Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-21 · Heft 29 (21.7.1899) · p. Seite 341

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 29 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228341--55643-3291868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

341 Empfehlend weist der Vorsitzende hin auf die neue jüdische Geschichte von Kirchenrath Dr. Kroner-Stuttgart, auf den von Dr. Spanier und Flanter herausgegebenen Wegweiser für den jüdischen Religionsunterricht, auf die Bücher von Professor Dr. Tachau-Wolfenbüttel und auf das vom Kollegen Wiesen-Osterode herausgegebene Hilfsbuch — „Thora-Pforte" — zum Pentateuchunterricht sowie auch besonders auf die von der Jacobsohn'schen Buchhandlung in Breslau in liebenswürdiger Weise übersandten Bücher, die in der Versammlung zur Vertheilung kamen. Zweiter Punkt der Tagesordnung: Vorstandswahl. Der bisherige Vorstand wird durch Zuruf wiedergewählt; neu hinzu tritt Waller- Moringen als Schriftführer. Der zweite Vorsitzende, Herr Stern- Hildesheim, war durch Krankheit am Erscheinen behindert. Dritter Punkt der Tagesordnung. Hofmann-Twistringen erhält das Wort zu seinem Referate, dem Verbandsthema: „Welche Anforderungen müssen an die jüdischen Lehrer und Lehrerbildungsanstalten gestellt und von beiden erfüllt werden?" Der Vorsitzende spricht dem Referenten für seine wohldurchdachte Arbeit den Dank der Versammlung aus. Hierauf kommt der Korreferent Seminarlehrer Levy-Hannover zum Wort, welcher im Wesentlichen mit dem Referenten übereinstimmt. Nachdem auch diesem Redner der Dank der Versammlung abgestattet, tritt man in die Generaldebatte ein, zu der das Wort zunächst Herr Landrabbiner Dr. Gronemann ergreift. Er führt etwa aus: Wenn der „Verband" gerade dieses Thema gestellt, so müsse er wohl die Empfindung haben, daß die Anforderungen, welche namentlich an die jüngeren Lehrer gestellt werden, nicht immer genügen, und deshalb wohl eine Reform angängig sei. Diese Reform erkenne er (Redner) besonders auf dem Gebiet des Hebräischen an. Wenn der Referent ausgeführt: das jüdische Wissen müsse sehr gepflegt werden, aber nicht auf Kosten des allgemeinen Wissens, so müsse er betonen: gerade die Pflege des jüdischen Wissens sei dem jüngeren Lehrer ganz besonders ans Herz zu legen, was leider nicht genügend Beachtung finde. Gerade weil die Lehrer als Prediger rabbinische Funktionen auszuüben hätten, müsse das hebräische Wissen mehr vervollkommnet werden, als es bisher geschehen sei. Mit dem Austritt aus dem Seminar höre meistens die Fortbildung im Hebräischen auf. Um diese anzustreben, mache er den Vorschlag, daß von den Landrabbinern hebräische Fortbildungskurse eingerichtet werden möchten. Im Uebrigen sei er gegen die Einführung einer fremden Sprache im Seminar. Schließlich tritt er noch für seine Person der Ansicht des Referenten, daß manche Rabbiner bei der Besetzung von Lehrerstellen Antipathie gegen das eine oder andere Seminar haben, entgegen. Bachrach-Hameln: Durch viele Gemeinden geht gegenwärtig der Zug nach Aufklärung in religiösen Dingen, deshalb soll stch der Lehrer in den Religionswissenschaften weiter fortbilden. Landrabbiner Dr. Lewinsky beklagt ebenfalls das geringe Quantum jüdischen Wissens bei manchen jüngeren Lehrern. Deshalb soll in den Seminarien mehr Gewicht auf die spätere praktische Thätigkeit des Lehrers als Prediger und Schochet gelegt werden. Fortbildungskurse hält Redner nicht für durchführbar, weil die Entfernungen zum Unterrichtsort zu groß und darum zu kostspielig seien. Des Weiteren führt er aus, daß es sehr gut sei, die Schechita in der Provinz Hannover nicht in Privathänden zu wissen, weil dem Privatmanne meistens das jüdische Wissen abgehe, welches der religiöse Akt der Schechita erfordere. Seminardirektor Dr. Kn oll er wendet sich gegen die Formulirung des Themas, welches zu allgemein und zu weitgehend gehalten sei. Das Thema hätte lauten müssen: „Welche besonderen Anforderungen müssen an jüdische Lehrer und Lehrerbildungsanstalten gestellt und erfüllt werden?" Es sei überflüssig, auf die allgemeinen Forderungen aller Seminarien hinzuweisen, weil dafür die „Allgemeinen Bestimmungen" am Platze sind. Auch ihm ist die Ausbildung im Hebräischen sehr wichtig. Wegen Mangel an Zeit ist er gegen die Einführung einer fremden Sprache. Weiter verbreitet sich Redner über die Verhältnisse im jüdischen Seminar zu Hannover und schließt mit der Mahnung: Die jungen Lehrer dürfen nicht ermüden, stch nach dem Austritt aus dem Seminar weiter sortzubilden, denn letzteres sei nicht im Stande, den Lehrer für die religiösen Funktionen, welche er im Nebenamte auszuüben habe, vollständig auszubilden. Meyer-Hannover wünscht auch in den allgemeinen Kenntnissenein Hinausgehen über das Ziel der Allgemeinen Bestimmungen bezüglich des Seminarunterrichts und eine größere Betonung des jüdischen religiösen Wissens. In die Debatte griffen noch weiter ein: Katz-Dransfeld, Levy- Hannover, Bach-Hildesheim,Bachenheimer-Harburg u. A. Inzwischen ist Schluß der Debatte beantragt. Der Referent erhält das Schlußwort, in welchem er sich gegen verschiedene Angriffe vertheidigt und nochmals warm für den Unterricht einer fremden Sprache im Seminar eintritt. Zur Berathnng der vorgelegten Thesen wird eine Kommission ernannt. Hiermit hat der erste Sitzungstag, Abends 7% Uhr, sein Ende erreicht. Zweiter Tag der Konferenz. In der Uebungsschule des jüdischen Seminars wurde Punkt 5 der Tagesordnung erledigt. Dort hielt Levysohn-Hannover über Psalm 23 eine praktische Lehrprobe, die wohldurchdacht war und gut vorgesührt wurde. Dem Katecheten wurde durch den Vorsitzenden der Dank der Versammlung zu Theil. Danach werden im Konferenzlokale die Verhandlungen fortgesetzt. Es sind zunächst die inzwischen von der Kommission formulirten Thesen des gestrigen Referats zur Berathung gestellt. Auch in dieser Fassung kann keine Zustimmung erzielt werden. Es entspinnt sich deshalb eine sehr lebhafte Debatte. Schließlich erfolgt die Annahme der Thesen in folgender Fassung: I. 1. Der jüdische Lehrer soll nach seinem Austritt aus dem Seminar an seiner Fortbildung arbeiten, 3) zur Erweiterung und Vermehrung seines allgemeinen Wissens, d) zur Vertiefung seiner hebräischen und rabbinischen Kenntnisse. 2. Der jüdische Lehrer soll befähigt sein, neben dem Lehramt den Vorbeterdienst zu versehen und erforderlichenfalls in Vertretung bezw. mit Genehmigung des zuständigen Rabbiners Sabbath¬ und Festansprachen zu halten sowie bei Kasualien zu fungiren. 3. Der jüdische Lehrer suche nach seinem Amtsantritt sich gleichstrebenden benachbarten Kollegen anzuschließen und Lokal- und Kreiskonferenzen zu besuchen. II. 1. Der Seminaraspirant soll neben den von den „Allgemeinen Bestimmungen" geforderten Kenntnissen umfassendes Wissen im Hebräischen aufweisen. 2. Das jüdische Seminar soll seine Zöglinge neben dem Lehramt gewissenhaft für den Borbeterdienst vorbereiten und ihnen Anleitung zur Anfertigung von Sabbath- und Festansprachen, Grab- und Traureden geben. 3. Am jüdischen Seminar soll wenigstens eine fremde Sprache, möglichst Französisch, zu den Unterrichtsdisziplinen hinzugefügt werden. 4. Die sämmtlichen jüdischen Seminarien sollen anstreben, das Recht zur Abhaltung der zweiten Lehrerprüfung zu erhalten. Die Debatte hatte stch so in die Länge gezogen, daß die Verhandlungen um 11 Uhr abgebrochen werden mußten wegen der angesetzten Vorstandsfitzung der Unterstützungskasse und Generalversammlung derselben. Um noch die ganze Tagesordnung erledigen zu können, mußte die Zeit weise ausgenützt werden. Deshalb fanden „die freien Besprechungen" während des gemeinschaftlichen Essens ihre Erledigung. Bei dieser Gelegenheit kamen sehr interessante Erlebnisse aus der Praxis zu Tage. Um 3 Uhr wird die Sitzung wieder eröffnet, und Lö wen stein - Scharmbeck erhält das Wort zu seinem Referate: „Der Unterricht in der jüdischen Geschichte". In schöner Form legte er etwa dar: Der Unterricht der jüdischen Geschichte reiht sich als wesentlicher Faktor in den Religionsunterricht ein. Er ist geeignet, das Erziehungswerk zu fördern, indem er den Gesichtskreis erweitert, den Charakter festigt, die Standhaftigkeit des jüdischen Kindes erhöht, das Verständniß für Stellung des Juden und Judenthums vertieft. Die Geschichte, insbesondere die Kulturgeschichte der deutschen Juden, verdient größere Berücksichtigung, weil sie im Stande ist, inniges Heimathsgefühl zu stärken. Mustergiltige Darstellungen aus jüdischer Geschichte, Dichtung und Sage sind wünschenswerthe Lektüre des Schulunterrichts. Reicher Beifall wurde dem Referenten zu Theil für seinen fesselnden Vortrag, der eine sehr anregende Debatte hervorrief. Hieran anschließend, referirte noch Levysohn-Hannover über das jüdische Geschichtsbuch von Kroner, indem er etwa ausführte: Das Buch ist leichtsprachlich abgefaßt, anschaulich, die angeführten Stellen der jüdischen Litteratur wirken anziehend, endlich ist der Preis sehr mäßig, deshalb ist das Buch warm zu empfehlen. Nachdem noch die nächste Versammlung für das Jahr 1900 festgesetzt und Katz-Dransfeld, Rosenblatt-Barenburg, Stern-Einbeck und Rothschild-Achim zur Referatsübernahme resp. Abhalten einer Lehrprobe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.