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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-21 · Heft 29 (21.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 29 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 29. Berlin» 21. Juli 1899. Zeitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner J9r- Ludwig Philippfon-Sonn. Vertags-Trpedition: Äerlin, Zerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel; Klage und Trust. — Die Woche. — Protokoll der 35. Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover. — Ein neuer Ghetto-Dichter. — Ueber die Taufe. Von Dr. I. Kohn. — Feuilleton: Der seltsame Gast. III. Erzählung von I. Zangwill. — Die Abtrünnige. XV. Eine Erzählung von Paula Fab er. — Der Salon 1899. IV. Von M. Fried eberg. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Schneidemühl, Bromberg, Homburg v. d. H., Birkenseld, Chemnitz, Köln, Heidelberg, Karlsruhe, Wien. Budapest, Odessa. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Klage und Trost. Berlin, 18. Jnli. uf die sogenannten „drei Wochen" der Klage folgen nunmehr die Trostsabbathe. Die ganze Zeit ist wohl dazu augethan, zu einer Betrachtung des Judenthums in der Gegenwart einzuladen. Aber schon beim ersten Blick auf dasselbe scheint die zuniichstliegende Frage: Sollen tvir noch trauern? bei ihrem etwas optimistischen Anhauch mit den wirktichen Verhältnissen in Widerspruch zu stehen. In dieser Form erscheint sie verfrüht und ist doch wieder verspätet, gerade so, wie eS nicht selten passirt, daß nach dem Kalender der Frühling längst eingetreten, während es draußen noch winterlich ist, und graue Wolken über der Landschaft hängen. Zweisellos müßte im großen vieltausendjährigen Weltkalender der Geschichte der Menschheit das Schluß-und Jubeljahr des gegenwärtigen Jahrhunderts, welches demselben durch seinen Weltfriedenskongreß die Krone anfsetzt, zugleich auch die Zeit sein, in welcher die Weissagung des Propheten Sacharja zur Wahrheit werden sollte: „Das Fasten des vierten und das Fasten des fünften, das Fasten des siebenten und das Fasten des zehnten Monats werden dem Hause Inda zur Wonne und Freude und zu fröhlichen Festzeiten." Aber seltsamerweise tritt das Gegentheit von dem ein, was man nicht bloß nach dem gewöhnlichen Lauf der Völkerentwickelung, sondern auch nach den mehrfachen günstigen Zeichen der Zeiten seit Anbeginn des gegenwärtigen Jahrhunderts erwarten zu dürfen glaubte. Das Judenthum wird gegenwärtig überall zurückgedrängt, seine verfassungsmäßigen Positionen, die es sich durch treue Hingabe von Gut und Blut, durch die schwersten Proben seiner Treue für das Vaterland sowie durch die lebhafte Theilnahme an allen Kulturbestrebungen erworben, werden ihm vielfach streitig gemacht. Die Taube Noahs, die das Oelblatt in ihrem Munde gebracht, fand keinen Nuhepunkt für den Ballen ihres Fußes. Das Judenthum, das der Welt zu allererst die wahre religiöse Erkenntniß und damit den Seelenfrieden gebracht, die Inden, die in den verschiedenen Staaten und Ländern zu den friedlichsten und strebsamsten Bürgerkreisen gehören, sie haben noch keine feste Stätte gefunden in der Achtung ihrer allgemeinen Rechte, in der Anerkennung ihrer wärmsten Gefühle für die opferbereite Förderung des vaterländischen Gesammtwohls. Die finsteren Mächte des Wahns, der Verblendung, der Bosheit und des krassesten Egoismtts Einzelner und ganzer Klaffen ziehen bald vereinzelt, bald mit einander im Blinde vereint durch die verschiedenen Länder hin und geben auf der Bühne des Völlerlebens ihre fürchterlichen Rollen in der Plünderung und Verfolgung der Juden, da in Rumänien, dort in Rußland, Frankreich, Algerien, Persien und anderen Orten. Und diese Krankheit ist epidemisch geworden, da von ihr ohne Unterschied, man möchte fast sagen, ohne Ansehen der Person, halbcivilistrte sowohl wie geistig hochentwickelte Völker ergriffen worden sind. Diese Haltung Juden und Judenthum gegenüber erfuhr kürzlich im deutschen Reichstag iir der Sitzung vom 22. Juni eine in drastischer Form gehaltene schärfe Kritik seitens des sozialdemokratischen Abgeordneten Heine, gelegentlich der Berathung des Gesetzentlvurfes zmn Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses. Er wendet sich gegen die konservative und die Reichspartei und führt aus: Es sind die Parteien, die immer wieder nach dem Sozialistengesetz rufen gegen den Terrorismus der Sozialdemokraten. Ist dieser Terrorismus so groß? In der sozialdemokratischen Partei kann man Karriere machen, auch wenn man Jude ist; es giebt aber auch Parteien, da muß man sich dazu erst taufen lassen." Bei diesem, die Lage der Juden am Ende des Jahrhunderts grell beleuchtendem Vorwurf glaubt man fast von einem Traum befangen und in die schlimmsten Zeiten der Unduldsamkeit versetzt zu sein. Wenn wir kürzlich von den Volksaufständen in Spanien Kenntniß genommen, so dachten wir unwillkürlich dabei, wie gut es doch ist, daß jetzt dort keine Juden wohnen, da wir aus alter und neuer Erfahrung wissen, so oft in einem Staate infolge eingetretener Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältniffen die Volkswuth sich Luft machte, diese fast regelmäßig gegen die Juden sich gekehrt, uni in Plünderung, Raub und Mord ihre traurige Befriedigung zu finden. Für die Zeiten des Mittelalters, wo der Kirchenglaube das öffentliche und private Leben ganz und gar beherrschte, auf Kunst und; Wissenschaft den entscheidenden Einfluß übte, ist es erklärlich, daß der religiöse Fanatismus allerlei Chikanen gegen Juden ersonnen hatte, um auf dieselben durch allerlei Demüthiguugen, durch Ausschließung aus der Gesellschaft zur Taufe zu bewegen, heutzutage aber, in der Zeit der Herrschaft des Nationalismus und Naturalismus, bedeutet das Schaffen staatsbürgerlicher Verhältnisse, „dazu man sich erst taufen lasten muß", neben dem ärgsten Religionsschacher die Verhöhnung der modernen Civilisation. Unsere Klage um Zion hatte daher auch diesmal nicht blos einen spezifisch jüdische», sondern auch einen uuiversalen Charakter.

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