Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 wegen seineS vorgerückten Alters auSscheidendett Geheimen Sanitätsrathes Dr. Kristeller-Berlin Herr Jakob Gottschalk-Köln in den Vorstand gewählt. 8. München, 9. Juli. Der Zeitschrift -es baierischen statistischen Amtes entnehmen wir aus einem Artikel über die Bevölkerungsbewegung während der Jahre 1896/97 die Angaben über die Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle bei den Juden, und wir fügen zum Vergleich die Ziffern aus den Jahren 1894 und 1895 bei. Geburten waren: 1894 1895 1896 1897 beide Eltern jüdisch 1037 918 992 961 Vater jüdisch, Mutter protestantisch 8 7 9 13 » „ katholisch 14 12 12 14 „ „ „ diffidentisch 2 1 — — „ protestantisch, „ jüdisch 12 7 11 14 „ katholisch. 9 8 6 8 „ diffidentisch 2 3 1 1 uneheliche Kinder jüdischer Mütter 30 15 21 27 Wir sehen also bei den Geburten eine kleine Zunahme, die sich aber schon 1897 wieder verringert hat. Auch die Geburtenziffer aus den Mischehen hat ziemlich geschwankt; 47, 36, 39, 50, durchschnittlich 43 pro Jahr, von denen freilich schwerlich mehr als 10 dem jüdischen Glauben zuzurechnen sind. Ehen wurden geschlossen: 1894 1895 1896 1897 Mann jüdisch. Frau jüdisch 380 345 358 360 „ „ „ protestantisch 3 4 10 14 „ „ „ katholisch 10 . 5 17 10 „ „ „ diffidentisch — ' — , — 1 „ protestantisch „ jüdisch 4 12 2 6 „ katholisch „ „ 4 4 3 5 „ diffidentisch „ „ — — — — Die Eheziffer ist ein wenig zurückgegangen, im Durchschnitt beträgt sie 361 pro Jahr, die Mischehen sind erheblich zahlreicher geworden: 21, 25, 32, 41, man steht die starke steigende Tendenz, durchschnittlich 32 pro Jahr. Merkwürdig bleibt auch diesmal wieder die niedrige Geburtsziffer. Aus den Mischehen kommen auf 100 Eheschließungen von Juden 271 Geburten aus jüdischen Ehen, so kommen auf 100 Misch, ehen nur 134 Kinder, also nicht einmal die Hälfte, genau dieselbe Erscheinung wie in Preußen. Uebrigens kommt von den Mischehen fast die Hälfte auf München, wo 1896 von 32 in ganz Baiern 15 vorkamen und 1897 von 41 sogar 17, während reine jüdische Ehen in diesen beiden Jahren nur 34 und 33, d. h. ein Drittel der Ehen in München sind Mischehen. Todesfälle kamen vor: 1894 791, 1895 771, 1896 784, 1887 724, dieselben sind also im Ganzen konstant und weisen nur in dem überhaupt sehr günstigen Jahre 1897 eine Abnahme von Belang auf. Die natürliche Vermehrung der jüdischen Bevölkerung Baierns betrug demnach 1896 247 Seelen, 1897 284 Seelen, aber dieselbe dürfte zum größten Theil durch Auswanderung und Taufe dem Jndenthum verloren gehen. Y. Emmendingen, Baden, 4. Juli. Eine wahrhaft erhebende Feier beging die hiesige israelitische Gemeinde am vergangenen Samstag. Der bekannte Philanthrop Herr Jonas Weil in New-Iork, ein geborener Emmendinger und Ehrenmitglied unserer Religionsgemeinde, stiftete derselben eine Thorarolle, welche am letzten Samstag dem Kultus übergeben wurde. Eingeleitet wurde die Feier durch das Lied: „Harre meine Seele" von Cäsar Malau, vorgetragen vom hiesigen Synagogen-Männerchor, unter Leitung des Herrn Kantor Goldberg; darauf hielt der Bezirksrabbiner Herr Dr. A. Lewin eine in Form und Inhalt gleich meisterhafte Predigt, welcher ein Sologesang des Opernsängers Herrn Alfred Goltz aus Nürnberg folgte. Hierauf wurden sämmtliche „Sforim", 9 an der Zahl, ausgehoben und der neuen Thora, welche im Gemeindezimmer in einem improvistrten „Hechal" aufgestellt war, entgegengetragen. In feierlichem Zuge durch eine Allee prächtiger Bäume und Blumen wurde nun das „Sefar" unter einem Baldachin in die Synagoge gebracht. Kantor Goldberg recitirte ,,8'u Leli'oriin" und der Synagogenchor sang darauf „Machet die Thore weit" von I. Heinr. Lützel. Die Thorarollen wurden eingehoben und der Herr Rabbiner sprach ein ergreifendes Weihegebet. Der Wochenabschnitt wurde aus der neuen Thora gelesen, zu welchem alle in der Synagoge anwesenden verheirateten Männer gerufen wurden, wobei ea. 250 Mk. an Spenden für die Wohlthätigkeitsvereine fielen. Der hiesige Frauenverein hat für die neue Thora ein Mäntelchen im Atelier des Herrn I. Bloch, Straßburg, anfertigen lassen. Nachmittags vereinigten stch die Familien im Gasthaus zum Engel zu einem Banket, und manches Glas feurigen Kaiserstühlers wurde auf das Wohl des edlen Stifters, der neben seinem segensreichen Wirken in der neuen Welt seiner Vaterstadt und seines Heimathortes in so schöner und pietätvoller Weise gedenkt, geleert. Orstrrrrich - Ungarn. □ Wien, 10. Juli. Der Bürgermei st ervonWien kann sich noch immer nicht der erhofften Ruhe freuen, die Arbeiter haben ihm in diesen Tagen viel zu schaffen gemacht, ja, es ging so weit, daß der Wagen, der den Dr. Lueger zu einem Feste nach dem Galyzinberg brachte, von Polizisten begleitet werden mußte, so sehr fürchtete man unliebsame Begegnungen für den einst so in den Himmel gehobenen Führer der Christlich-Sozialen. — Der Kaiser von Rußland hat dem vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus beziehungsweise von dem Präsidenten Baron Suttner herausgegebenen Kalender für Stadt und Land pro 1899 entgegengenommen und durch ein Dankschreiben den Empfang des Buches seitens der russischen Botschaft bestätigen lassen. Kaiser Franz Josef hat vor Jahren gestattet, daß dieser gemeinnützige und trefflich geschriebene Kalender der Familienfonds-Bibliothek einverleibt werde. — In Deutsch- Brod wurde an der Stelle, an welcher die ermordete Agnes Hruza aus Polna im Walde von Breznia aufgefunden wurde, ein steinernes, mit einem Bilde versehenes Kreuz errichtet. Das Bild stellte eine Gruppe von Juden dar, die eben im Begriff sind, ein Mädchen abzuschlachten. Dieses Bild wurde nun von der politischen Behörde, als in hohem Grade aufreizend, saifirt. Gegen die muthmaßlichen Veranlasser dieser gefährlichen Agitation wurden gerichtliche Vorerhebungen eingeleitet. — Der Vorstand der hiesigen Kultusgemeinde hat in seiner letzten Sitzung den Oberrabbiner von Foksani,. Mayersohn, zum Rabbinatsasseffor gewählt. — In Lemberg ist am 18. v. Mts. der Gemeindesekretär Dr. Ignatz Nossig, der Vater des bekannten Schriftstellers, im 84. Lebensjahre gestorben. Er war 35 Jahre lang Sekretär der dortigen Gemeinde und hat sich in politischer Beziehung um diese große Verdienste erworben. — In Komotau (Böhmen) ist Dr. Thieberger vom Breslauer Seminar einstimmig zum Rabbiner gewählt worden. 8. Karlsbad, 9. Juli. Am 6. d. ist hier in der zehnten Abendstunde Professor Dr. David Kaufmann gestorben. Die Nachricht wird überall in Israel tiefe Trauer Hervorrufen, zumal wenn erst die Tragik dieses Todesfalles bekannt werden wird. Am 27. v. M. kam Kaufmann in Begleitung seiner alten Mutter, die er über alles liebte, hier an, wo er bereits seit Jahren ein ständiger und allgemein beliebter Gast war. Aber nur zwei sonnige Tage waren ihm hier beschieden. Am 29. ging er Vormittags ins Neubad, und da stürzte er beim Heraustreten aus der Badewanne, um die Schnur zur Douche zu ziehen, so unglücklich, daß er das Schlüsselbein brach. Im Laufe der folgenden Tage traten schwere Komplikationen im Gefolge eines alten Leidens hinzu, und am 6. d. ist er an einer doppelseitigen Lungenentzündung verschieden. An seinem Sterbebette standen außer dem behandelnden Arzte Dr. Spitzer, der mit wahrhaft seltener Hingebung den Kranken gepflegt hat, nur noch der Schwager, Mühlendirektor König aus Budapest, Herr I. Freund aus Breslau und der Redakteur dieses Blattes. Heute Morgen urn 8 Uhr fand die Leichenfeier auf dem hiesigen jüdischen Friedhof unter zahlreicher Theilnahme statt. Rabbiner Dr. Ziegler, einer der ersten Schüler Kaufmanns, hielt eine tiefergreifende Leichenrede; dann gab der zur Kur anwesende Rabbiner Dr. Kayserling aus Budapest in herzbewegenden Worten der allgemeinen Trauer beredten Ausdruck. Nachdem der Kantor die üblichen Trauergebete reeitirt hatte, wurde der Sarg in den Leichenwagen gehoben und zur Bahn gebracht. Die Beerdigung findet am Dienstag den 11. d. in Budapest statt. Zur Biographie des theuren Todten^ die sicher von berufener Seite geschrieben werden wird, erfahren wir in Kurzem Folgendes: David Kaufmann wurde in Kojetein in Mähren 1852 geboren und studirte am Rabbinerfeminar in Breslau und Leipzig, wo er zum Doktor der Philosophie promovirt worden ist. In jungen Jahren schrieb er das umfassende religions-philosophische Werk „Geschichte der Atributenlehre" (Gotha 1877), was ihm den Ruf an die neubegründete Landes-Rabbinerschule in Budapest eintrug. Er