Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-21 · Heft 29 (21.7.1899) · p. Seite 342

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 29 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228341--55644-3291869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

342 sich erboten, schloß der Vorsitzende die vorzüglich verlaufene Konferenz mit dem Rufe: „Auf fröhliches Wiedersehen im nächsten Jahrhundert?" was mit einem kräftigen Hoch auf unseren bewährten Vorsitzenden Herrn Blumenfeld aus der Mitte der Versammlung erwiedert wurde. Die Schriftführer. Iw. Meyer-Hannover. M. Waller-Moringen. Gin neuer Ghetto-Dichter. fas war eine schöne Zeit, als wir den seligen Leopold Kompert in allen Tonarten als den Dichter des Ghetto feierten, des Ghetto, dessen Mauern wir bereits niedergelassen wähnten, und dem wir eine Auferstehuiig nur noch in der Poesie wünschten! Kein Mensch glaubte damals, daß diese Mauern, wenn auch nur geistig, jemals wieder aufgerichtet werden würden. Heute, nach mehr als zwanzig Jahren erbitterten Glaubens- und Rassenkampfes, denken wir freilich anders darüber. Es setzt uns deshalb auch gar nicht in Erstaunen, wenn wir von einem neuen Ghetto-Dichter hören; wir haben ja überhaupt das nil admirari uns angeeignet. Leopold Kompert hätte sich freilich noch darüber gewundert und sehr wahrscheinlich auch entschieden dagegen gewehrt, den neuen Ghetto-Dichter, von dem ich heute sprechen will, als Genoffen anzusehen. Denn er selbst war noch ein deutscher Dichter; er war ganz aufgegangen im deutschen Geiste, und seine Schöpfungen haben neben ihrem tiefen poetischen Werth eine deutsche Prosa aufzuweisen, wie sie nicht viele belletristische Schriftsteller heute schreiben. Trotzdem ist der neue Dichter, mit dem ich die geneigten Leser bekannt machen will, eigentlich mehr Ghetto-Poet als Kompert. Er stammt aus den« Ghetto, und das Ghetto, namentlich das polnisch-russische, lebt in seinen Liedern auf. Nichtsdestoweniger aber ist er ein durch und durch moderner Mensch, ein Demokrat, ein Sozialist, wahrscheinlich auch in religiöser Beziehung radikal — und dennoch ein Ghetto-Dichter! Ich will es nun versuchen, dies Räthsel aufzuklären. Jeder Leser kennt den sogenannten Jargon der polnischen Juden, und dir Mißlaute dieses Jargons haben schon oft sein Ohr beleidigt. Der Jargon der russisch-polnischen und galizischen Juden ist aber nichts anderes als der ursprüngliche Dialekt der deutschen Juden, den diese bei ihrer Auswanderung nach Polen im XIV. und XV. Jahr-, hundert dort als Verständigungsmittel mit einer Zähigkeit und Treue festgehalten haben, die ihnen alle Ehre macht. Einer der größten Germanisten, Rudolf Hildebrandt, hat es schon einmal auf einer Germanistenversammlung zu Würzburg ausgesprochen, daß diese Juden die Träger deutscher Kultur nach dem Osten gewesen sind. Ja, sie haben die deutsche Sprache, wenn auch mit sprachlichen Formen verschiedener Gegenden, in die sie kamen, vermischt, so treu erhalten, daß sich in ihrem Dialekt noch Reste althochdeutschen und mittelhochdeutschen Schriftgutes erhalten haben, die in der neuhochdeutschen Schriftsprache verloren gegangen sind. Die Germanisten - fangen deshalb jetzt an, jenen verachteten Dialekt zu studiren. Am meisten drangen natürlich polnische Sprachelemente ein, die aber deutsche, bisweilen auch hebräische Sprachforme» erhielten, ebenso wurden oft hebräische Worte eingeschoben. Als im XVII. Jahrhundert viele Juden wieder aus Polen nach Deutschland zurückwanderten, brachten sie diesen Jargon mit, dessen inzwischen veraltete Grundlage von der Bevölkerung gar nicht mehr als der ihre erkannt wurde, so daß das Judendeutsch den Eindruck eines barbarischen, von den Juden ... erfundenen Kauderwelsch machte. Erst die neueste Zeit brachre die Ehrenrettung auch dieses Jargons, den die Juden des Ostens auf allen ihren Wanderungen mitgenommen, und den sie jetzt auch in New-Iork und San Francisco sprechen. Dort natürlich wieder mit englischen Sprachelementen verniischt. Dieser Jargon hat aber in unserer Zeit eine ganz neue Litteratur geschaffen, die jedoch nicht zu verwechseln ist mit der jüdischdeutschen Sprache und Litteratur, d. h. mit den Werken, die von Juden etwa im XVI. Jahrhundert in der deutschen Schriftsprache ihres Zeitalters verfaßt sind, und die einen ganz reinen deutschen Sprachcharakter haben. Die Litteratur dieses Jargons ist aber darum doch eine sehr intereffante. Wir finden in ihr Uebertragungen wiffenschaftlicher Werke von Darwin, Buckle und Renan, medizinische, juristische und nationalökonomische Schriften, vor allem aber eine überaus reiche belletristische Litteratur : Romane und Novellen, lyrische und dramatische Dichtungen, Ernstcs und Humoristisches, Religiöses und Frivoles im bunten Durcheinairder. Nach dieser etwas umständlichen litterarhistorischen Einleitung kann ich nunmehr zu unserem Ghetto-Dichter übergehen, für den ich ja wohl das Terrain des Berständniffes bei den geneigten Lesern geebnet habe. Er heißt M o r r i s R o s e n f e l d und wurde im Jahre 1862 in einem elenden Dorfe im Gouvernement Suwalki im äußersten Nordosten von Russisch-Polen geboren. Seine Vorfahren waren durch mehrere Generationen Fischer, und während ihrer Fahrten längs der romantischen Ufer des Niemen hörte er schon als Knabe von ihnen seltsame Geschichten und Lieder. Als der Vater nach Warschau zog, lernte der Knabe Polnisch und Deutsch und studirte den Talmud. Um dem russischen Militärdienst zu entgehen, flüchtete er nach England, wo er bei einem Schneider in die Lehre trat, später nach Holland, wo er die Diamantcnschleiferei erlernte, schließlich nach Amerika, wo er als Schneider seinen Lebensunterhalt verdiente. Im New-Iorker Ghetto leben heute mehr als 100 000 polnische Juden, die alle Bräuche und Lebensgewohnheiten der Heimath dorthin verpflanzt haben. Man findet dort politische Tagesblätter und große Theater, deren Sprache der Jargon ist. Auch in den anderen großen Städten Amerikas haben die aus Rußland vertriebenen Juden sich niedergelaffen. In Morris Rosenfeld haben sie nunmehr den Dichter ihrer Leiden und Wanderungen, ihres modernen Martyriums gefunden. Und er ist ein Dichter, ein echter und rechter Poet, voll warmer Empfindung, voll Kraft, Adel und Grazie, mit einer Melodie des Ausdrucks, um welchen ihn die besten Poeten beneiden könnten, und mit einer Weichheit, die, von jeder Sentimentalität frei, an die Empfindungsweise der alten Dichter erinnert. Er ist ein Volksdichter, denn er singt die Leiden seines unglücklichen, über die ganze Erde verstreuten und noch immer nicht zur Ruhe kommenden Volkes. Innerhalb dieses Volkes sind es natürlich die Armen, vor allem aber die Arbeiter, denen er seine Liebe und sein Lied weiht. Im vorigen Jahre sind seine ,,Songs from tlie Ghetto“1) erschienen und haben nicht nur in den betheiligten, sondern auch in allen gebildeten Kreisen Amerikas großes Aufsehen erregt. Das Buch liegt vor uns. Es ist kein Buch wie die flüchtige und armselige, auf Löschpapier gedrnckle Jargonlitteratur des polnischen Ghetto, sondern ein prächtig ausgestattetes, auf holländischem Büttenpapier elegant gedrucktes Merkchen, das man ebenso gut auf den Salontisch legen kann wie manche andere Gedichtsammlung; nur der Goldschnitt fehlt. Das Verstäudniß des Dialekts ist durch eine gute und korrekte englische Uebersetzung und durch ein Wörterbuch erleichtert. Die Uebersetzung ist ebenfalls von einem ausgewanderten h Songs from the Ghetto. Boston, Copeland and Lay.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.