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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-07 · Heft 27 (7.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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63. Lahrgang. Nr. 27. ßerlin, 7. Luli 1899. Weikcrge gur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. ££2 Berlin, 4. Juli. Soeben ist Nr. 7 der „Mittheilungen des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" erschienen — auch diesmal wieder reichhaltig interessant und beherzigenswerth! In einem leitenden Aufsatz über „die neue Gemeindevertretung und ihre Aufgabe" wird die gegenwärtige Situation unseres Gemeindelebens klar und sachgemäß beleuchtet. In dem Essay eines jüdischen Theologen über „die Anpassung des Gottesdienstes an die Erfordernisse des täglichen Lebens" werden von sachkundiger Feder die Fragen beleuchtet, die seit langer Zeit alle religiösen Gemüther tief bewegen. Den Vereinsnachrichten entnehmen wir die Mittheilung, daß auch in Köln und in Thorn die Gründung Liberaler Vereine projektirt wird. Es steht zu erwarten, daß die Anschauungen des hiesigen Vereins in immer weitere Kreise dringen und dort das Terrain ebnen werden für den Fortschritt innerhalb des Judenthums. B. Berlin, 4. Juli. In Schöneberg und den angrenzenden Vororten ist in den letzten Jahren die Zahl unserer Glaubensgenossen ständig und sehr erheblich gestiegen; umsomehr wurde das Bedürfniß empfunden, einen religiösen Mittelpunkt zu schaffen, der gleichzeitig die gottesdienstlichen Bedürfnisse befriedigen und den Eltern die Möglichkeit geben sollte, ihren Kindern geordneten und zweckentsprechenden Religionsunterricht angedeihen zu lassen. Diese Situation hat endlich einige eifrige Glaubensgenossen veranlaßt, in Schöneberg zum Donnerstag eine Versammlung einzuberufen, in der über die Gründung eines Religionsvereins debattirt wurde. Da sich bei der Debatte, trotz der auseinandergehenden einzelnen Wünsche, Einstimmigkeit darüber herausstellte, daß ein Religionsverein eine Nothwendigkeit in diesem Stadttheil sei, so konstituirten sich die Anwesenden zu einem solchen Verein und "wählten einen provisorischen Vorstand von 15 Personen. Demselben gehören unter Anderen an die Herren Sanitätsrath Wiener, Dr. Simonsohn, Herzfeld, Schweriner, W. Bambus, Dr. Cohn rc. Der Vorstand wurde beauftragt, ein geeignetes Lokal für die Veranstaltung eines Gottesdienstes für die kommenden hohen Feiertage ausfindig zu machen und der nächsten allgemeinen Versammlung einen detaillirten Plan für diesen Gottesdienst vorzulegen. Außerdem wird der Vorstand einen Statutenentwurf ausarbeiten und die Frage des Religionsunterrichts prüfen. Wir hoffen, daß die Betheiligung für den neuen Religionsverein in Schöneberg und den angrenzenden Vororten eine recht rege sein wird, damit der neue Verein seine schöne Aufgabe vollständig erfüllen kann. S£g Berlin, 3. Juli. Die „Kreuzzeitung" hat es sich natürlich auch diesmal nicht entgehen lassen, die Frequenz der höheren Schulen in Berlin 1898/99 auf die konfessionellen Verhältnisse hin zu untersuchen. Die Absicht, die sie dabei verfolgt, ist mehr als bekannt. Wir entnehmen dem Aufsatz zunächst nur die nachfolgenden statistischen Angaben und setzen in Klammern die Zahlen für 1894/95 daneben: Von den 8335 (8448) Schülern der 17 Gymnasien sind 1967, d. i. 23 pCt. (1864 ----- 22 pCt.) jüdisch. Die 8 Realgymnasien zählen unter 4081 (4470) Schülern 708, d. i. 17,3 pCt. (795 ----- 17,8 pCt.) jüdische, die 2 Oberrealschulen unter 999 (1055) 105, d.i. 10,5 pCt. (115-----10pCt.) jüdische, die 12 (11) Realschulen unter 5227 (4483) 458, d. i. 8,7 pCt. (351 ----- 7,9 pCt.) jüdische Schüler. Dem Rückgang der evangelischen Schüler gegenüber erscheint die Zunahme der jüdischen dem konfessionellen Statistiker „auffallend", obwohl ja auch die katholischen erheblich zugenommen haben. Die Zahl der jüdischen Schüler nämlich ist auf den Gymnasien von 220 auf das Tausend auf 230, den Oberrealschulen von 100 auf 105, auf den Realschulen von 79 auf 87 gestiegen, und nur die Realgymnasien weisen eine Herabminderung von 176 auf 173 auf. Ergötzlich ist nunmehr der statistische Eiertanz, den der Mann aufführt, um den höheren Prozentsatz der jüdischen Schüler so recht ad oculos zu demonstriren. Er sagt nämlich: „Nach der Volkszählung von 1895 kamen in Berlin auf 100 Einwohner 85 Evangelische, 9 Katholiken, 5 Juden, 1 Dissident. Auf den höheren Lehranstalten Berlins hat sich das konfessionelle Verhältniß mithin in staunenswerther Weise zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung verschoben, statt 5 pCt. weisen sie auf den Gymnasien nunmehr schon 23 pCt. auf, und die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, wo hier ähnliche Verhältnisse eintreten wie auf den 7 höheren Töchterschulen, auf denen am 1. Februar 1899 unter 4918 Schülerinnen 3149, d. i. 64 pCt. evangelisch, 71, d.i.1,4pCt. katholisch, 1681, d. i. 34,2 pCt. jüdisch, 17, d.i. 0,4 pCt. dissidentisch waren." Die Perspektive ist in der That eine fürchterliche für ein frommes Kreuzzeitungsgemüth, zumal an Gymnasien der Durchschnittssatz von 23 pCt. sogar bereits überschritten ist, während er allerdings an 9 Gymnasien nicht erreicht ist, und an den Realgymnasien wie an den Oberrealschulen die Zahl der jüdischen Schüler sogar zurückgegangen ist. Auf die Schlußfolgerungen, die der Mann aus diesen Zahlen zu ziehen versucht, kommen wir noch zurück. £2 Berlin, 3. Juli. Am 28. v. M. feierte der Generalpostkassenbuchhalter Rechnungsrath Nathan Cohn sein 50jähriges Amtsjubiläum in dem Dienste der kaiserlichen Post. Geboren in Reisen (Provinz Posen), hatte er schon in frühester Jugend eine besondere Neigung für die Post, für die Vermittlerin des Verkehrs. Er durcheilte die diversen Stadien der Verwaltung; er war ebenso am Schalter thätig wie bei der fahrenden Post beschäftigt. Seit Dezennien ist er nun in der Generalpostkasse angestellt und erfreut sich der Achtung seiner Vorgesetzten und Kollegen. Bor einiger Zeit wurde ihm der Rothe Adlerorden IV. Klasse verliehen, anläßlich seines Jubiläums wurde ihm der Kronenorden III. Klasse zu Theil. In seiner Wohnung erschienen am 28. v. M. seine hohen Vorgesetzten, seine Kollegen und ununterbrochen eine Schaar von Freunden und Bekannten, die diesem Ehrentage nicht fern bleiben wollten. Der Jubilar hat überdies auch noch ganz besondere Verdienste um den Postspar-und Konsumverein, dem er eine rege Thätigkeit zugewandt hat, und der ihn ganz besonders populär machte. Am 1. d. M. vereinigten sich Abends in dem festlich dekorirten Saale der Hauptpost, Artilleriestraße, seine Vorgesetzten Kollegen und Gönner, um den Jubilar zu feiern. Herr Postrath Hoepfner brachte den ersten Toast auf den Kaiser aus, der seine treuen Beamten zu belohnen nie unterlasse. Rath Zielke leerte sein Glas auf das Wohl des Jubilars, der in seiner Wirksamkeit und Bescheidenheit Achtung und Anerkennung gefunden. Der Jubilar dankte mit bewegten und herzlichen Worten für alle Zeichen der Verehrung und betonte, daß seine Vorgesetzten und Kollegen ihm die Berufspflichten stets freudig gestaltet hätten. Es wechselten dann Reden und Gesänge mit einander ab. Jedenfalls bleibt dieser Tag im Gedächtniß des Jubilars haften, dem noch eine reiche Wirksamkeit beschieden sein möge. B. Trg. Berlin, 2. Juli. Berlin ist an absoluter Zahl fraglos die größte Gemeinde Deutschlands, in relativer Hinsicht kann es sich aber mit vielen anderen Gemeinden nicht messen. Denn trotz der 90 000 Juden, die Berlin mit seinen Vororten zählt, kommt immer erst 1 Jude auf 20 nichtjüdische Bewohner. Welches ist aber die relativ stärkste jüdische Gemeinde Deutschlands? Auf diese Preisfrage wird schwerlich Jemand die richtige Antwort wissen. Nur das statistische Jahrbuch des D.-J. G.-B. kann uns zuverlässigen Bescheid geben. Nicht Berlin, sondern Rhina, . Hessen-Nassau, im Rabbinatsbezirk Fulda, behauptet den ersten Rang unter allen deutschen Gemeinden. Unter seinen 563 Einwohnern zählt es 332 Juden. Den 332 Juden Rhinas stehen nur 231 nichtjüdische Mitbürger gegenüber. Hier macht das jüdische Element die ungeheure Mehrheit, nämlich 60pCt., aus. Nächst Rhina ist es Gailingen in Baden, das relativ die größte jüdische Bevölkerung hat. Gailingen hat 965 christliche und 780 jüdische Einwohner. Wie entsetzt müssen unsere Antisemiten die Hände über dem Kopfe über diese Verjudung zusammenschlagen. Andere Leute scheinen keinen Anstoß an dieser That-

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