Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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334 so war das vielleicht der gleiche Jemand, welchen damals der andere Mann gefürchtet hatte. Endlich schien ich etwas wie einen Leitfaden zu erhaschen, dessen anderes Ende zu dem Mann führte, den ich suchte. Ich steckte die Hand in die Brusttasche, um mich zu vergewissern, daß meine Pistole darin steckte, öffnete das Vorgärtchen und stieg die Stufen hinan. Es lag ein Ausdruck von Befriedigung ^^>en Zügen des Einladenden, und indem er mir den Rücken stieß er die Entreethür weit auf und hielt sie weit offen. dumpfiger Luftzug schlug mir entgegen, als ich den betrat, wo ein einsamer Gummibaum auf einem Kleiderhalter stand, der ganz mit Ueberziehern vollgehängt war. Mein Wirth ging mir einige Schritte voraus und öffnete eine Thür z« meiner Rechten. Ein Gewirr von Stimmen in gutturalen Lauten schlug an mein Ohr, und über seine Schulter hinweg erblickte ich eine seltsame Szene, ein Gemisch schwärzlicher Männer, mit den Hüten auf dem Kopf, deren Präsident ein ehrwürdig aussehender Alter mit einem schwarzen Käppchen zu sein schein. Ein fremdartiges, geheimnißvolles Lichtchen brannte in einer Taffe voll Oel auf dem Kaminsims, und auf dem Sopha am äußersten Zimmerende saß eine schöne junge Dame und weinte still vor sich hin. (Forts, folgt.) Are Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Fab er. XIV. egina begab sich ins Nebengemach und kehrte alsbald mit ihrem Gatten, der seine Hand leicht auf ihren Arm gelegt hatte, sich aber nachher in der ihm vertrauten Umgebung ohne weitere Hilfe bewegte, zurück. Hinter ihnen erschien das kluge Gesicht des jungen Sekretärs. Ein Fremder hätte jene großen, klaren Augen, die sich jetzt auf ein leises Wort Reginas nach der Richtung, wo Alphons stand, wandten, nie für blind gehalten. „Nun, Schwager!" sagte Steinhardt fröhlich, ..Willkommen! Das ist schön von Dir, daß Du den Weg zu uns gefunden hast! Obwohl es eigentlich, unhöflich wie es klingt, noch hübscher gewesen wäre, Du hättest uns erst einige Wochen später die Ehre gegeben. Du hättest mich dann in weniger deplorabler Verfaffung gefunden, und ich hätte Dir voraussichtlich in des Wortes wirklicher Bedeutung wahrheitsgetreu erklären können, ich freue mich, Dich zu sehen!" „Jedenfalls kann ich Dir die Versicherung geben, Du machst im Uebrigen einen gesünderen Eindruck als seit Jahr und Tag, Emanuel," sagte Alphons herzlich, indem er sich vergeblich bemühte, seine Ergriffenheit beim Anblick des hilflosen Mannes, den er zuletzt scheinbar noch in der Blüthe seiner Kraft auf dem Katheder vor einer Schaar ihm zujubelnder Studenten gesehen hatte, zu bemeistern. „Siehst Du, das sagen mir Alle!" meinte der Blinde zufrieden. „Es geht mir auch in der That vortrefflich. Sowie sich meine Kräfte genügend gefestigt haben, denkt Lindenberg meine Augen in die Kur zu nehmen, und dann hätten wir hoffentlich baldigst die ganze Geschichte hinter uns. Ich denke, wenn ich weiter solche Fortschritte mache, läßt vielleicht bereits in der nächsten Woche sich die Operation vornehmen." Regina wandte sich ab. Der junge Sekretär machte eine unwillkürliche mitleidige Bewegung, während Alphons Blicke besorgt auf seiner Schwester ruhten. Wie Professor Lindenberg ihm vorhin gesagt hatte, wußte sowohl sie als auch der getreue Amanuenstr um den Stillstand des Linsentrübungsprozeffes. Es war das einzige Mal gewesen, so hatte der Profeffor berichtet, daß die Fassung der tapferen Frau ins Wanken gerathen war, als er ihr hatte eröffnen müffen, es sei fraglich, ob ihr Gatte je wieder das Licht des Tages schauen werde. „Man sollte Lindenberg schreiben!" sprach der ahnungslose Kranke weiter, „Fischer, sind Sie da? Wollen Sie das übernehmen?' „Sehr gern, Herr Professor!" erwiederte der junge Mann bereitwillig. „Uebrigens habe ich ja die Herren nicht mit einander bekannt gemacht. Mein Schwager, Dr. da Silva, Herr Fischer, mein lieber Freund und Schüler, augenblicklich mein Auge, meine Hand, alles, was Du willst," erklärte Steinhardt. „Beneidenswerth, wer sich so nützlich machen kann," sagte Alphons und schüttelte dem in so schmeichelhafter Weise Eingeführten warm die Hand. Während des nun folgenden Austausches von höflichen Redensarten strebte Regina ersichtlich mit ihrer ganzen Kraft, der Qualen, die ihr jene hoffnungssicheren Worte ihres Gatten unwiffentlich bereiteten, Herr zu werden. Als aber Jener von Neuem begann: „In ein paar Wochen, wenn ich wieder sehen kann", da gab sie den Kampf auf. Mit einer entschuldigenden Bewegung zu den zwei anderen Anwesenden hinüber eilte sie hinaus. Erst nach geraumer Zeit kehrte sie ruhig wie immer mit den Worten zurück: „Darf ich die Herrschaften zum Abendbrod bitten? Ich habe es aus Rücksicht für unseren Reisenden etwas früher angerichtet. Sie sind doch unser Gast, Herr Fischer?" wandte sie sich an diesen. „Vielen Dank, gnädige Frau, aber ich will nicht stören. Und außerdem habe ich noch eine nothwendige Vorarbeit für morgen zu erledigen." „Laß ihn nur gehen, Regina!" mischte sich jetzt der Professor ein. „Leben Sie wohl, mein lieber Fischer, und vergessen Sie nicht, an Lindenberg zu schreiben!" Dann begaben sie sich unter Reginas Führung in das Eßzimmer, das ebenso wie das von Alphons nachher beaugenscheinigte Arbeitsgemach Steinhardts in Einzelheiten und Arrangement nach Möglichkeit in nichts von den zuvor von ihm in der Universitätsstadt innegehabten Räumen abwich und in der vornehmen Eleganz seines Mobiliars seltsam gegen die in dem kleinen Zimmer der Hausfrau, dem schlechtesten der ganzen Wohnung, herrschende Einfachheit abstach. Ueberhaupt sah Alphons immer mehr ein, Lindenberg hatte in allem vollkommen der Sachlage entsprechend berichtet. Für sich hatte Regina in der That nichts von den kostbaren Sachen, mit denen sie einst sich zu umgeben liebte, behalten; alles aber, was in das Bereich ihres Gatten kam, war genau so geblieben wie früher. Die Wohnung selbst hatte er sich schlimmer vorgestellt. Die Zimmer, die drei, die er gesehen, daß Schlafzimmer des Ehepaares und ein fünftes, wie seine Schwester selbst entschuldigend scherzend sagte, anspruchsloses Fremdengelaß für anspruchslose Menschen, waren geräumig, wenn auch niedrig und von den Errungenschaften moderner Eleganz wenig wissend. Dafür aber war, wie Regina ihm jetzt während des Mahles auseinandersetzte, auch der MiethszinS einigermaßen niedriger als in Stuttgart oder Tübingen. „Und so geringe Aufmerksamkeit ich diesem Umstande schenkte, als ich mich für Ermatingen seiner Ruhe und guten Luft wegen entschied, so sehr fiel derselbe für uns später ins Gewicht," bemerkte sie leise, als sie sah, daß Emanuel nicht zuhörte, „die Frau Hofrath mit dem himmelanstürmenden Namen, nebenbei bemerkt, eine rührend gute Frau,