Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
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-— 332 - die Manoello im hebräischen Gewände zeigt,kommen inseinen italienischen Liedern »och ausdrucksvoller zur Geltung. Wie keine der zeitgenössischen Elegien ans Dantes Tod die Schlichtheit und Wahr-: heit der Empfindung zeigt wie die seine27), so haben wenige Sängerü des Mittelalters in der Schilderung der Allgewalt der Liebe Accente erreicht wie Manoellos Sonett, das mit den Worten anhebt: Amor non Lesse mai l’Ave Maria. Er suhlt sich so sehr, wenn er italienisch dichtet, jeder Schranke, die wir bei einem Juden des' Mittelalters voraussetzen sollten, ledig, daß er das Later noster und Ave Maria trotz einem christlichen Dichter im Munde führt. Ja, der Schalk, der im Grunde seines Herzens ein treuer «Bekenner des jüdischen Gesetzes, ein frommer Bibelerklärer geblieben ist. spricht' mit so souveräner Gleichgiltigkeit von allen politischen Parteien und, religiösen Bekenntnissen, von denen allen er nur das Beste für sich herausnehmen möchte, daß man ihn, wüßte man nicht, daß die Freude: am lockeren Wort und losen Verse ihn leitet, für einen frivolen und ge- , sinnungSlosen Spötter halten müßte. Er nennt, daß man einen Freidenker wie Abul Älä Ma'ary w) zu hören vermeinte, St. Peter, und St. Paul, Moses und Aron, Machon u.Trivichan.d.i. Muhammeds und Tervagante 29j, der Götze, den italienische, französische und englische Dichter, ja das ganze Mittelalter bis in die Neuzeit hinein von den Muselmännern anbeten lassen, so sehr in einemAthem als gleichberechtigt neben einander, als gehörte er selber gar keiner ihrer Religionen an/ So sehr dieser Zug seiner Dichtung Dante zu entfernen scheint^ so giebt es doch auch ein Gedicht, das einem Manne gilt, der Beidem gemeinsam hoch und theuer galt. Auch Manoello hat dem ScaligerÄ von Verona2"), der den Adler über der Leiter als Wappen seines- Hauses führte, den Tribut seiner Muse abgetragen und das Lebert an seinem Hofe mit seiner Buntheit und seiner Fülle in einemmit allem Uebermuth der Volkspoesie und aller Klangmalerei irr" Worten ausgestatteten Gedichte 31) geschildert, in dessen Vierzeilern die.» ersten vier Verse den gleichen Reim zeigen, während durch alle Skro-, phenschlüsse des ganzen Gedichtes derselbe Reim sich schlingt, daß mäwZ an Abraham Jbn Esras angeblich die Salernitaner geißelnde Sa-" tir'e erinnert wird. Syrien und Armenien und die Romania, das"' byzantinische Reich, will er durchwandert haben, aber was er am Hofe Can Grandes in Verona gesehen hat. scheint ihm am meisten schildernswerth. Was hier an allerlei Truppen-igattungen, Frauen und Mädchen, Adeligen und Höflingen aus allen Ländern sich zusammendrängt, was hier an Gelehrsamkeit auf allen - Gebieten der Wissenschaft, Astrologie, Philosophie und Theologie sich ein Stelldichein gegeben, wie hier alle Sprachen Europas und ihre - Vertreter, Deutsche, Lateiner, Franzosen, Flamländer und Engländers dnrcheinanderschwirren, alle Instrumente, Sänger und Musikanten, Falconiere und Jäger, alle Lüste und Leidenschaften sich zusammen-,-, finde», das kann nur in klangmalende» Interjektionen, nicht mit:'' Worten zur Anschauung gebracht werden. Wie alle Völkerschaften:: sich hier begegnen, Einheimische und Fremde, Juden und Saracenen^: -7) Modona a. a. O. 13 n. 73. 2S) Vgl. A. v. Kremer über die philosophischen Gedichte des Abul 'Alk Ma'arry (Wien 1888). ' -’9) Vgl. Rob. Rares, Glossary in tbe works of English Au- ' thors, Manoellsoon partycularly Shakespeare S. 800 s. v. Termagant, 828. Trivigant nnd Henry de Castries, L'Jslam (Paris 1896) In-/, dex 8. v. Tervagant. Ich verdanke diese Hinweisungen der Freundschaft: Prof. Jgn. Goldzihers. 30) lieber Dantes Beziehungen zu Can Grande vgl. Kraus a. a.. O. 59 n. I, 367 ff. 470. ' - 3!) Zuerst herausgegeben von Leonello Modona im Besstllo Jsraelitico 1885, Heft 12, nnd im Separatabdruck (8 rc.) über die späteren/ Ausgaben s. Modona Rime volgari S. 40 n. 78. so haben alle Thiere der Welt in den mit sürstlichen Mitteln erhaltenen Gärten Can Grandes sich eingestellt, wie.um ein Zeugniß von der Macht eines Herrschers zu geben, dessen Ruhm über Land nnd Meere reicht22). So wenig wie für seinen Unigang mit Dante hat sich ans Manoellos hebräischen Dichtungen ein Beweis für seinen Aufenthalt am Hofe von Verona finden lassen. Die Biographie Immanuel b. Salomos ist uns eben so lückenhaft überliefert, daß für jede neu aus anderen Quellen auftauchende Thatsache darin Raum ist, ohne daß ihre Unerweisbarkeit aus seinen eigenen Werken einen Beweis gegen deren Wahrheit zu liefern vermöchte. Die so unmittelbar und fast gleichzeitig mit Dantes Auftreten doppelt bemerkenswerthe litterarische Abhängigkeit Manoellos von dem Fürsten der italienischen Dichtung in Verbindung mit den Zeugnisien der gleichzeitige» italienischen Litteratur über die Freundschaft der beiden Männer müssen uns daher bei unserer Armuth an Quellen für das Leben dieser Dichter als hinreichende und unzweifelhafte Beweise der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gelte». _ . Will man aber durchaus auch in Dantes Leben nach einem Anhaltspunkte suchen, der uns seinen Umgang mit einem jüdischen Freunde verständlich machen soll, so kann man ihn eher als in den zweifelhaften Spuren seiner hebräischen Studien in der großen Vertiefung in die Bibel suchen, von der der erhabene Florentiner allerorten sich erfüllt nnd durchdrungen erweist. Einem Geiste, dem alle Bilder und Wendungen der heiligen Schrift mit höchster Lebendigkeit jederzeit gegenwärtig waren, so daß ihrem Einflüsse auf seine Dichtungen auf der Oberfläche wie in der Tiefe allerorten zu begegnen ist, mag es reizvoll und wünschenswerth erschienen sein, mit einem Manne wie Manoello zu verkehre», der mit dem Bildungsinhalt seiner Zeit die tiefste Kenntniß der Bibel und ihrer Tradition vereinigte und selber den Ruhm des Exegeten zu dem des Dichters gesellte. Vielleicht ist auf der Spur des Alten Testaments, desicn Einwirkungen ans Dante noch eine besondere Ersorschung und Darstellung gebührte, da außer Michel Angela kein Künstler so tief in seiner Schuld steht, Manoello in das Pantheon der Freunde Dantes eingezogen33). EUILLETON —E.—r. Der seltsame Gast. Erzählung von I. Zangwill. II. ^ch war still. Ich betrachtete mich neugierig in dem geborstenne Spiegel. „Habe ich irgend etwas besonderes in meinem Aussehen?" fragte ich den Wirth. „Nichts auf der Welt," erwiederte er, indem er heftig den Kopf schüttelte. „Aber weshalb bin ich ihm zuwider, wenn er gegen Niemand sonst etwas einzuwenden hat?" „Pardon," sagte der Wirth, „es ist im Ganzen selten, daß sich . ein Fremder an seinen Tisch niederläßt. Er kommt gewöhnlich so 33). Bgl. Vogelstein und Rieger a. a. O. I, 429 f. 33) Gegen die Uebertreibungeu des Einflusses Manoellos auf Dante bei Fl. Servi Hallte egli Ebrei (Casale 1893 S. 10 vgl. Steinschneider, Monatsschrift 42, 120 n. 3.