Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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vn«-’ r, - «w -r,t-v . - 331 —— ihren eigenen Werken nicht; wir wissen eben von Anderen, was wir durch sie selber niemals erfahren haben würden. Die Jagd nach Spuren einer Erwähnung Dantes in Manoellos Dichtungen oder eines Einfluffes Manoellos in den Werken Dantes war von vornherein überflüssig. Man kann alles das, was an solchen angeblichen Spuren von verschiedenen Forschern hervorgesucht wurde, kühn in Pausch und Bogen verwerfen und doch an der Thatsache eines Freundschaftsverhältnisses der beide» Männer überzeugt festhalten. ES ist sicher nicht Dante, dessen frühen Todes, wie Delitzsch angenommen hat22), Manoello im Eingang zum 28. Gesang seines Diwans gedenkt. Der Freund, dessen vorzeitiger Heimgang unseren Dichter in so tiefes Sinnen versenkt, daß er zur Wanderung durch Hölle lind Paradies sich entrückt fühlt, ist als von jüdischem Ursprung viel zu bestimmt gekennzeichnet18), als daß eine Hindeutung auf Dante in seiner Erwähnung gefunden werden könnte. Noch weniger kann der Daniel, der für Manoello Virgil und Beatrice allein vertritt, ein Anderer seiir als der Prophet, der göttliche Liebling der heiligen Schrift, der schon durch Ezechiel 28, 3 als der Weise schlechthin, das jüdische Gegenbild Virgils, gekennzeichnet und bekannt war. Der Anklang an den Namen Dantes, den angeblich Manoello mit der Wahl dieses Führers beabsichtigt haben soll 1T), ist aber so schwach und zweifelhaft, daß man selbst dieses letzte Asyl, in das die Hypothese t8) sich noch zu flüchten suchte, wird aufgeben müssen. Am unglücklichsten war aber vollends die Annahme Geigers 22), die den Ehrensitz im Paradiese, an dem Bezalel und Oholiob für Manoellos noch lebenden jüdischen Freund und Meister zimmern, für Dante Vorbehalten möchte. In dem Kreise, für den Manoello seine hebräischen Dichtungen zunächst bestimmte, war im Jahre 1328 die Persönlichkeit Dantes in ihrer überragenden Bedeutung noch nicht so allgemein bekannt und verständlich, als daß er auch nur im Paradiese, in dem er allen Frommen der Völker begegnet, des Freundes namentlich hätte gedenken mögen, was aber keineswegs, wie Munk8") gemeint hat, gegen die persönliche freundschaftliche Beziehung der beiden Dichter ins Treffen geführt werden kann. Noch weniger hat es gelingen wollen, im Leben Dantes und in seinen Werken eine Stelle für die Beziehungen zu Manoello ausfindig zu machen. Die Frage, ob Dante des Hebräischen mächtig gewesen, und ob die in seinen Dichtungen vorkommenden, angeblich diesem Idiom entlehnten Worte und Verse wirklich daraus zu erklären feien, ist noch durchaus unentschieden. Man darf aber selbst von dem hebräischen Ursprung dieser Stellen überzeugt sein, ohne damit für das Verhältuiß Dantes zu Manoello etwas gewonnen zu haben. Der Vers am Schluß der lateinischen Terzine an der Spitze des 7. Gesanges des Paradieses: felice8 ignes herum malahoth wird wirklich mit Delitzschs) als mahaloth maaloth — d. i. als Ordnungeil und Ränge der Engel und Seligen zu deuten sein, weil das Seelengedächtniß im altjüdischen Gebetritual der 2'NINLNI IWttpn JYlSpö, der Stufenränge der Heiligen und Lautern, der Seelen im Jenseits gedenkt. Man wird selbst den 67. Vers im 31. Gesang der Hölle, -°) A. a. O. 4. l°) JH7; vgl. Zunz, Gef. Schriften III, 284. Die Kreuzzugsritter, Dantes Ahnen, wird Manoello, wie Delitzsch I b. 4. n. 1 annimmt, nicht so bezeichnet haben. 17) Vogelstein und Rieger a. a. O. I. 440. 1S) Rahmers Litteraturblatt 1879, Nr. 75, vgl. Delitzsch, I b. 4. 19) Jüd. Zeitschrift V, 298. Vgl. dagegen Güdemann a. a. O. 314 ff. und Soave, angeführt von Steinschneider H. Bibl. XI, 53 n. 3. 20) Bgl. Geiger in Hebräische Bibliographie VII, 59. 20 A. a. O. 7 n. 2. Bgl. Güdemann a. a. O. 140 n. 3. die grause Klage aus Nimrods Lippen, für die sich nicht geziemten sanfte Psalmen, die Worte: Hasel mal ameoll iradi almi wiederum mit Delitzsch22) durch: „Heile, o Gott, wie tief ist meine ewige Pein" übersetzen dürfen, aber der Zweifel wird hier bereits gestattet sein, ob diese Worte überhaupt einem Idiom entnommen und nicht vielmehr sinnleere Laute darstellen, die durch ihre Fremdartigkeit und mehr wie Interjektionen wirken sollen, was Dante selber dem Virgil mit den Worten andeuten läßt22): „Kein Mensch versteht von seiner Sprach' ein Wort" (V. 80). Vollends aber wird der Vers im Eingang des siebenten Gesanges der Hölle: Pape Satan, pape Satan, aleppe, aus der Reihe der angeblich hebräischen Einfluß verrathenden Stellen zu streichen sein. Jedenfalls bleibt es unerfindlich, wie dieser Vers für F. X. Kraus22) auch nur die Möglichkeit eines Beweises ergeben konnte, „daß Dante dem mittelalterlichen Judenjargon einige Worte abgelernt hätte". Gleichwohl fehlt es aber in Manoellos Wirksamkeit nicht ganz an Beweisen, die uns eine Beziehung zu Dante glaubhaft und wahrscheinlich machen. Der tiefe Einfluß, den die tiommeckia auf den jüdischen Dichter geübt hat, wird für jeden Betrachter des 28. Gesanges seines Diwans auf den ersten Blick klar22). Bei aller Freiheit und Selbständigkeit der Nachbildung verräth sich doch nicht nur in der Anlage des Ganzen, sondern in manchen bezeichnenden Einzelzügen die mächtige Einwirkung des großen Vorbildes. Manoello kann unter den Zeitgenossen Dantes in der Weltlitteratur als der erste Zeuge der unmittelbaren Einwirkung gelten, die von diesem Genius ausgegangen ist. Aber Manoello war nicht nur ein hebräischer Sprachkünstler, sondern auch ein italienischer Dichter, nicht nur ein Kenner der Sprache seines Heimathlandes, der ihren Zauber auf sich wirken zu lassen verstand, sondern ihr Pfleger und Fortbildner, der selbständig in ihr zu schaffen vermochte. So wenig auch nur von Manoellos italienischen Gedichten auf uns gekommen ist — vier Sonette und ein langes Scherzgedicht im Ganzen, die Modona26) soeben vereinigt vorgelegt hat —, so bildet es doch eines der kostbarsten Dokumente der jüdischen Kulturgeschichte, die zugleich mit dem großen Erwecker der italienischen Volkssprache, mit Dante, einen Juden aufweist, der die volle Freiheit und Meisterschaft in der Handhabung dieses Idioms sich zu eigen gemacht hat. Diese Gedichte sind, so gering an Zahl sie auch erscheinen mögen, die wesentlichste Ergänzung, die das litterarische Charakterbild Manoellos erfahren konnte. Erst jetzt begreifen wir, wie der Mann, der nach seinen hebräischen Selbstzeugnissen so ganz in die christliche höchste Gesellschaft seiner Zeit ausgenommen war, zu dieser erlesenen Stellung gelangte. Es war eben nicht nur die Höhe seines Bildungsniveaus, die ihn den Besten seiner Zeit an die Seite stellte, sondern mehr noch die Meisterschaft im Gebrauch der Muttersprache, die Fertigkeit in der Handhabung der italienischen Versformen und Sprachschönheiten, was den Juden Manoello zu den ersten Dichtern und Gelehrten Italiens in Beziehung brachte. Die Freiheit und Schalkhaftigkeit, der lose Mund und der humorvolle Ucbermuth, 22) Id. 7 n: 3: vvv nv XS“I- Vgl. über diesen und den folgenden Vers die Abhandlungen G. Barzilai, genannt bei Güdemann ib. 221 Philalethes läßt sich allerdings auch dadurch nicht irren, den Vers mit Ammon aus dem Arabischen zu erklären. 22) A. a. O. 33. Den Vers Inf. 31, 66 citirt Kraus gar nicht. Benevenuto Cellinis Erklärung von Inf. 7, 1 aus verdorbenem Franzöfisch, s. id. 131 n. 5. 28) Bgl. Modona a. a. O. 37 n. 10, der eine Monographie über diesen Gegenstand vorbereitet. 28) A. a. O. 27-34.