Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
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339 @9® Berlin, 18. Juli. :eim der berühmte Jurist Otto Mittelstadt in seiner neuesten Schrift über die Dreysus-Affäre sagt: „Wir Deutschen stehen eigentlich dem gesummten Dreyfus-Handel am parteilosesten gegenüber", so hat er die Antisemiten, die offenen wie die verkappten, vergessen, die dieser Angelegenheit nichts weniger als patriotisch gegenüberstehen, sondern vielmehr jetzt ganz offen gegen Dreyfus Partei nehmen. Alle Erklärungen Bülows, Münsters, Schwartzkoppens genügen ihnen nicht. — Der Jude muß schuldig sein! Von den „Hamburger Nachrichten" bis zur „Kreuzzeitung" ertönt dieser Ruf im Chorus, und die „reinen" Antisemitenblätter machen die Melodie dazu. Ja, „die Neue Bayerische Landeszeitung", das Organ des Herrn Anton Memminger, der sich der Gunst des Fürsten Bismarck rühmte, schreibt sogar Folgendes: „Kein Mensch würde von Dreyfus sprechen, wenn er nicht Dreyfus hieße. — „Aber" — schrieb der Feldmarschall Moltke — „die Juden haben es noch immer verstanden, aus der Angelegenheit eines Einzelnen eine Sache ihrer ganzen Nation zu machen. — Sie bilden einen Staat im Staate und stehen unter dem Kommando geheimer Oberen, die wir nicht kennen." Diese Oberen sahen, daß infolge der Verurtheilung Dreyfus' das Ansehen und die Macht des Judenthums stark im Schwinden begriffen und namentlich die Stellung der zahlreichen jüdischen Offiziere in der französischen Armee bedroht sei; wenn die antisemitische Strömung um sich greife, dann werde das französische Volk die Judenherrschaft abschütteln, und damit wäre diese auch in der übrigen Welt bedroht. Um dieser trüben Aussicht zu begegnen, wurde Dreyfus für unschuldig erklärt, die Presse der ganzen Welt blies Alarm, Millionen wurden für den Zweck geopfert, drei Ministerien wurden gestürzt, die Republik kam in Gefahr, Frankreich ward Halbtod gehetzt, und die Juden drangen durch: Dreyfus wurde von der Teufelsinsel geholt und kommt nun vor das Kriegsgericht in Rennes. Rennes wurde deshalb gewählt, weil der Kommandant des X. Armeekorps, der General Lueas, als solcher auch der Chef der. Justiz für sein Korps ist. General Lucas ist aber ein Vetter des jüdischen Exobersten und Dreyfüslers Picquart, jede weitere Bemerkung erscheint daher überflüssig. Den Staatsanwalt, Oberst Carriere, zü beseitigen, hat man nicht gewagtaber man hat ihm einen Stellvertreter beigegeben. Und dieser Stellvertreter, welcher dem öffentlichen Ankläger sekundiren soll, ist ein Jude, der Kommandant Mayence. Trotzdem die Garnison von Rennes genug Offiziere zählt, welche fähig für diesen Posten wären, holt sich der General Lucas seinen Mann aus dem zweiten Infanterieregiment von Granville. Man kann sich also das künftige Kriegsgericht, vor welchem Dreyfus erscheinen wird, folgendermaßen vorstellen: Als Richter fungiren von ihrem Vorgesetzten, dem General Lucas, bestimmte Offiziere, als öffentlicher Ankläger ein greiser Soldat, der nur ungern die Aufgabe übernommen hat und von einem Juden „unterstütztwird. Die Advokaten Demange, Labori und indirekt auch der Ministerpräsident Waldeck-Rousseau sind die Vertheidiger. Was Wunder, wenn bei einer solchen Zusammensetzung des Kriegsgerichts die Dreyfus-Clique schon auf der Suche nach einer Villa für ihren Schützling ist? Die Angelegenheit soll rasch, im Handumdrehen erledigt werden. Die Vorsorge, welche seitens der Regierung dem Verräther entgegengebracht wird, könnte für einen auf Besuch weilenden Monarchen nicht größer sein. Ueber die Schuld Dreyfus herrscht in den eingeweihten Ofstzierskreisen auch heute nur eine Stimme. Es ist doch auch merkwürdig: alle Ministerien seit 1894, auch solche Kriegsminister, welche mit der Meinung von der Unschuld Dreyfus' ins Amt getreten, waren von dessen Schuld überzeugt, als sie zurücktraten. Gewiß war Dreyfus nicht der einzige Hallunke im Generalstab. Aber die von Henry nnd Esterhazy angefertigten Fälschungen wurden nur auf Kommando der Vorgesetzten gemacht, welche es vertuschen mußten, daß die „Kanaille Dreyfus" der Spion der russischen Regierung war. Und diese hat, gegen den sonstigen Gebrauch der Regierungen, die Spionage dem französischen Kriegsminister Mercier mitgetheilt, weshalb derselbe 1894 in der Kammer erklärte: „Rußland hat uns derartige Beweise seiner Aufrichtigkeit und Freundschaft gegeben. daß wir daran nicht zweifeln können." Aber mehr durste Mercier nicht sagen, der Zar und seine Minister dursten um keinen Preis öffentlich bloßgestellt werden. Darum wurde der Verdacht von Rußland ab und auf Deutschland gelenkt, dessen Militär-Bevollmächtigter Oberst v. Schwartzkoppen aber zu allen Angriffen schwieg, weil Dreyfus wahrscheinlich auch ihm Dienste geleistet hatte. Weil diese Aufklärung dem Kriegsgericht nicht gegeben werden durfte, wurden Beweismittel fabrizirt und auf diese ungehörige Art der sichere Verräther verurtheilt. Die Juden haben nun nach ihrer bekannten Art — wie bei einem Kuhhandel oder Bankerottprozeß — durch Advokaten, Eideshelfer und Aufgebot von falschen Zeugen und Dokumenten die Sache derart verwirrt, daß sich hald Niemand mehr auskennt." Es ist ein — sozusagen — deutsches Blatt, welches sich dazu hergiebt. die albernsten und bösartigsten Märchen französischer Fälscher als Wahrheit hinzustellen, das sich auch gleichzeitig erdreistet, eine amtliche Auskunft der deutschen Reichsregieruug zu einer bewußten Unwahrheit zu stempeln. Staatssekretär v. Bülow hat in der Bndgetkommission des Reichstages am 24. Januar 1898 auf eine Anfrage des Abgeordneten Richter in der Dreyfus-Frage wörtlich folgende Auskunft ertheilt: „Ich beschränke mich darauf, auf das Allerbestimmteste zu erklären, daß zwischen dem gegenwärtig auf der Teufelsinsel befindlichen Exkapitän Dreyfus und irgend welchen deutschen Organen Beziehungen oder Verbindungen irgend welcher Art niemals bestanden haben." Dieser unzweideutigen Aussage eines der höchsten deutschen Beamten gegenüber wagt die „Neue Bayerische Landeszeitung" die Fiktion zu erwecken, daß Dreyfus dem früheren deutschen Militärattache in Paris, Oberst v. Schwartzkoppen, doch Spionagedienste geleistet habe! Und solche Leute nennen sich deutsche Patrioten! Irr unserer dieswöcheutlichen Korrespondenz aus Wien theilen wir die Aenßerungen des Staatsamvalts und des Gerichtspräsidenten über beit Prozeß gegen den eines „Ritualmordes" verdächtigten christlichen Arbeiter mit. Jnzwischerr ist wieder ein neues Blutmärchen aufgetaucht, und zwar wieder in eineiit böhmischen Städtchen, in Wildeuschwert a. d. A. Den „Narodni Listy", welche einen eigenen Berichterstatter nach Wildenschwert entsandten, ist aus einem fast meterlangen Berichte vom 9. d. M. Folgendes über jenes Märchen zu entnehmen: „Die Leiche eines Mädchens wurde am 4. Juni v. Js. aus dem Flusse aufgefischt. Ein Jahr darauf, Ende Juni d. Js., erkrankte ein 26 jähriger Arbeiter in einer Wildenschwerter Weberei, Namens Albin Rob. Dieser Tage wurde Rob, der längere Zeit hindurch kränkelte, ernstlich krank. Vielleicht in der Voraussetzung eines baldigen Endes legte er stete Unruhe an den Tag. Stets schwebte ihm etwas Unausgesprochenes auf den Lippen Schließlich rief er seine alte Mutter ans Lager und bat sie mit leiser Stimme, ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Er wünschte vor seinem Tode noch eine Unterredung mit der Mutter des verstorbenen Mädchens, Frau Maria Ruth. Letzten Donnerstag früh wurde um dieselbe gesandt. Er theilte ihr mit, er wisse, unter welchen Umständen ihre Tochter Marie zu Grunde gegangen sei Er sei, so erzählte er, im Frühjahr vorigen Jahres — an das Datum könne er sich nicht erinnern —um 11 Uhr Nachts aus Kerhärtitz nach Wildenschwert auf der Hauptstraße längs des Flusses gegangen und habe plötzlich am jenseitigen Ufer der Adler das momentane Aufblitzen eines Lichtes wahrgenommen, worauf das durch das Fallen eines schweren Körpers ins Wasser erzeugte Geräusch folgte. Beim Aufblitzen des Lichtes habe er zwei Männer erblickt, welche sofort nach dem Erlöschen des Lichtes verschwunden seien. Er habe sie zunächst für Fischer gehalten, habe diesem Vorfall keine weitere Bedeutung beigemessen, und erst, als er den Rand des Wiesenplanes erreicht und die beiden Personen, welche deutsch sprachen, von Angesicht zu Angesicht erblickteschöpfte er Verdacht. Er begab sich bis an jenen Ort, wo nach seinem Ermessen der Fall ins Wasser erfolgt war, allein dort herrschte vollkommene