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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-14 · Heft 28 (14.7.1899) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 28 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
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333 früh, um zu frühstücken, daß meine gewöhnlichen Kunden noch nicht da sind, und ich nur die Ehre habe, einen zufälligen Gast, wie Sie, zu bedienen." „Ah, also besteht wenigstens eine gewisse Regelmäßigkeit in der Tageszeit?" „Oh ja, das wohl," sagte der Wirth nachdenklich. „Aber auch hier ist keine bestimmte feste Grenze. Er kommt ebenso gut eine Stunde früher als eine später." „Ein wunderlicher Mann," sagte ich lachend. „Und Sie haben nichts über ihn in Erfahrung bringen können, obgleich er Ihnen das Räthsel zwölfmal aufgab?" „Was geht es mich an?" erwiederte er achselzuckend. „Sie wiffen nicht einmal, wie er heißt?" „Wie sollte ich?" „Nun gut," sagte ich, stand auf und knöpfte meinen Rock zu, „Sie werden sehen, daß ich in Bälde alles über ihn in Erfahrung bringen werde. Ich, ei» Fremdling in London, der das Meer und die Wälder mehr liebt als die Städte; ich, der nur die Geheimnisie der Natur kennt, sehen Sie, ich werde dieses Menschenräthsel lösen." „Wie sie belieben, Monsieur," erwiederte der Wirth. „Für mich besteht die einzige Frage darin, was Monsieur zum Frühstück möchte." „Ich will gar nichts!" schrie ich. Da ich jedoch seine niedergeschlagene Miene bemerkte und überlegte, daß der Mann inzwischen außer Sicht gekommen sein mußte und durch Eile nichts gewonnen wurde, bestellte ich Fleischbrühe, Huhn und Schinken und schritt nach der Thür, um mich zu überzeugen, daß momentan keine Aussicht sei, ihn zu erwischen. Das Nebengäßchen war fast ganz einsam, nirgends eine Spur meines Mannes. Ich kehrte auf meinen Platz zurück und widmete mich statt dessen meinem inneren Menschen. Dann knöpfte ich neuerdings meinen Rock zu, was nicht mehr so leicht ging, und schritt vergnügt von dannen. Jetzt endlich hatte ich etwas in London gefunden, das mich interessirte. Die durch eine gute Mahlzeit hervorgebrachte Zuversicht war mächtig in meiner Brnst, als ich die Eingangsthür aufstieß und meinem Wirth „auf Wiedersehen" zurief, denn ich beabsichtigte, wiederzukommen und ihn durch meine Entdeckungen zu verblüffen. „Au revoir, Monsieur, tausend Dank!" rief der Wirth und schnellte von dem Sprachrohr in die Höhe. „Aber wohin gehen Sie? Wo hoffen Sie den Mann zu finden?" „Ich suche gar nicht den Mann," erwiederte ich von oben herab. „Conmient!“ rief er voll Erstaunen. „Ich suche die Frau," sagte ich mit imponirender Miene. Und mit herablassender Handbewegung schritt ich hinaus in das schmierige Gäßchen. Aber, ach, was sind menschliche Entwürfe. Diesen ganzen Tag wanderte ich durch die lebhaften und die ruhigen Straßen von Nord- London, ohne auch nur auf das geringste Anzeichen einer Spur zu stoßen. Nach den vergeblichen Wanderungen einer Woche fing ich an, von der Riesenhaftigkeit der Weltstadt eine Ahnung zu erhalten, rieseirhaft nicht nur durch die Größe ihres Flächenraumes, sondern durch d'e Unzahl ihrer Straßen und Windungen und durch die Abgeschloffenheit eines jeden Haushalts gegen den des Nachbars, wodurch jedes Dach die mannigfaltigsten, geheimnißvollsten Existenzen und Möglichkeiten deckt. Eine Stecknadel in einem Wagen Heu zu suchen, schien Kinderspiel gegenüber der Aufgabe, ein Gesicht in einer Vorstadt Londons wiederzufinden, selbst angenommen (wie ich es that), daß mein räthselhafter Unbekannter im nördlichen Distrikt wohnte. Ich wagte nicht, nach dem Restaurant zurückzukehren, um mich zu erkundigen, ob man ihn zufällig gesehen habe. Ich schämte mich meiner Niederlage. Ich verlegte meine Wohnung von Siester Square nach Green Laues und spazierte täglich im Umkreis von vier Meilen um das Restaurant und war wüthend über meine eigene Thorheit, auf ein solch hoffnungsloses Unternehmen eingegangen zu sein. „Geduld!" rief ich endlich. „Geduld und mische die Karten aufs Neue!" Dies war mein Lieblingsausdruck, wenn ich eine Spur verloren hatte. Sich ganz vwa dem alten Plan abwenden und das Problem mit neuen anblicken, das war mein Rezept. Ich versuchte daffelbe, in|p|p|r auf das Land zur Hirschjagd ging, wozu in der benachbartei^^Mtz.! schüft Gelegenheit geboten war, wie ich durch einen Farmer im Kaffeehause erfuhr. Ich fand aber diese Art von Jagdsport wenig nach meinem Geschmack. Das Wild hatte schon sein Geweih abgeworfen und wurde zur Jagd aus einem Quarre Herausgelasien, so daß es nur Sportspielerei war. Unsere allerheiligste Mutter bewahre mich vor solch blutigem Gethue! Obgleich die Jagdsaison noch in vollem Gange war, kehrte ich voll Ekel in die Stadt zurück und vertraute wiederum mein Heil einem Omnibus an. Diesmal landete ich in Canonbury, einem Distrikt, der innerhalb des Kreises lag. den ich früher schon durchforscht hatte. Dieser Zufall belebte mich mit neuer Hoffnung; es schien eine glückliche Verheißung endlichen Erfolges. Die Dämmerung war angebrochen, die abendlichen Lichter waren schon am Himmel wie auf der Erde angezündet worden, ohne jedoch der unfreundlichen Zeile hochanständiger Häuser mehr Heiterkeit zu verleihen. Eine Straße nach der anderen durchschritt ich, alle mit den gleichen grauen Häuserfronten, hohe schmale Gebäude, die mit militärischer Steifheit in die Höhe ragten, und deren grüne Vorgärtchen sogar übereinstimmten in Symmetrie und Düsterkeit. Ich seufzte nach den Orangenhainen meines Vaterlandes, ich sehnte mich nach einem Hauch des blauen Meeres, ich mühte mich, mir die würzigen Steppen Südamerikas in die Erinnerung zu rufen, die ich kürzlich verlosten hatte, und wäre nicht das Interesse gewesen, welches ich an meiner Spurjagd hatte, ich wäre geflohen wie der heilige Antonius vor der weiblichen Erscheinung, obgleich aus sehr entgegengesetzten Gründen. Es schien kaum möglich, daß hinter diesen düsteren Fassaden die Romantik hausen sollte; der plumpere Geist der Prosa schien sie nebelgleich einzuhüllen. Plötzlich, als ich mit gedämpften Tritten durch diese trostlosen Regionen schritt, hörte ich eine Stimme, welche Jemand rief, und als ich in der Richtung des Schalles blickte, konnte ich mir nur erklären, daß ich selbst Derjenige war, dessen Aufmerksamkeit erweckt werden sollte. Ein Herr stand unter der Eingangsthür eines der Häuser auf der obersten Treppenstufe und winkte in meiner Richtung. Ich blieb stehen und sah mich nach allen Seiten um, fand aber, daß ich der einzige Fußgänger war. Ueberrascht, was er von mir wollen konnte, versuchte ich bei dem Schein einer Laterne, welche dem Haus gegenüber angebracht war, und unter welcher ich stand, seine Züge zu erkennen. Sie zeigten ein angenehmes, jedoch nicht englisch aussehendes Gesicht, gebräunt und bärtig, aber die Absichten des Besitzers konnte ich nicht daraus erkennen. Er stand noch immer und winkte, und der latente Hypnotismus seines Verlangens zog mich gegen das Gitterthor. Als ich die Hand auf die Klinke legte, hielt ich inne. Was in aller Heiligen Namen konnte er von mir wollen? Ich hatte verschiedene Werthgegenstände bei mir, aber auch einen Revolver, weshalb also dem Abenteuer aus dem Wege gehen? . „Bitte, kommen Sie herein," sagte er auf Englisch, als er mein Zögern sah. „Wir warten nur noch auf Sie." Der geheimnißvolle Sinn dieser Einladung besiegelte mein Schicksal. Augenscheinlich hielt man mich für einen Anderen. Glich ich vielleicht Jemand, den dieser Mann kannte? Wat dies der Fall,

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