Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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' ' ' ^wnBRUpipjTOro-pn, --V S38 -- . Cs ist der moralische Weltschmerz über die Krankheit der Zeit, die sich in antisemitischen Hallucinationen äußert und in Bezug auf Juden und Jndenthum Gespenster sieht, die vor dem klaren Strahl der Vernunft wie graue Nebel vor der Sonne zerfließe». Der gefährlichste Zustand eines Kranken liegt aber in dem Umstande, wenn er an seine Krankheit gar nicht glaubt, sondernderfesten Meinung ist, gesund zu sein, und bei seinen» Selbstbetrug hartnäckig verharrt. Wie wäre es sonst möglich, daß die hundert- und aber hundertmal durch greifbare Thatsachcn und laut redende Zeugniffe widerlegten böswilligen Angriffe gegen Juden und Judenthum immer wiederkehren? Wenden »vir unfern Blick von unserer äußeren Lage ab und der inneren zu, so haben »vir nicht minder Grund und Veranlassung zur Klage. Es mehrt sich der Abfall vom Judenthum, und gerade in den Reihen der „Studirten". Wer da meint, daß bei solche»»» Abfall eine Prüfung der einen oder der anderen Religion auf ihre Wahrheit und Tiefe, auf ihre Licht- und Schattenseiten vorangegangen, befindet sich in einem starken Jrrthum. Dazu fehlt den Meiste»» wegen der Unkenntniß ihrer eigenen Religion die Fähigkeit und der rechte Maßstab einer richtigen Benrtheilung. Bei den Einen ist es der religiöse Selbstmord aus Ueberdruß an den ewigen Chikanen, denen die Juden ausgesetzt sind, und der Uebertritt erfolgt aus der feigen Fürsorge für die Nachkoniinen, „die es später eininal bester haben sollen"; bei den Anderen ist es völlige Gleichgiltigkeit gegen jedwede Religion, also Religionslosigkeit aus naturalistischer oder materialistischer Weltanschauung. NebenDieseu giebtesnoch Andere,—und diese stellen ein ziemlich großes Kontingent zu den Abgefallenen, — die nach bestimmte»» Vortheilen streben, „dazu man sich erst taufen lasten mriß". U»»s ist ein Fall bekannt, »vo ein „Studirter" seinen neuen Glaubensgenosten gegenüber sich mit dem Taufschein in der Hand als „Christ" legitimirte, vor seinen alten Glaubensgeirosten den gethanen Schritt sorgsam verheimlichte, gegenüber einigen derselben, die ihn auf ein vernominenes Gerücht hin darüber befragten, direkt ableugnete, um seine gute alte Kundschaft nicht zu verlieren, und die Täuschung sogar so weit trieb, daß er nach wie vor seine Steliern an die jüdische Ge»neinde entrichtete, uin den ruchbar gewordenen Uebertritt zu verdecken. Der Gmnd des Uebels liegt zu einem großen Theil in der schinählichen Vernachlässigung der religiösen Erziehung in vielen jüdischen Häusern. Die Religionsschulen machen alle Anstrengungen» der Jugend ein bestimmtes Maß der nothwendigen religiösen Bildung zu geben. Lehrer und Rabbiner vereinigen ihre Kräfte, um durch Unterricht und Jugendgottesdienst auf Geist uud Gemüth der Kinder einzulvirken und ihnen die Kenntniß ihres Jridenthums in Religion und Geschichte heizubringeu, aber sie finden nur bei verhültnißmäßig wenigen Elter»» die nachdrückliche Unterstützung, die der wichtige Gegenstand erfordert. Wenn überhaupt, so kümmern sich die Eltern- »ilir zu allerletzt uin die Fortschritte ihrer Kiirder in der Kenntniß der Religion, ja es macht einen widerlichen Eindruck, wenn Eltern» sobald ihnen zugemuthet wird, die Kinder mehr als zwei Stunden in der Woche in der Religionsschnle unterrichten zu lasten, sich mit; Eifer dagegen wehren, weil angeblich die zarten Kinder sich doch auch im Freien in der frischen Luft bewegen müssen, während sie, doch dieselben zumeist aus Eitelkeit Musikspieleii, Tanzen u. drgl^- mehrere.Stunden in der Woche treiben lasten, ohne dabei auch nur' entfernt daran zu denken, daß dies gleichfalls unter den Paragraphen der Beraubung der Kinder um die freie Bewegung in der frischen Luft fällt. Die Religion als Unterrichtsgegenstaud erscheint im Hanse unter den «»»deren Gegenständen des Schulunterrichts als ein un-¬ ebenbürtiges, unberechtigtes Aschenbrödel, hat aber doch im Laufe der langen Jahre noch nicht das Schicksal seiner Schwester im Märchen gefunden, daß endlich die Zeit gekoinmen, die, den Werth per Königstochter erkennend, diese wieder zu ihren früheren Ehren und Würden erhebt. Aus diesen Berhältniffen des Judenthnins nach außen und nach innen »vuchs in neuester Zeit der Zionismus empor. Unter besseren Verhältuisten wäre er wohl kaum ins Leben getreten. Denn die jüdisch-nationale Idee, die er vertritt, ist aus dein Bewußtsein der meisten Juden längst geschivunden. Schon iiach der Zerstörung des zweiten Tempels und der endgiltigen Auflösung des jüdischen Staates hat an der Spitze des Sanhedrins Rabbi Jochanan bei» Sakkai als Regenerator des Judenthums das dauernde Heil desselben nicht in der Wiederherstellung des jüdischen Staates, als vielmehr in der Erhaltung der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens erblickt und hat zu diesen» neuen Ausbau sofort den festen Grund gelegt. Darin haben die Juden in den folgeirden langen Jahrhunderten ihre höchste Aufgabe gefunden und sie nach allen Seiten hin zu verwirklichen gesucht. Die falschen Messiaffe, die eine Wiederbelebung der jüdisch-nationalen Idee in Szene setzten, wechselten einander ab und nahinen ein trauriges Ende. Die jüdischen Gelehrten tind die Nüchterneti iin Volke, die sich einen klaren Blick für die bestehenden Verhältnisse solvohl als für die geschichtliche Bedeutung des Judenthunis in Religion und Sittlichkeit bewahrten, hielten sich von den Schwärmern fern. Und dennoch Trost? so werden nunmehr unsere Leser fragen. Und dennoch! Denn der feste Pol ininitten der Flucht der Erscheinungen, unser Trost in aller Klage, war i»nd blieb sie, die Gotteslehre und ihre Entwickelung für das sich reichverzweigende Leben, immer bezogen auf das Idealbild Zions: „denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem". Das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben: die Juden fühlen sich der Religion nach einander zugehörig, wie ettva die Bekenner der christlichen Religion in Staaten anderen Glaubens sich mit ihren Glaubensgenosten eins fühlen, in» Uebrigen aber fühlen sie sich politisch u»»d sozial mit den Staaten vollständig ainalganiirt, in denen sie leben. Cs ist daher zu bedauern, daß die unerquicklichen Zustände der Juden selbst in Staaten, wo sie verfaffungsniäßig gleichberechtigt sind, besonders aber die verzweifelte Lage derselben in den Staaten, wo sie auch offiziell noch als Fremde betrachtet werden, die äußere Veranlassung zu der zionistischen Bewegung gegeben haben, wodurch in weiten Kreisen eine Trübung der Begriffe von Juden und Judenthum eingetreten, wie nicht minder Hoffnungen geweckt »vurden, denen die Enttäuschung nicht ausbleiben »vird. Das alte Klagelied: „Höret, ihr Völker alle, und schauet her auf meine Qual, schauet und sehet, ist wohl ein Schinerz gleich meinem Schmerz", ist bis zum heutigen Tage a»»s dein Munde der Tochter Zions nicht geschwunden. Aber so wie auf die Klagewochen die Trostessabbathe, so folgt auf das Leid die Hoffnung, daß sich diese Zustände ändern, daß die Völker ihr Unrecht gegen Israel erkennen, und daß Israel selbst die Treue zu seinem Bekenntuiß immerdar wahren wird. Wir halten als echte Optimisten auf Grund unserer geschichtlichen Erkenntniß fest an der Zuversicht auf die Erfüllung der tröstlichen Weissagung Sacharjas: „Das Fasten »vird dem Hause Inda sich wandeln zur Wonne und Freude und zu fröhlichen Festzeiten."