Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1899)
- Date
- 1899-07-07
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Nie Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. enn es m M zr% XIII. j [cnn es unser Vater erlebt hätte," erwiederte Regina, „würde gesagt habe»: Ich freue mich, daß meine Tochter so viel leisten kan», daß sie wenigstens nicht ganz von Anderen abhängig ist!" „Es wäre ihm gar nicht eingefallen. Ihm war der Gedanke an geldverdienende Frauen entsetzlich. Das wäre Sache des Mannes, pflegte er zu erklären." „Mein Himmel, wenn aber der Mann es nicht kann!" Ihre bisherige, entschloffene Sprechweise machte einem so verzweifelt angstvollen Ausdruck Platz, daß Alphons in heftigem Selbstvorwurf ihre Hand ergriff. „Meine arme, liebe Regina, verzeih', ich war ungeschickt. Ich wollte Dir gewiß nicht wehe thun!" „Das weiß ich, Alphons, Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen. Aber, nicht wahr, Du stehst doch auch selbst auf einem höheren Standpunkt? Du siehst doch in dem, was ich thue, kein Herabsteigen, keine Schande?" „Eine Schande?" Er zog die schmale, zerarbeitete Hand, die er noch immer in der seinen hielt, so ehrerbietig wie die einer Fürstin an seine Lippen. „Wenn e? einen Menschen auf Gottes weiter Welt giebt, den ich hochachte, so bist Du es, Schwester Regina. Aber Du mußt verständig sein. So reibst Du Dich über kurz oder lang vollkommen auf. Und Du mußt Dich für Deinen Mann, für uns alle erhalten. Weiß übrigens Emanuel von Deiner Thätigkeit?" In tödtlichem Erschrecken flog sie zusammen. „Um Gotteswillen, kein Wort zu ihm davon. Er meint, die Zeichen- und Sprachstunden gebe ich zum Zeitvertreib, und — von dem Anderen ahnt er überhaupt nichts.. Aber, Alphons." ihre Stimme wurde fast bittend, „diesen Auftrag hätte ich gern noch ausgeführt. Es ist eine Aussteuer zu sticken —" „Und die stickt nun jemand Anderes fertig. Ueberlaß mir gefälligst alles Weitere." „Weshalb wirklich? Am liebsten ließe ich's beim Alten. Es geht doch so." „Das hast Du mir vorhin schon gesagt. Und ich habe Dir vorhin schon geantwortet, cs geht, bis es eines schönen Tages nicht mehr geht. Kind, Du bist doch noch ganz derselbe Trotzkopf wie früher. Nein, bitte, nimm Vernunft an. Du mußt es uns, Deinen Brüdern und vor allein der Mutter." — er blickte sie eindringlich an, damit, das wußte er, brachte erste am ersten zum Nachgeben, — „erlauben, für das Entsprechende zu sorgen. Bedenke, dies ist das erste Mal, daß sie überhaupt in irgend einer Weise von Dir wieder direkt Notiz genommen hat. Wie würde sie es auffaffen, stießest Dil ihre Hand zurück!" Sie athmete schwer. „Nun wohl, es sei. Und in Emanuels Namen, um seinetwillen vor allem, danke ich Euch für alles, was Ihr thun wollt. Aber sonst, weißt Du, ich gebe manches fast ungern auf. Es ist ja wahr, ich habe mich manchmal rechtschaffen quäle» müssen, um auszukommen. Jedoch zugleich habe ich, seltsam, wie es klingt, in einer Hinsicht noch nie so viel innere Befriedigung empfunden wie gerade i» diesen trüben Tagen." „Das glaube ich gern. Du hast empfunden wie jeder tüchtige Mensch, der etwas leistet." „Ach, was habe ich denn groß gethan? Aber es hat mir den Uebergang hier auch sehr erleichtert, daß ich gar nicht zum Nachdenken kommen konnte." „Es muß doch schrecklich gewesen sein. Armes Kind, armes Kind!" Sie stützte den Kopf auf die Hand. „Ja, es war schrecklich!" sagte sie leise, „obwohl ich hierbei recht gesehen habe, wie viel gute Menschen es auf der Welt giebt. Wie viel Liebe haben wir in unserer alten Heimath sowohl als auch hier, wo uns doch dabei Niemand kannte, erfahren! Aber schwer war es. Hätte ich damals gewußt, Emanuel würde in fünf Monaten wieder so sein, wie er es Gottlob heute in Bezug auf geistige Spannkraft und allgemeine Lebensfrische ist, ich hätte vielleicht den Kopf überhaupt nicht hängen lasten. Aber so! Ein fast blinder, schwer nervenleidendcr Mann, dabei ein Umzug zu bewerkstelligen, eine zusammengebrochene Existenz wieder zurecht zu flicken, es war ein wenig viel. Weißt Du," unterbrach sie sich plötzlich und sah ihn gerade an, — „in jenen Tagen habe ich zuerst empfunden, welcher Segen in aufrichtigem Gottvertrauen liegt. Welche Beruhigung war mir der Gedanke, daß alles doch kommt, wie der Herr es bestimmt hat. Und weißt Du weiter, bei alledem habe ich es damals auch zum ersten Mal schwer empfunden, daß Menschen wie Emanuel und ich", ihre Stimme klang schmerzlich, und sie senkte den Blick, „eigentlich nirgends, in keine Religionsgemeinschaft mehr hingehören." Sie hob entschloffen wieder das Haupt. „Nun, in eine Synagoge hätte ich hier doch nicht gehen können, selbst wenn ich's gewollt hätte, aus dem einfachen Grunde, weil es hier keine giebt. Aber in die Kirche wäre ich beinahe gegegangen!" „Regina!" „Ja, jetzt rufst Du „Regina!" und denkst in Deinem Sinn, die Mutter hatte doch Recht; fällt etwas, so fällt schließlich alles. Beruhige Dich, ich war nicht dort. Und wäre ich hingegangen grenzenlos unglücklich und verlassen, wie ich mich fühlte, so hätte ich es gethan, weil es doch eben Gottes Haus ist. Dann aber machte ich mir klar, daß in dem Sinn Gottes Haus überall ist, daß, wie Emanuels geliebter Spinoza, wenn auch in noch unpersönlicherem, allumfassendem Sinne, als wie ich's meine, sagt, überall Gott ist. Darauf ging ich hinaus in die weite, schöne Natur, die beredter als alle Predigten der Welt von seiner unendlichen Güte spricht. Und das kann ich Dir versichern, getrösteter und beruhigter hätte ich nicht zurückkchren können, hätte ich stundenlang einem feierlichen, regelrechten Gottesdienst inmitten einer zahlreichen Gemeinde beigewohnt." Er neigte zustimmend den Kopf. „Ich verstehe Dich," sagte er bewegt. „Die Hauptsache ist doch eben, Gottes Nähe zu empfinden. Und so schöpfst Du Befriedigung aus Deiner Ueberzeugung bis auf den heutigen Tag?" „Befriedigung, volle Befriedigung? Das ist ein großes, viel umfassendes Wort. Wen ergreift nicht einmal, rückschauend, Sehnsucht nach dem Dahingeschwundenen, nach dem Glauben von einst, nach dem, was in der Jugend war, vielleicht nur, weil es eben die Jugend war, wer weiß? Aber nun genug davon," brach sie kurz ab. Ihr scharfes Ohr hatte aus dem Nebenzimmer schwache Geräusche aufgefangen, die der weniger darauf eingeschulte Alphons nicht beachtet hatte. „Laß Emanuel nichts von alledem hören. Der Gedanke, daß ich mich mit Zweifeln quäle, würde ihn sehr unglücklich machen. Und er trägt ohnehin schwer genug an seinem eigenen Geschick. Uebrigens sind sie drinnen fertig. Ich höre Herrn Fischer aufräumen. Komm mit hinein zu ihm, oder noch besser, ich hole ihn hierher." (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.