Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228341--55645-3291870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rassischen Juden, von Leo Wiener, der gegenwärtig Professor der slavischen Sprache an der Harvard-Universität, der bedeutendsten in Nordamerika, ist. Das Buch ist in der Universitätsdruckerei hergestellt worden, und seit dem Erscheinen schwärmen die Damen in Amerika für das „Iiddish" und für den unglücklichen Poeten Morris Rosenfeld. Seine Gedichte theilen sich in drei Partien: Arbeiterlieder, soziale Lieder und verschiedene. Am interessantesten ist für uns die erste Abt Heilung. Rosenfeld ist durch und durch Sozialist, wie ich schon bemerkt zu haben glaube. Seine erste Klage geht gegen die Maschine; die harte, blutige Arbeit erschlägt das Edelste, Schönste und Beste, das Reichste und Tiefste, das Höchste, was das Leben vermag. Mit erschütternder Wahrheit schildert er das Leben des Arbeiters, sein eigenes Leben, wie das einer Maschine. Einzelne seiner Lieder, wie z. B. das: „ATrähn auf'n Eisen", müssen in Arbeiterkreisen geradezu aufregend wirken. Die Thräne, die aufs Eisen fällt, ist ein Kourier, der die Nachfolge eines ganzen Stromes verheißt. Mit inniger Wehmuth gedenkt der Dichter in dem Liede „Mein Züngele" der Zukunft seines Kindes, und mit Erschüttern erfüllt ihn der Gedanke, daß das Kind, wenn es eines Tages erwacht und nach seinem Vater fragen wird, ihn nicht mehr vorfinden wird. Es ist die Stimmung der Verzweiflung, die ihn ergreift und erfüllt, die Gluth des Hasses gegen die „Menschenschlächter", die „das arme Gesind" ausbeuten. Ihm und seinen Genossen ist die Welt nur ein Traum, darum will er von Freiheit und Glück träumen und nicht von Thränen. Die Welt ist ihm ein Garten, wo allerhand Rosen wachsen, darum will er dort spazieren, wo es ihm gefällt, und nicht dort, wo die Reichen es ihm gestatten. Aber ihm ist die Welt auch ein Kriegsfeld, wo Starke und Schwache streite». Als ein Held wirft er sich ins Feuer und kämpft wie ein Löwe für die Schwachen: „Un trefft mich die Kaul — ich fall tot auf'» Feld, Dann könn ich auch starbendig lachen . . ." Einzelne seiner Gedichte erinnern durch die Kühnheit des Vor' Wurfs und der Ausführung an die stärksten Lieder der französischen Proletarierdichtung, wie etwa das folgende: Wuhin, wuhin, du schönes Kind? Die Welt is' noch nit offen! O, seh', wie still dä is arum! Var Täg — die Gaffen stehen stumm, — Wuhin, wuhin aso geschwind? Jetzt is' doch gut zu schläfen: Die Blumen träumen doch noch — sehst? Es schweigt noch jedes Vogelnest, Wuhin fort treibt es dich azünd? Wu läufst du, säg, beginnen? «Ich geh vardienen!" Wuhin, wuhin, du schönes Kind, So spät bei Nacht spazieren? Allein durch Finsterniß un' Kalt'! Un' alles ruht, es schweigt die Welt, — Wuhin, fort tragt es dich der Wind? Du west dich noch varirren! . . . ’ Kaum hat der Tag dir nit gelacht. Was kann dir helfen denn die Nacht? Se is' doch stumm un' taub und blind! . Wuhin mit leichten Sinnen? „Ich geh vardienen!" Wenn man sich den Kreis der unglücklichen, aus ihrer Heimath vertriebenen, in der Welt herumgestoßenen, auch selbst in Amerika noch im tiefsten Elend oder mindestens unter dem Druck harter Arbeit lebenden polnischen Juden als den Leser- oder Hörerkreis 343 - dieser Gedichte denkt, so kann man ihre tiefe Wirkung auf die Gemüther dieser Elendesten aller Elenden wohl ermessen. Natürlich ist Morris Rosenfeld Nationaljude oder, wie man es heutzutage zu nennen beliebt: Zionist. Wie sollte nicht jenen Unglücklichen, die nichts auf Erden haben, weder ein Heim noch eine Heimath, der Gedanke an ein fernes Vaterland, an die Herrlichkeit von Zion, an den Tempel von Moriah, an die fetten Triften des Libanon als eine Erlösung aus schweren Banden erscheinen? Diesen Leuten ist der Zionismus ein ehrliches Ideal, und man könnte mit dem Dichter rufen: „O, Gott der Armuth, laß sie weiterträumen!" Alles Weh seines nationalen Unglücks erschöpft der Dichter in seinem Liede: „Der jüdische Mai". Ueberall blüht und grünt es, im Haag singt schluchzend die Nachtigall, der Frühling hat die Welt geküßt, und alle Menschen athmen froh und glücklich auf. Nur der Jude hat keinen Frühling, denn ihm erwachen mit den alten Erinnerungen die alten Wunden, die alte Sehnsucht nach der fernen Heimath. Nicht minder traurig ist die Geschichte von dem jüdischen Soldaten, dessen Grab bei Plewna einsam und verlassen liegt. Der Dichter hat eine Vision. Er sieht den Helden mit blankem Schwert aus seinem Grabe auferstehen und seine Kriegskameraden zum Gericht aufrufen als Zeugen dafür, daß er treu gekämpft in der Schlacht und für Rußlands Ehre gleich ihnen Allen in den Tod gegangen sei. Und wie sein Wort verklingt, da stehen die Helden aus ihren Gräbern auf, und sie alle heben ihre Hände zum Himmel und rufen: „Du bist gestorben ehrlich für Dein Land". Dann gehen sie wieder in ihre Gräber zurück, nur der jüdische Soldat erhebt seine Hand gegen das mächtige Rußland mit einer fürchterlichen Anklage. Es hat ihn von seinem Weibe und Kinde geschieden, ihn, der für die Ehre des Vaterlandes gestorben, und jetzt verjagt es seine elenden Sprossen. Da erhebt sich ein wilder Sturm und trägt seinen Fluch dahin, woher all das Elend kommt. Es ist eine grauenerregende Phantasie, die Jeden unwillkürlich gefangen nehmen und erschüttern muß, der in ihren Bannkreis tritt. Auch die Schilderungen aus dem jüdischen Kleinleben sind von tiefer Wahrheit und poetischer Kraft. Aber was auch der Dichter schildert, und wohin er uns führt, überall ist es doch das Weh der Armen, der Jammer der Hungrigen, der ihm jede Freude vergällt. Charakteristisch ist in dieser Beziehung sein kleines Lied vom Kanarienvogel: Es trillert der Kanarik In freien Wald allein, — Wer känn sein Szimche fühlen? Wer känn sein Freud' varstehn? Es trillert der Kanarik Jn-reichsten Palaz schön, — Wer känn sein Wehtag fühlen? Wer känn sein Schmerz varstehn? Im Uebrigen ist Rosenfeld doch nicht ganz autochthon. Er hat die großen Dichter, namentlich die deutschen, gelesen, und seine Schöpfungslegende erinnert lebhaft an Schillers schönes Gedicht: „Die Theilung der Erde". Wahrhaft originell ist er nur da, wo er, wenn ich so sagen darf, heimischen Boden betritt, wo er das Elend des Arbeiters und das dreifach tiefe Weh des russischen Juden besingt. Wie weit auch unsere Weltanschauung von der des Dichters entfernt ist, wie wenig wir seine religiösen wie seine nationalen Stimmungen zu theilen vermögen, der hilflose Ausdruck des Elends einer ganzen Menschenklasse ergreift uns doch mächtig und rührt uns auch da, wo eine Welt uns trennt. Die Sprache des Herzens wird eben überall verstanden, und wie die Gedichte von Rosenfeld zeigen, auch selbst in einem Idiom, das keine Grammatik kennt und jeder Mi, dH