Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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326 ewitniß von dem geschichtlichen Werden, dessen Gesetze er erkannt hatte wie kaum ein Anderer neben ihm. Aus dieser Erkenntniß aber floß die reiche Quelle seiner Geistesarbeit. Wie ein offenes Buch lag das ganze große und weite Gebiet der Wiffenschaft des Judenthums vor ihm aufgeschlagen. Kein Blatt war ihm fremd darin, kein Zug, keine Erscheinung unverständlich. Mit liebevollem Sinn umfaßte und erforschte er das Große wie das Kleine, das Wichtige wie das scheinbar Unbedeutende, und die gleiche Sorgfalt wendete er der weltweiten Inschrift aus der arabischen Wüste zu, die von großen Kriegen und Siegen erzählte, wie dem weltverlorenen Grabstein eines armen polnischen Rabbi, der uns von dem traurigen Loose eines einzelnen verwehten Samenkorns lakonisch zu künden hatte. Auf seinem Schreibtisch fanden wir in der Todesstunde die Korrekturen einer großen Arbeit für den Jahresbericht der ungarischen Rabbinerschule über den „Mekor Cliajjim“ Salomo Gabirols neben der angefangenen Besprechung einer Schrift über die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof zu Zolkiew in Galizien. Dieser Zufall charakterisirt den Mann am schärfsten, der so weit auscinanderliegende Wissensgebiete mit gleichem Eifer und Fleiß, mit gleicher Begabung und Sachkenntniß zu umspannen vermochte. Und über alles, auch über die unbedeutendste und trockenste Materie, wußte er den Reiz des Jntereffanten und Fesselnden durch seine große Kunst der Darstellung zu breiten. David Kaufmann war ein Schriftsteller von Beruf und ein Meister : des Stils dazu. Man merkte seinen Arbeiten nichts von dem Fleiß an, den keine Mühe bleichte, und der ihn doch Tag und Nacht an die Arbeit feffelte. Und was sollen wir erst von dem Menschen sagen, dem edlen, guten, hilfsbereiten, wahrhaft frommen Manne, den Jeder liebte, der ihn kannte, den Jeder verehrte, der je in den Bannkreis seines Geistes getreten war? „Weinet nicht um den Tobten, sondern klaget vielmehr um Die, die weiterschreiten müssen durch das Leben ohne ihn." Selten ist uns der Sinn dieser Sentenz so klar geworden, als angesichts dieses jähen Todes, der wie ein Blitzstrahl aus heiterem Firmament alle Die erschrecken wird, die die Bedeutung dieses Mannes erkannt haben. „Mein Freund ist in seinen Garten gangen", um dort auszuruhen von des Lebens Mühsal und Wirrniß. Uns aber hat er sein Andenken in einer großen Reihe von Werken hinterlaffen, die seinen Namen dauernd erhalten haben. „Es ist mir gar weh um Dich, mein Bruder!" so klagen ganz besonders wir mit dem Psalmensänger. die dem Heimgegangenen Freunde nahe gestanden im Leben und nun verwaist zurückgeblieben sind, indeß er hinaufgezogen ist zu jener Sternensaat ewigen Lichtes und unvergänglicher Klarheit, die der letzte der Seher allen großen Lehrern in Israel verheißen: „Denn die Einsichtigen werden leuchten wie die Sonne am Firmament, und die, so Viele zur Erkenntniß führen, wie der Sterne Chor für und für." Und nun den letzten Abschiedsgruß, Du Edler, Du Reiner, Du Guter: Weh uns, denen Du gestorben, Heil Dir, denn Du wirst leben! Me Woche. Berlin, 11. Juli. in vielbeliebtes Ferienthema antisemitischer und agrarischkonservativer Blätter ist die Sch ul frage. Und zwar in Berlin so gut wie am Rhein und in den Reichslanden. Zu dem Beschlüsse des elsaß-lothruigischen Landesausschusses über Verminderung der höheren Schulen läßt sich die „Deutsche Tageszeitung" schreiben, daß es namentlich die Juden sind, die auf Kosten des Landes ihren Kindern den Unterricht auf höheren Schulen erleichtern möchten. Hinzugefügt wird: „Man kann mit Recht behaupten, daß in allen höheren Schulen das jüdische Schülerelement in einem Berhältniß zunimmt, welches, zurückgeführt auf die Gesammtbevölkerung, von Gott und "Rechts wegen dem nichtjüdischen gebührt. Beispielsweise tritt diese Thatsache namentlich in Straßburg und Metz schroff hervor! Wer also stch noch soviel germanisches Selbstbewußtsein erhalten hat, daß er nicht im Judenbanne stch befindet, der kann stch nur freuen und Genugthuung darüber empfinden, daß der jüdischen „Bildungswuth" endlich Einhalt gethan wird. Wenn die jüdische Minorität der Bevölkerung, die noch dazu sehr kapitalkräftig ist, stch in idealer Weise für die höhere Bildung ihrer Kinder so lebhaft interessirt, so mag sie nur etwas tiefer in den Beutel greifen! Die nichtjüdische Majorität hat keine Veranlassung, das hebräische Kuckucksei mit besonderer Vorliebe auszubrüten." Selbst die antisemitisch angehauchte „Tägliche Rundschau" bedauert diesen „Versuch, eine den nationalen Interessen zuwiderlaufende Auffassung durch Umhängung eines antisemitischen Mäntelchens in sonst gut nationale Kreise einznschmuggeln", und bemerkt weiter: „Aehnliche Verirrungen haben wir auch im Osten erlebt, wo Deutsche den Polen die Hand reichten, weil angeblich diese „ritterliche" (!) Nation so gut antisemitisch sein sollte. So sollen hier Deutsche an der Zerstörung einer der wichtigsten Handhaben zur Verbreitung deutscher Sprache und Kultur Mitarbeiten und den Franzosen einen Gefallen erweisen, weil sich angeblich Juden an diese Bildungsanstalten herandrängen. Damit würde stch das Deutschthum zugleich das Armuthszeugniß ausstellen, als ob es stch nur durch Bildungsfeindschaft des Judenthums erwehren könne." * lieber jüdische Offiziere in der europäischer! Armee bringt das „Berliner Tageblatt" eine bemerkenswerthe Zusamrnenstellung, der wir folgende Details entnehmen: „Im Jahre 1297 hatte Philipp der Schöne von Frankreich 300 000 Juden, darunter viele Offiziere, in seiner Armee. Die erste Wunde im letzten türkisch-griechischen Kriege, erhielt ein Jude. In England dienen jetzt 700 Juden, davon 144 Offiziere, worunter viele Oberste stch befinden. Frankreich hat 300 jüdische Offiziere, darunter mehrere Brigade- und Divifionsgenerale. In Italien nehmen die Juden im Heere eine sehr geachtete Stellung ein. So ist der Türmer Festungskommandant ein Jude, Generalleutnant Signore Ottolenghi. Letzterer, persona gratlssima bei König Humbert, war in Neapel als Brigadier Vorgesetzter des italienischen Kronprinzen. Das meiste Interesse dürfte aber für den Deutschen das Habsburgische Bundes- und Nachbarreich bieten. In der österreichisch-ungarischen Monarchie giebt es über 2000! jüdische Offiziere. Zwar entfällt der größere Theil dieser Summe auf die Herren in der Reserve, aber viele Hunderte davon sind im aktiven Dienste. Keine Truppen- und Waffengattung ist dem jüdischen Offizier hier verschlossen, und man findet in denselben vom Leutnant bis zum Generalmajor Juden im Dienste. Als aktive Militärärzte haben fie schon seit langen Jahren die allerhöchsten Stellen einnehmen dürfen. Für die Richtigkeit dieser Anführungen diene folgende Thalsache. Beim letzten Osfiziersavaneement im Mai wurde der jüdische Oberst der Festungsartillerie, Heinrich Porges, zum Generalmajor ernannt und ihm der verantwortungsvolle Posten eines Festungsdirektors in der wichtigen Festung Przemysl (Galizien) übergeben. Zu gleicher Zeit wurde auch ein Jude Generalstabsarzt. Das ist der höchste militärärztliche Rang in Oesterreich. Als der Großfürst Michael von Rußland fein 50 jähriges Soldatenjubiläum feierte, ging als Führer der Deputation, welche sein österreichisch-ungarisches Regiment entsandte. Oberst Eduard Ritter v. Schweitzer nach Petersburg. Oberst Schweitzer ist Jude und Kommandant des in Wien garnisonirenden 26. Infanterieregiments Großfürst Michael. Oberst Ritter v. Schweitzer ist einer der tüchtigsten österreichischen Offiziere. In Petersburg wurde er vom Zaren empfangen und mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Und nur noch einen Namen will ich von den vielen tüchtigen jüdischen Offizieren der Habsburger Monarchie nennen. Es ist dies der gewesene Landwehrkommandant der Brünner Garnison, Oberst Alexander Ritter v. Eiß. Dieser Offizier, ein Lieb-