtziger Jahren geschaffenen Ansiedelungen. Leider haben auch die Auswüchse der Landspekulation in den Vereinigten Staaten und selbst direkte Schwindeleien nur zu oft die Veranlaffung zur Gründung von jüdischen Dörfern gegeben. Wußten doch gewiffenlose Unternehmer, daß in jedem Fall, wenn sie die Werbetrommel für eine neue Kolonie rührten, sie Dumme genug fanden, die ihre sauer erworbenen Spargroschen den lockenden Zukunftsbildern opferten. Aber alle diese Anlagen sind nach kürzerer oder längerer Dauer verschwunden und haben zusammen mit den Mißerfolgen der oben genannten Kolonien die Ueberzeugung hinterlassen, daß für gewöhnliche landwirthschaftliche Ansiedelungen in den Vereinigten Staaten die Verhültniffe nicht günstig liegen. Glücklicherweise fanden sich in der Verwaltung des Baron Hirsch-Fonds thatkräftige und intelligente Personen, die entschlossen mit dem alten System brachen und, gestützt auf die mächtige Hilfe der Jewish Colonisation Affociation, ein neues, auf dem Zusammenwirken von Landwirthschaft und Industrie beruhendes System einführten, so daß man an eine planmäßige Sanirung der befleißenden Kolonien gehen konnte. Zuerst wurden große Firmen veranlaßt, in Woodbyne Kleiderfabriken, Ziegeleien und Maschinenfabriken anzulegen, in denen im Laufe des Jahres ca. eine halbe äüüaää