Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
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Mansetls und Aunte.^ Bon Prof. Dr. David Kaufmann. fett Juden Immanuel Ben Salomo, erklärt Franz Xaver Kraus in feinem Dantes, wird man aus seinem Freundschaftslreise streichen müssen. Und um sogleich mit dieser Streichung Ernst zu machen, fehlt jede Spur des jüdischen Dichters in dem Index dieses Werkes. Gleichwohl wäre übel berathen, wer in diesem peremtorischen Urtheil etwa das letzte Wort der Wissenschaft erblicken würde. Es wird vielmehr das Richtige sein, zu behaupten, daß durch die Funde und Forschungen der letzten drei Jahrzehnte die Beziehungen Dantes zu Manoello als eine unzweifelhafte Thatsache gelten müssen. Drei alte italienische, von einander unabhängige Liederhandschriften, eine Casanatensis in Rom, der cod. 1050 der Trivulziana in Mailands und cod. XIII 6. 9* * * 4 5 * in Neapel) überliefern übereinstimmend den Soitettenwechsel zwischen Bosone und Manoello, dem Juden von Gubbio, über den Tod Dantes. Bosone Novello di Messer Bosone de Caffarelli, auf den mannigfache Spuren im Leben Dantes zurückführen, der in seinem Kastell Schutz gesucht und seine Kinder im Griechischen unterrichtet haben soll«), weiß keinen näherstehenden Freund, in dessen Busen er seinen Schmerz über den Heimgang Dantes ausgießen möchte, als den Juden Manoello. Man nimmt gewöhnlich an, daß Bosone in seinem Sonett an Manoello auch den Tod von dessen Gattin beweint«), aber die beiden Dichter, die erloschen sind, dürften Dante allein sein, in dem Sonne und Mond zugleich untergegangen sind, zumal Manoello seines angeblichen Familienunglücks in der Antwort mit keinem Worte gedenkt. Ob das Gedicht wirklich dem Bosone zuzuschreiben ist oder nicht, an der Thatsache, daß Manoello als naher Freund Dantes gegolten haben muß, ist nach diesem Sonette allein nicht länger zu zweifeln. Aber die Antwort Manoellos ist von solcher Empfindungstiefe und Wahrheit des Schmerzes und obendrein mit so viel Anzeichen seines jüdischen Ursprunges ausgestattet, daß seine Echtheit für sich selber spricht. Der hier, wie die erste Zeile sagt, die Thränen aus der Tiefe zieht, die seines Schmerzes Feuer stillen, erweist sich mit der hebräischen Poesie der spanisch-arabischen Epoche so vertraut), daß seine Verse an die bekanntesten Gedichte jener Sänger anklingen und sein: sc non fosser le lacrime inche abbondo eines der häufigsten Bilder dieser Poesien wiederzugeben scheint. Er, der hier Christ und Jude auf den Trauerschemel niederzusitzen auffordert, wie wenn es einem Familiengliede nachzutrauern gelte, hat nicht nur die jüdischen Trauergebräuche«), sondern das talmudische Wort im Auge«), wonach beim Tode eines großen Mannes Alle als seine Angehörigen 0 Die letzte Arbeit des treuen Mitarbeiters. 2) Dante. Sein Leben und sein Werk, sein Verhältniß zur Kunst und Politik. (Berlin 1897) S. 146. «) Franz Delitzsch, zwei kleine Dante-Studien. S. 4. 4) Leonello Modona, Rime volgari di Immanuelo Romano Parma 1898 (Nozze Segre-Modona). S. 9 u. 8. •') Kraus, a. a. O. 957. Hier heißt Bosone konsequent de'Raffaelli. «) Bgl. die Uebersetzung A. Geigers Jüd. Zeitschrift 5, 293 f. und Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens der Juden in Italien, S. 138, und die poetische Wiedergabe bei Vogelstein und Rieger, Geschichte der Juden in Rom I, 439 f. 7) Bgl. Geiger in -jan) IJflK HI, 123 n. 2. Ueber Manoellos Abhängigkeit von den spanischen Dichtern, den Klasfikern der hebräischen Poesie, s. H. Biody in Monatsschrift Nr. 2, S. 6 (Beilage der Jüd. Presse) 1896. 8) Modona a. a. O. 39 n. 15. 9) Sabbath f. 105 a: l'INp bOT\ EDP! 330 - und Leidtragenden sich zu betrachten haben. Und mag auch die Schlußwendung des Sonettes, daß aus Neid gegen das Schöne79) die Gottheit diesen Jammer angerichtet hat, sicher eilten unjüdischen") Gedanken enthalten, so zeigt der Schmerz und die Verzweiflung des Dichters sich dagegen nur um so schärfer, daß er im Paroxysmus seiner Trauer von einem lästerlichen Ausrufe selbst sich nicht zurückhält. Und als gälte es, dieses Zeugniß von der in der Zeit Dantes verbreiteten Kunde seiner innigen Freundschaft zu Manoello noch zu verstärken, wird uns ein anderer Sonettenwechsel zwischen Cino da Pistoja, dem Juristen und Kommentator des Codex Justinianeus, dem Freunde Dantes, und Bosone nach dem Tode Dantes72) und Manoellos überliefert. Die Bosheit, die aus Cinos Gedichte spricht, ist, mag ihm selber auch mit Recht die Autorschaft abgesprochen werden7 8 9«), so lebenswarm und zeitgenössisch bitter, daß an dem thatsächlichen Hintergründe dieser Sonette füglich kein Zweifel möglich ist. Cino, oder wer es immer war, der sich unter dem Namen des einstigen Freundes Dantes verbirgt, verhöhnt Bosone dafür, daß er an die Freundschaft des Juden für seinen großen italienischen Freund geglaubt hat. Dante, der selber zur Hölle fahren mußte, überzeugt sich nun, nachdem auch Manoello, dem Jrrthum seines Gesetzes treu, sein Leben beschlossen und nunmehr die Hölletistrafeit der Unbekehrten büßen muß, wie viel von der Schmeichelei seines jüdischen Anbeters zu halten war. Er sieht ihn dort, wie er") nach seiner eigenen Beschreibung im 18. Gesang der Hölle (V. 116) Alessio Jnterminei aus Lucca gesehen hat, das Haupt unkenntlich durch die schmierige Haube von Koth, die es bedeckte, zur Strafe für die Schmeicheleien, die er sein Lebelang verübte. Einst der Schmeichler des großen Ghibellinenführers Castruccio, vertoandelt Alessio sich unten in einen Bären vor Wuth, so oft er des einst Beschmeichelten ansichtig wird. Und Dante erzählt, daß Alessio ihm unten unter den Schmeichlern Manoello in einem Spalt so schmal und eng versteckt zeigt, wie man ihn in den Wildstamm schneidet, in den man ein Pfirsichreis pfropfen will. Entrüstet antwortet Bosone. daß Manoello nicht in die Hölle, das Reich Lucifers, gehöre, daß aber ihm, selbst wenn er dort wäre, nicht solche Decke von Schmutz gebühre. Wenn Alessio unter jener Haube rase, so habe er es verdient, weil er den Mörder Gueruccios, eines der Opfer CastruccioS in Lucca, umschmeichelt habe. Dante und Manoello aber gebührt ein anderes Loos, sie können ihrer Befreiung aus dem Höllenrachen sicher sein. Der Frenndschaftsbund Manoellos mit Dante muß nach diesen Dichtungen ein so enger gewesen sein, daß man ihn selbst nach dem Tode der Freunde zu zerreißen sich bemühte. Bosone, der die Antwort ertheilt oder in den Mund gelegt erhält, trüt aber auch hier so fest in seinem Glauben an Manoello für seine Treue zu Dante ein, daß wir diese beiden Zeugnisse als eine wechselseitige Bekräftigung auffassen dürfen und diese versprengten Stimmen als unverdächtige Botschaften aus einer Zeit erkennen werden, in denen die merkwürdige Erscheinung des Freundschaftsverhältnisses zwischen dem Heros der Dichtung Italiens und dem jüdischen Sänger Manoello in Aller Bewußtsein und Munde lebte. Das durch so unauffällige, absichtslose Zeugnisse gesicherte Verhältniß der beiden Dichter bedarf daher auch der Bestätigung aus Modona S. 27: del. bei. n) Steinschneiders letteratura Italiani degli Judei (Roma 1884), S. 34 und M. Lattes Notizie e Documenti (Padova 1879), S. 30. 12) Kraus a. a. O. 138 ff., 296 f. 13) Modona a. a. O., 3 n. 3. Delitzsch a. a. O. 4. ") Ich folge hier der ausgezeichneten Erklärung Franz Delitzschs, a. a. O. 6—7, der auch Text und Uebersetzung von Cinos Sonett mittheilt.