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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-14 · Heft 28 (14.7.1899) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 28 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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335 WWWWWWßMWffWMWW WWW? ist seelenfroh, ihre Gemächer überhaupt vermiethet zu haben, und weiß gar nicht, wie sie sich uns gefällig genug zeigen kann. So überläßt sie uns beispielsweise nicht nur mit Wonne die Benutzung ihrer Küche, sondern läßt sich sogar herbei, mir in diesem Departement mancherlei praktische Anleitung zu geben. Und darin kann ich noch viel lernen." „Ach, Regina, Du —", ihr eifrig bittender Wink nach ihrem Mit seiner Mahlzeit nach Art von Menschen, denen der Tastsinn das Auge ersetzen muß, vollauf beschäftigten, jetzt aber infolge von Alphons lauterem Sprechen aufhorchenden Gatten hinüber brachte ihn zum Verstummen. Je mehr er von seiner Schwester sah, desto mehr erfüllte ihn staunende Bewunderung. Wie hingen ihre Blicke an ihrem Mann, ttjje verstand sie, ohne daß er dem Wunsch erst Worte lieh, ihm jede nothwendige Handreichung zu thun, ihm alles Ueberflüssige aus dem Wege zu räumen. Man sah's, bei jeglichem, was sie that und sagte, ihr erster, ihr Hauptgedanke war er. Und als sie dann während der Mahlzeit ab- und zuging, Schüsseln brachte und fortnahm, gleichzeitig aber, wie er hörte, draußen die ungeschickte Bärbel anwies, das für ihn bestimmte „anspruchslose" Zimmer einzuräumen, auch dabei anscheinend selbst mit Hand anlegend, da fragte er sich, war das im Ernst seine Schwester Regina, die sich daheim von Judith hatte bedienen lasten wie eine kleine Prinzessin, die verwöhnte Frau Professor, auf deren Wink später Jungfer und Diener geflogen waren, die nie einen Finger für irgend was selbst gerührt hatte? ... Die schwere Prüfung hatte erst wirklich das Weib in ihr zur Reife gebracht. Aber Steinhardt schien auch zu wissen, was er an ihr hatte. Wie horchte er auf ihren Schritt, wie tastete er einmal, als er sich von seinem Schwager unbeobachtet glaubte, und sie, niit dem Abräumen des Tisches beschäftigt, in seine unmittelbare Nähe gekommen war, nach ihrer Hand, um sie hierauf mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit festzuhalten, dabei das alte Liebeswort flüsternd: „Regina, Königin!" Alphons fühlte seine Augen feucht werden. Er sagte sich, bei allem Schweren, was sie getroffen, in einer Hinsicht waren diese zwei Menschen zu beneiden. Und mehr noch empfand er dies, als, da Regina sich wieder hinausbegeben hatte, um die schwerfällige Bärbel einen praktischen Kursus im Bettaufschlagen und dergleichen durchmachen zu laffen, sich Steinhardt mit dem Ausdruck inniger Sorge zu ihm wandte und sagte: „Aus einem Grunde ganz besonders ist es mir lieb, daß Du gekommen bist, Schwager. Sag mir offen, wie sieht Regina aus? Muthet sie sich auch nicht zu viel zu? Findest Du sie verändert?" „Vor allem schöner denn je!" rief Alphons, und aus voller Ueberzeugung. (Forts, folgt.) Der Salon 1899. Von M. Friedeberg. ie auf allen Kunstausstellungen, ist auch in diesem Salon das Genre am zahlreichsten vertreten. Der Genremaler wie der Romandichter und Novellist packen das Jntereffanteste aus dem „vollen Menschenleben" heraus, das ihnen der heiteren und traurigen Motive von der Geburt bis zum Grabe genug bietet. Ein solches Genrebild, das uns wegen seines echt jüdischen Geistes und der ganz vorzüglichen Ausführung in Zeichnung und Farbe lebhaft interessirt, hat Isidor Kaufmann, der in der erst seit Kurzem in die Ausstellung eingefügten Gruppe der Wiener Kunstgenossenschaft weitaus am besten vertreten ist, in seiner „Jüdischen Betstunde" ausgestellt. In einem weißgctünchten Zimmer, das für die dortigen Verhältniffe — es handelt sich augenscheinlich um Russisch-Polen oder Galizien — bereits eher als Synagoge zu bezeichnen ist, hängt doch von seiner Decke sogar ein Kronleuchter herab, verrichtet ein Minjan, das aus älteren Männern und einigen Knaben besteht, den Morgengottesdienst. Theils stehen die Beter,theils sitzen sie auf braunen Holzbänken, zum Theil mit dem Tallis über dem Kopf, zum Theil ohne Gebetmäntel, theils aufmerksam betend, theils in träumerischer Andacht vor sich hinstarrend, Alle den Worten des ganz in den Tallis eingehüllten Vorbeters lauschend. Hier sehen wir eine kräftige Männergestalt mit langem schwarzen Bart, den Tallis über dem Kopf, in inbrünstiger Andacht ganz in die Recitation des Gebetes aus dem vor ihm liegenden Siddur versunken, dort ist ein silberhaariger Greis ein wenig eingenickt, hier starrt ein die Spuren östlichen Elends in seinem Antlitz tragender Junge ins Leere, während ein anderer, mit langem, braunem Kaftan und brauner Pelzmütze bekleidet, mit Gesichtslöckchen, den bekannten Peies, wie ein Raw, eifrig in seinem Siddur liest. Das uns allen wohlvertraute Milieu und das ganze Interieur mit Ausstattung ist vorzüglich wiedergegeben. Solche Bilder haben aber auch für die Tausende und Abertausende andersgläubiger Besucher der Ausstellung einen hohen kulturell belehrenden Werth. „Können denn die Juden auch beten?" sagte inir einmal eine den sogenannten gebildeten Ständen angehörende Dame, die nicht zu wissen schien, daß die innigsten und ergreifendsten Gebete von Juden herrühren, die sicherlich auch die ausdauerndsten und in bestem Sinne andächtigsten Beter überhaupt darstellen. Den Juden des halbasiatischen Ostens traut man in diesen Kreisen überhaupt keine gemüthvolle Andacht zu, während es doch schon bei unseren alten Weisen hieß: „Ein Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele". Der Maler, der aus Arad in Ungarn stammt, und von dem vor einiger Zeit ein in Budapest ausgestelltes Porträt eines Landrabbiners großes Aufsehen erregte, hat sich durch dieses Bild, deni selbst eine in Berlin erscheinende antisemitische Zeitung dieser Tage hohes Lob zollte, ein um so größeres Verdienst erworben, als dem jüdischen Maler für die Behandlung solcher Stoffe keine staatlichen Aufträge winken. Auch der Ernst des Bildes ist in unserer Zeit, wo das Religiöse und Heroische aus dem Genre immer mehr zurücktritt und eine Jagd nach pikanten Einfällen an die Stelle getreten ist, besonders anzuerkennen. Heinrich Heine schreibt in einem Briefe über den Pariser Salon: „Die Unterscheidung zwischen Historie und Genre ist so sinnverwirrend, daß man glauben sollte, sie sei eine Erfindung der Künstler, die am babylonischen Thurme gearbeitet haben." Darstellungen aus der biblischen Geschichte bildeten die ersten Vorwürfe der Historienmalerei, aber diese wurden oft ganz genreartig durchgeführt. Wir brauchen nur an Rembrandt zu erinnern. Hierin unterscheiden sich die Niederländer von den Kompositionen Dürers und Raphaels und ihrer Zeitgenossen. Während Jene oft das Häßliche und Lächerliche künstlerisch gestalteten, man denke an das im alten Museum in Berlin befindliche Bild „Simson droht seinem Schwiegervater" oder gar an „Lot und seine Töchter", das, aus dem Schlosse in Berlin verbannt, sich jetzt im Schlöffe zu Nieder- Schönhausen befindet, neben dem bekannten Gemälde „Simson und Delila", war einem Raphael wie einst einem Phidias die Kunst dm Akt höchster religiöser Weihe. Es ist gut, daß cs auch heute Noch Künst^" 8>ebt, welche nur in diesem höheren Sinn das Buch der Bücher aufschlagen, wie Julius Erter-München es bei seinem

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