Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 346 ab, aber der, welcher mich hereingerufen hatte, verhinderte dies« Höflichkeit mit einer Geberde, indem er bemerkte: „Wir fangen gleich an." Mehr erstaunt als je, starrte ich ihn an, aber ich verhielt mich still, weil ich mich durch Reden zu verrathen fürchtete, und mir damit die Lösung im letzten Augenblick entrissen werden konnte. In mir stieg der Gedanke auf, daß ich einem Mitglied aus dieser Verbrecherbande auffallend ähnlich sehen müsse, daß der Mann aus dem Restaurant uns verrathen habe, und daß er aus Furcht vor unserer Rache davongelaufen war. Nur auf diese Weise konnte ich mir meinen Empfang erklären, sowohl durch ihn als durch seiüe übrigen Komplicen. Der patriarchalisch aussehende Vorsitzende stand auf und wendete der Gesellschaft den Rücken, als ob er sie durch den Spiegel über dem Kaminsims überschauen wolle. Dann hielt er mit abgewandtem Gesicht eine lange Rede in einer unbekannten Sprache. Die Uebrigen folgten aufmerksam und begleiteten seine Bemerkungen mit unterdrücktem Beifallsgemurmel, dann und wann aber brachen sie in laute Zustimmung in derselben Sprache aus. Ich spitzte dir Ohren, konnte aber nicht herausbringen, was für eine Sprache es war. Es waren aber Gutturallaute darin, wie im Deutschen, aber ich finde das Deutsche überall heraus, wenn ich auch nichts verstehe. Hier jedoch kam kein Wort vor, das die geringste Aehnlichkeit mit irgend einer der europäischen Sprachen hatte. Ich kam zu dem Schluß, daß es ein Rothwälsch war, das sie unter einander redeten. Der Anführer sprach meistentheils sehr rasch, aber in den langsameren Partien erhob und senkte er die Stimme, so daß sie fast musikalische Färbung erhielt. Gegen das Ende nach einer sehr emphatischen Rede, die durch häufigen Beifall unterbrochen wurde, senkte er die Stimme zu einem Flüstern herab, und eine beängstigende Stille legte sich über die Versammlung. Das schöne Mädchen erhob sich vom Sopha, nahm ein reichgebundenes Buch zur Hand und las leise darin, während aus ihren schönen Augen Thränen herniederfielen. Ich vertiefte mich in den Anblick ihrer Züge und kam wie aus einem Traum mit einem Ruck wieder zu mir, als der Anführer seine Ansprache wieder begann. Bald darauf endete er seine Rede, und ein anderes Mitglied schloß den Vorgang mit einer kurzen Ansprache, die mit großem Enthusiasmus ausgenommen wurde. Während er redete, studirte ich den Hinterkopf des Patriarchen. Er bewegte ihn hin und her, und meine Augen glitten zufällig auf den Kaminsims, bei dessen Anblick ein elektrischer Strom durch mein ganzes Wesen lief. Es war eine Photographie, und wenn meine Blicke nicht durch eine Hallucination getäuscht wurden, die Photographie des Mannes, welchen ich suchte. Ich bebte vor Aufregung. Mein Instinkt war richtig gewesen. Ich hatte die „Frau" gefunden. Sankt Antonius hatte meine Schritte richtig geleitet! Die Gesellschaft zerstreute sich langsam und im Gehen plaudernd. Jedermann verbeugte sich zum Abschied vor dem schönen Mädchen/ die inzwischen ihre Thränen getrocknet und eine königliche Haltung' angenommen hatte. Ich mußte wohl mit Weggehen ohne das geringste Verständniß des Geschehenen. Was hatten sie unter einanbet verabredet? Welche Rolle hatte ich in diesen geheimnißvollen Verhandlungen gespielt? Was hatte man gethan, um über dieses schöne Mädchen Leid zu bringen, während Jeder sich in geheuchelter Ehrfurcht vor ihr verbeugte? War sie die unfreiwillige Theilnehmerin ihrer niederträchtigen Anschläge? Ich konnte keinen Zollbreit in diesem verwirrenden Nebel sehen. Und sollte ich gleich den Anderen Weggehen und verdammt sein, mein Hirn zu zermartern, bis es mich schmerzte, gleich einem geprügelten Schulknaben? Nein, meine Pflicht lag klar zu Tage. Ein zartes Wesen war im Unglück, meine Sache war es, zu bleiben und ihr beizustehen. Dann kam mir plötzlich der Gedanke, daß sie vielleicht den Mann liebe, der uns verrathen habe, daß sie unter Thränen um sein Leben gebeten hatte, und daß man ihre Bitte gewährt habe. Diese Schlußfolgerung schien beinahe die richtige, fand mich aber auch nicht geneigter, zu gehen. Ich mußte doch noch entdecken, zu welchem Endzweck wir uns unter einander verbunden hatten. Während ich so bewegungslos dastand, waren Minuten verflossen, die Gesellschaft hatte sich verlaufen. Ich war mit dem Mann von der Eingangsthür, dem zweiten Redner und dem schönen Mädchen allein. Jildem ich noch nach einem Vorwand zum Bleiben suchte, kam der zweite Redner auf mich zu und sagte herzlich: „Wir sind Ihnen für Ihr Kommen sehr verbunden. Es war sehr freundlich von Ihnen." Sein Englisch war das eines Engländers, wie ich neidvoll eingestehen mußte. Er war ein hübscher junger Mensch, aber während ich ihn anblickte, tauchte eine entfernte Aehnlichkeit mit dem Fremden aus dem Restaurant und der Photographie auf dem Kaminsims in seinen Zügen auf. „O, es war mir durchaus keine Mühe, durchaus nicht," erwiederte ich freundlich. „Ich kann wiederkommen, wenn Sie es wünschen." „Danke, aber dies ist der letzte Abend mit Ausnahme des Samstags, wo wir sehr leicht zwanzig Personen zusammenbringen können, so daß wir Sie nicht weiter zu bemühen brauchen, da Sie möglicherweise nicht in der Nähe wohnen." „O doch," beeilte ich mich, ihn zu berichtigen. „In diesem Falle werden wir uns sehr freuen, Sie wiederzusehen", antwortete er bereitwilligst. „Ich entsinne mich nicht, Sie früher im Distrikt gesehen zu haben, vielleicht sind Sie neu hergezogeu?" „Jawohl," erwiederte ich schnell, innerlich mehr verwirrt als je. Er erinnerte sich nicht, mich vorher gesehen zu haben, und der Mann von der Hausthür ließ sich auch zu keinem Aufschluß über meine Persönlichkeit herbei. Also hatte man mich nicht für einen Anderen gehalten. Und dennoch — was bedeutete diese bestimmte Einladung: „Wir warten nur noch auf Sie?" „Ich dachte nur, daß Sie fremd sind," sagte er. „Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren Namen zu kennen." Das war der Höhepunkt. Aber ich verbarg mein Erstaunen, denn ich habe immer gefunden, daß der Standpunkt des „uil admirari" bei Unternehmungen dieser Art der sicherste ist. Sollte ich meinen richtigen Namen nennen? Jawohl, weshalb nicht? Ich war gänzlich unbekannt in London, und mein wahrer Name verbarg mich ebenso gut wie ein Pseudonym. „Mendoza," erwiederte ich. „Ah," sagte der Mann von der Hausthür, „sind Sie verwandt mit den Mendozas von Highbury?" „Ich glaube nicht," sagte ich mit nachdenklicher Miene. „Auch gut," sagte der zweite Redner, „wir sind alle Brüder." „Und Schwestern," bemerkte ich, indem ich mich galant vor dem schönen Mädchen verbeugte. Nachträglich schien mir meine Bemerkung ziemlich geistlos, aber nachträglich klug sein nützt nichts. Noch nachträglicher fuhr ich in meinem besten Englisch fort: „Dürfte ich meinerseits um freundliche Nennung Ihres Namens bitten?" Der zweite Redner lächelte melancholisch und sagte: „Verzeihen Sie, ich vergaß, daß wir Ihnen so fremd sind wie Sie uns. Mein Name ist Radowski — Philipp Radowski, dies ist mein Freund Martin, und dies ist meine Schwester Fanny." Ich theilte ausgiebige Verbeugungen nach drei Seiten aus.