Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-14 · Heft 28 (14.7.1899) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 28 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228340--55622-3291846
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 63. Jahrgang. Nr. 28. SerUn. 14. Juli 1899. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt vön der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteirr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Grpedition: Gerlin, Zerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikelr Professor Dr. David Kaufmann. — Die Woche.— Das wohlthätige Berlin. II. — Manoello und Dante. Von Prof. Dr. David Kaufmann. — KeuMetoir: Der seltsame Gast. II. Erzählung von I. Zangwill. — Die Abtrünnige.- XIV. Eine Erzählung von Paula Faber. — -Der Salon 1899. III. Von M. Friedeberg. — Iehuda Halevis Zionslied. ' Bon Henriette Hi'rschberg. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Breslau, Glogau, Samter, Schwerin a. W., Nordhausern Elberfeld, Düsseldorf, München, Emmendingen, Wien. Karlsbad, London. — Bön Nab und Kern. — Miseellen. — Sprechsaal. Professor Ar. David Kaufmann. Karlsbad, 7. Juli. ine tiefschmerzliche Kunde bringen wir heute unseren Lesern aus der alten Badestadt: Professor Kaufmann ist gestern in der zehnten Abendstunde hier aus diesem Leben geschieden! An anderer Stelle soll über die Einzelheiten dieser tragische» Schicksalswendung berichtet werden, hier liegt nus allein ob, den schweren Verlust zu beklagen, den das Judenthum und seine Wissenschaft erlitten haben. Wenn sonst ein Leben, das die Altersgrenze des Psalmisten erreicht oder gar überschritten hat, zu Ende geht, dann ist der Schmerz des Scheidens gewiß auch ein natürlicher und tiefer. Wenn aber ein Leben wie dieses auf seiner vollen Mittagshöhe erlischt, dann bemächtigt sich banger Unmuth und jene Stimmung unsrer Seele, aus der heraus wir die Klagen Hiobs, aber auch seine erhabene, gottfreudige Theodicee verstehen und würdigen lernen. Da ist der Tod kein freundlich Maskenspiel. Die Welle, die verrauscht ins unendliche Weltenmeer, sie kommt nicht wieder; die Frucht verwest, die von dem Baume ist gefallen, nnd keine trügerische Quelle falscher Tröstungen fließt da, wo solch ein Weh das sonnenfreudige Herz zusammenkrampft. In David Kaufmann hat das Judenthum einen seiner treuesten nnd besten Söhne, die Wissenschaft einen ihrer bedeutendsten und genialsten Vertreter verloren. Das sagt alles! Nicht härter kann die Vorsehung ein Volk treffen, so heißt es im Talmud, als wenn sie die Weisheit seiner Weisen von ihm nimmt. Dieses Verhängniß empfinden wir aber in unseren Tagen und angesichts dieses Todesfalles um so tiefer und erdrückender, je weniger wir, ein armes und verlassenes Geschlecht, an Weisheit und Frömmigkeit zu verlieren haben. Uns ist der Trost der Antike: „Wen die Götter lieben, dem verleihen sie frühen Tod", so fremd und unverständlich, daß er uns fast wie ein Frevel gegen die göttliche Weltordnung erscheint. Mit tiefem Weh, aber auch mit gerechtem Stolz blicken wir darum auf den gefallenen Helden, der ans der Wahlslatt der Wiffenschaft im Kampfe um die höchste» Güter wie ein Sieger dahingegangen ist. Noch ist es nicht an der Zeit, angesichts der Bahre des edlen Todten seine Verdienste, seine Bedeutung, sein Leben zu schildern. Nur so viel sei heule im Augenblick des tiessten Schmerzes gesagt: Wir habe» Alle eine» unersetzlichen Verlust erlitten! In David Kansmann paarten sich ausrichtige Frömmigkeit und wissenschaftlicher 'Sinn in seltener Harmonie. Nie beeinirächtigte eines das andere; nie trat das eine dem andern hemmend in den Weg. Wenn man sich das Bild eines jener jüdischen Weisen ans der Blütheperiode der spanischen Litterätur hätte versinnlichen wollen, so konnte man in diesem Manne alle Züge vereint finden, die dieses Bild schmücken. In ihm lebte hellenischer Schönheitssinn; ihn erzog der deutsche Geist; was ihn aber völlig erfüllte, das ist die Wahrheit des Jndenthnms gewesen. Etwas von der poetischen Frömmigkeit eines Jehnda Halevi lebte und webte in diesem Geiste, der mit der Reinheit des Kindes die Klarheit des Philosophen und den Ernst des Forschers vereinte. Aber nicht als ein Träumer schritt er einsam durch das Leben mit halbgeschlossenem Auge und grüblerischem Sinn. Sei» Herz war für alle Leiden der Menschheit empfänglich, sein helles Auge schaute freudig in die Welt. Nichts Großes war ihm unverständlich, nichts Menschliches fremd. Alles, aber wußte oder suchte er in Einklang zu bringen mit seiner jüdischen Weltanschauung, die das Glück seines . Lebens ausmachte, die den Kern seines Wesens erfüllte, die der Stern seines Wiffenspfades gewesen und geblieben ist bis zum letzten Athemzuge seiner reinen Seele. Auch von Hin, ja von ihm mehr tute je von einem Andern, gilt die fromme Legende, die die Weisen des Talinuds dem erhabensten Träger seines Namens geweiht haben. Eine Harse hing über dem Lager Davids, so erzählen sie, und wenn der Sturm über ihre Saiten dahinfuhr, dann klang es mächtig nus ihr herauf! Ja, dann klang aus dieser Harfe herauf das Lied der Freudigkeit im Glauben, das Lied der Schmerzen Israels, das Lied seines unendlichen Martyriums, seiner großen Ideale, seiner Hoffnungen nnd Träume. Und in vollen Akkorden erklang dies Lied ans der Davids - Harfe unseres theueren Todten, bis urplötzlich ein jäher, schriller, gebrochener Ton, sebeworiin, die erhabene Melodie jäh beendet hat. AI haj schnfra debulah beareli bochinuh. Um so viel Schönheit und Reinheit, um so viel Seelenadel und Geistesgröße weinen wir, die nun in der Erde modern sollen! Ach, er liebte das Leben, und mit allen Fasern seines großen Herzens hing er an der Natur, qn der Menschheit, an den Menschen. Sein edler Sinn erkannte in Ihnen das Große und Ewige aus aller Vergänglichkeit heraus, und kein peinlicher Erdenrest störte ihm die Harmonie seiner Er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.