Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 29 Dev Gemeindebote. Lerlin, 21. Juli 1899. 'Merkcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 16. Juli. Nach langem Leiden starb am 14. d. M. hier Frau Jeannette Schwerin, die Gattin des Sanitätsrathes Dr. Ernst Schwerin, die sich um die Berliner Wohlfahrtspflege besondere Verdienste erworben hat. Zunächst war es der Berliner Handwerker- Verein, dem Frau Schwerin ihre Dienste widmete. Sie verband mit diesem Verein die Familienüberlieferung. Ihr Vater, der bewährte und freigesinnte Dr. med. Abarbanell, ein seinerzeit sehr geschätzter Arzt, gehörte zu den Begründern des Handwerkervereins. Er saß im Vorstände des Vereins in der kritischen Zeit von 1848 bis 1850 und nahm dann 1859 an der Wiederbelebung des Vereins den regsten Antheil. Später ging Frau Schwerin mit ihren Bestrebungen über die Grenzen des Handwerkervereins hinaus. Sie schloß sich den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung an und gewann in der bürgerlichen Frauenbewegung bald eine führende Stellung. Diese gründete sich auf ihre reiche Sachkenntniß. Aus dieser wiederum erklärt sich ihre vermittelnde Haltung in der Frauenfrage. Frau Schwerin war allen überschwenglichen Forderungen abhold. Sie war immer der wirklichen Verhältnisse und der zeitlichen Lage der wirthschaftlichen Dinge eingedenk. Sie betonte die Nothwendigkeit, daß dem weiblichen Geschlechte die Gelegenheit gegeben werden müsse, die Anlagen und Fähigkeiten nach Möglichkeit auszubilden; die Stellung der Frau im Hause, ihr Beruf als Gattin und Mutter aber sollte unter dieser gesteigerten geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung nicht leiden. Der Grundzug in dem Wesen Frau Schwerins war ein lebendig sozialer, lebendig sozial deswegen, weil es ihr immer auf die praktische Bethätigung der sozialen Gesinnung ankam. Eindringlich beschäftigte sie sich mit der Armenpflege. In Wort und Schrift drang sie auf die Abstellung von Mißständen in der Armenfürsorge. Nicht minder eifrig trat sie für die Ueberbrückung der sozialen Unterschiede ein. Sie wollte, daß jeder Einzelne in seinem Hause hier den Anfang mache, indem er sein Dienstpersonal nicht als solches, sondern als Hausgenossen betrachten und behandeln sollte. Für diese ihre sozialen Anschauungen fand Frau Schwerin in der auf Professor Georg v. Gizyckis Betreiben hier begründeten Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur den rechten Boden. Auf ihre Anregung und ihre Thatkraft kam eine der Unternehmungen zu Stande, wodurch die Gesellschaft für ethische Kultur im Sinne ihrer theoretischen Bestrebungen praktisch wirksam geworden ist. Es ist die Auskunftsstelle der Gesellschaft, wo alle Hilfsbedürftigen über Berliner Wohlfahrtseinrichtungen unterrichtet werden. Frau Schwerin legte Sammelmappen an, in denen, sorgfältig gesichtet, alles einschlägige Material niedergelegt war. In den letzten Jahren bemühte sich Frau Schwerin, auch außerhalb Berlins für ihre Anschauungen zu wirken. Obwohl schon leidend, zog sie als Wanderrednerin aus. Bon ihren Schriften ist die Bearbeitung des Margaret Sewell'schen Buches über die Bedingungen einer wirksamen Armenpflege hervorzuheben. Jeannette Schwerin rühmte sich mit berechtigtem Stolz, von der Familie Don Jsak Abarbanels abzustammen, und mit heißem Bemühen verfolgte sie zeitlebens die Arbeit, ihren Stammbaum festzustellen. Das Andenken der trefflichen Frau wird fortleben. Berlin, 14. Juli. In Weißensee erfolgte am 12. d. M. Vormittags die Beisetzung des in weiten Kreisen der Finanzwelt bekannten Bankiers Max Frank. Unter den Leidtragenden waren die drei Chefs des Bankhauses S. Bleichröder, dem der Verstorbene 46 Jahre hindurch angehörte: die Herren Dr. jur. Georges von Bleichröder, Generalkonsul Dr. Paul Schwabach und Robert Jmelmann; ferner Kommerzienrath Emil Jacob, Direktor Karl Fürstenberg von der Berliner Handels- Gesellschaft, Direktor Heimann vom Verein junger Kausleute u. s. w., sowie Abordnungen des Brüdervereins und zahlreicher Vereine, denen der Verstorbene lange Jahre als Mitglied angehörte. Hunderte von Kranzspenden waren um den schlichten Katafalk niedergelegt, der von Palmen und Lorbeerbäumen umrankt war. Die Städte Kissingen und Sangerhausen hatten ihrem Ehrenbürger herrliche Gebinde von Maiblumen und Rosen als letzten Scheidegruß gewidmet. Mit einem Sologesang wurde die Feier eingeleitet, worauf Rabbiner Dr. Rosenzweig eine ergreifende Ansprache hielt. Nach abermaligem Gesang erfolgte die Beisetzung in dem Erbbegräbniß. B. Berlin, 18. Juli. Zu den wohlthätigsten Einrichtungen der Neuzeit gehören unzweifelhaft die Ferienkolonien, mit deren Einrichtung die Möglichkeit geboten wurde, einer Anzahl armer Kinder die nöthige Erholung während der Ferien zu bieten. Der Wohlthätigkeitssinn unserer jüdischen Mitbürger hat sich dieser Einrichtung gegenüber trefflich bewährt, und die namhaften Mittel, die dafür zusammen geflossen sind, ermöglichen, alljährlich 3—400 jüdischer Kinder in die Erholungsstätten zu senden. Aber freilich blieben noch viele Hunderte zurück, denen die Erholung kaum weniger Noth thut. Auch diesen armen Kindern ein wenig zu bieten, hat sich ein kleines Komitee aus einigen Damen zusammengefunden, das allwöchentlich während der Ferien Partien nach den schönsten Plätzen der Umgebung Berlins veranstaltet. Die armen Kinder werden in das Freie geführt mit Bahn oder Dampfer, erhalten Kaffee und Kuchen sowie Abendbrod und werden mit angemessenen Spielen unterhalten. Die Damen des Komitees haben selbst und mit Hilfe einiger Freunde in diesem Jahr die Mittel aufgebracht, um 50 armen Kindern allwöchentlich diese Erfrischung zu schaffen. Die Erfahrungen mit der verhältnißmäßig neuen Einrichtung, dieselbe besteht seit vorigem Jahre, ist eine ausgezeichnete, die Kinder, die schon in ihrer Jugend so viele Entbehrungen erfahren müssen, sind wenigstens einige Male im Sommer in der Lage, es so gut zu haben wie besser gestellte Altersgenossen, und wer die strahlenden Gesichter der Kleinen auf diesen Ausflügen gesehen hat, wird es verstehen, daß die Damen des Komitees sich für ihre mühevolle Thätigkeit durch die Freude, die sie den Kindern machen, reich belohnt finden. Wie wir hören, soll diese Einrichtung im nächsten Sommer noch erheblich erweitert werden. B. Schneidemühl, 6. Juli. Ein eigenartiger Rechtsstreit, welchen die Synagogengemeinde zu Rogasen gegen die dortige Polizei- Verwaltung erhoben hat, beschäftigte vor Kurzem das Oberverwaltungsgericht. Die Polizeibehörde hatte an den Vorstand der erwähnten Gemeinde eine Verfügung erlassen, die sogenannten Gebetdrähte über der Straße zu entfernen. Gegen diese Verfügung wurde der Vorstand der Synagogengemeinde vorstellig und führte aus, der Draht störe nicht den Verkehr und sei schon vor etwa 40 Jahren angebracht worden, der Draht gehöre zu den religiösen Einrichtungen der Juden. Schließlich erhob die Synagogengemeinde Klage beim Kreisausschuß. Dieser erkannte aber auf Abweisung der Klage und machte geltend, die Synagogengemeinde habe kein Recht, zu verlangen, daß der Draht auch fernerhin über der Straße angebracht bleibe. Zur Zeit, als der Draht angebracht worden sei, hätten noch andere Verhältnisse bestanden, damals habe es noch in verschiedenen Städten der ProvinzPosen Judenviertel gegeben,inzwischen hätten sich die Verhältnisse der Juden erheblich verändert und die Zahl der Juden in jenen Städten bedeutend vermindert. Diese Entscheidung focht die Synagogengemeinde durch Berufung beim Bezirksausschuß an und wiederholte ihre Einwendungen. Der Bezirksausschuß entschied sich gleichfalls zu Ungunsten der Synagogengemeinde. Sodann ergriff letztere das Rechtsmittel der Revision an das Oberverwaltungsgericht, welches indeß die Vorentscheidung nach langer Berathung bestätigte und die Revision zurückwies. © Bromberg, 4. Juli. Gestern feierte der Kantor und Schächter der hiesigen Synagogengemeinde,Herr Blaustein, sein 25jähriges Dienstjubiläum. Um 12 Uhr erschien in dem Hause des Jubilars eine Deputation der Repräsentanten. Herr Stadtrath Aronsohn, der Vorsitzende der Gemeinde, beglückwünschte den Jubilar auf das Herzlichste und über-