Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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347 „Sie nehmen eine kleine Erfrischung., ehe Sie gehen?" sagte Fanny mit einfacher Liebenswürdigkeit, welcher ich nicht hätte widerstehen können, selbst wenn ich ebenso dringend fortzugehen als 51t bleiben gewünscht hätte. „O nein, ich will Sie wirklich nicht bemühen," erwiederte ich aufs Wärmste; und kurz darauf schlürfte ich ein Glas vorzüglichen alten Portweins und krümelte eine Makrone dazu. Dies schien mir der geeignete Zeitpunkt, einen Fühler auszustrecken, und ich bemerkte leichthin, indem ich auf die Photographie über dem Kamin deutete: „Ich habe diesen Herrn heute Abend nicht hier gesehen." Augenblicklich spiegelte sich eine heftige Erregung auf allen Mienen. Ich bemerkte, daß ich etwas Ungehöriges gesagt hatte. Die Lippen der schönen Fanny bebten, und ihre Blicke wurden trüb und leidvoll. „Mein Vater ist tobt," sagte sie mit gedämpfter Stimme. „Todt? Ihr Vater?" Ein heftiges Gefühl des Schreckens und Erstaunens ergriff mich. Sein Geheiinniß war also mit ihm ins Grab gesunken. „Todt!" wiederholte ich unwillkürlich. „£>, verzeihen Sie, ich wußte nichts davon." „Natürlich nicht, natürlich nicht. Ich verstehe sehr gut." legte sich ihr Bruder beschwichtigend.ins Mittel. „Sie wußten nicht, wen wir verloren hatten. Ja, es war unser Vater." „Ist er schon lange todt?" . Er schien ein wenig erstaunt über meine Frage, antwortete aber: „Er ist's, den wir betrauern." Ich nickte mit dem Kopfe, als ob ich ihn verstünde. „Ach, er war ein guter Mann," sagte Martin. „Ich wollte, uns wäre der Himmel so sicher wie ihm." „Es giebt nicht mehr viel Juden wie er," sagte Fanny bestimmt. „Jawohl, er war noch von der alten frommen Schule," bekräftigte Martin unter bedauerlichem Kopfschütteln. (Forts, folgt.) Me Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. XV. ie Aufregung hatte Reginas Wangen wieder Farbe verliehen, ihre Augen in unbeschreiblichem Glanz leuchten laffen. Und seit ihr Mann im Zimmer weilte, wurden ihre ernsten Züge hin und wieder von einem so wunderbar gewinnenden Lächeln, von solchem Ausdruck unendlicher, sorglicher Liebe verklärt, daß Alphons sich selbst alsbald gesagt hatte, noch nie war ihm seine Schwester so hinreißend erschienen. Steinhardt hörte anscheinend aus Älphons Antwort die begehrte Beruhigung heraus. Als sei ihni eine Last von der Seele genommen, athmete er auf. „Gottlob!" sagte er erleichtert, „mich erfüllt nur immer die Furcht, ich mache ihr zu viel Mühe. Also Du meinst, sie strengt sich wirklich nicht zu sehr an?" „Nein!" log Alphons tapfer. „Denn, sieh, ich kann sie nicht dazu bewegen, einen Diener für mich anzunehmen. Sie behauptet, sie würde doch in allem, was mich angeht, sich nie auf jemand Anders verlosten, und erklärt im Uebrigen halb ernsthaft, halb scherzend, schon iwdiesem meinem Ansinnen ein Mißtrauensvotum gegen ihre Leistungsfähigkeit zu erblicken." „Ich will noch einmal mit ihr sprechen, wenn Du es wünschest, Emanuel. Ich denke, ich kann sie dazu bestimmen, Dir nachzugeben." „Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du so gut sein wolltest. Und im Uebrigen —" seine Rede klang vor tiefer Bewegung sehr undeutlich — „was mir Deine Schwester sonst gewesen ist. während der zehn Jahre unserer Ehe und ganz besonders während der letzten zehn Monate, das brauche ich D i r nicht zu detailliren. Viel Worte zu machen, habe ich nie verstanden. Aber das laß mich Dir versichern, wenn ich überhaupt jetzt den Wunsch gehabt habe, wieder gesund zu werden, so war es ihretwegen. Für mich hätte mir nicht einmal so viel am Weiterexistiren gelegen. Ich habe mein Leben gelebt. Aber ich sagte mir, um ein Dasein zu erhalten, daß an ihrer Seite verbracht wird, dafür darf man sich schon Mühe geben." „Du hast Recht!" entgegnete Alphons, enthusiastischer als es sonst in seiner verschloffenen Art lag. „Du hast Recht, Emanuel!" wiederholte er nochmals, „sie ist ein einziges Geschöpf. Oder vielmehr, wie Du es immer so hübsch sagtest, sie trägt ihren Namen mit Recht, Regina, Königin!" * Aus den ursprünglich geplanten vier Tagen, die Alphons da Silva bei seiner Schwester hatte verbringen wollen, waren deren acht geworden, schöne, friedliche Tage, während welcher Regina sich sichtlich erholte, und die auch den Profeffor in Bezug auf sein ganzes Befinden entschieden förderten. Und als er nun, der ihn zurückrufenden Berufspflicht gehorchend, wieder heimkehren mußte, da schied er doch weit beruhigter, als er gekommen, mit leisem Bedauern aus dem trotz so viel Trüben alles durchdringenden harmonischen Frieden. War an Maßregeln getroffen werden konnte, um Reginas hartes Loos ein wenig zu erleichtern, war geschehen. Von irgendwelchen Schritten zu einer definitiveren Gestaltung ihrer Zukunft hatte sie indeß nichts hören wollen. „Laß Emanuel erst etwas weiter sein!" war ihre fast zaghafte Bitte gewesen, „erführe er durch irgend einen Zufall von derartigen Verhandlungen, so würde ihn das namenlos aufregen und am Ende gar in ihm eine Ahnung von all jenem ihm mit so großer Mühe Verheimlichten erwecken. Und dann wäre ja alles vergebens gewesen. Geben wir es in Gottes Hand!" Er mußte ihr schließlich Recht geben und sich mit dem Bewußtsein begnügen, sie wenigstens nach Kräften von der Last materieller Sorgen befreit zu haben. Er hatte sich schon von seinem Schwager verabschiedet und saß jetzt, wie neulich nach seiner Ankunft, Regina in eifriger Zwiesprache gegenüber. „Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben," sagte er in Erwiederung auf eine vorhergegangene Bemerkung seiner Schwester, „ich kann mir nicht denken, daß das Verhältniß zwischen der Mutter und Dir in der That ewig so bleiben wird. Ich meine immer, ich werde Dich noch wieder in unserem guten alten Hause auf Deinem gewohnten Platz dereinst erblicken." Sie sah gedankenverloren an ihm vorbei in die blaue Ferne. „Ach, wer doch wieder über die Elbbrücke fahren, das Häusermeer mit den fünf Thürmen darüber am jenseitigen Ufer wieder erblicken könnte!" sagte sie schwermüthig halb für sich. Dann aber richtete sie sich entschloffen empor. „Glaube nicht, daß ich irgend etwas bereue. Wäre ich heute wieder einundzwanzig Jahre alt und vor die gleiche Alternative gestellt wie damals, ich würde genau so handeln." - „So bist Du, verzeih' mir die Frage, jetzt wirklich glücklich geworden, Regina?" Sie sah vor sich hin und antwortete nicht gleich. In der eingetretenen Stille scholl undeutlich aus dem Nebenzimmer die diktirende Stimme des blinden Maiines zu ihnen herüber. Sie schien einen Augenblick darauf zu lauschen und schlug dann die Augen voll zu ihrem Bruder auf. „Vor Jahren hast Du mich einmal gefragt,