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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-07 · Heft 27 (7.7.1899) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
Seite 323 (sequence 11)
Language
German
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323 ermüdete mich bald; denn die reichen Viertel aller großen Städte weisen mehr Aehnlichkeit als Unterschiede auf, und nachdem ich mehrere Tage mit dem Beschauen der Sehenswürdigkeiten zugebracht hatte, beschloß ich, auf Entdeckung der wirklichen Merkwürdigkeiten Londons auszugehen. Ich bestieg den ersten Omnibus, der des Weges kam, überließ die Zügel meines Geschickes den Händen des Kutschers und zog in Gestalt eines kleinen blauen Fahrbillets ein Loos aus der Lotterie meines Schicksals. Ich betrachtete das Stückchen Papier aufmerksam und erfuhr daraus, daß ich mich auf dem raschesten Weg nach „dem Engel" befand, worunter ich klugerweise ein Wirthshaus vermuthete, da ich weiß, daß diese Insulaner keinerlei Poesie oder Phantasie entfalten, außer in Verbindung mit Bier. Meine Vermuthung erwies sich als richtig, und obgleich es Vormittag war, stieg ich aus in einem doppelten Strome von Fußgängern, von welchen der eine Theil in „den Engel" hinein, der andere daraus herausströmte. Nachdem ich mich demselben entzogen hatte, konsultirte ich meinen Kompaß, und der Weisung der Nadel folgend, befand ich mich bald in einem Gewirr unschöner Straßen. Eine Stunde lang schritt ich fürbaß, ohne daß mir etwas Bemerkenswerthes aufgefallen wäre, außer einigen müden Leierkastenmännern, die anscheinend ihren Liebsten mit aufwärts nach deren Fenstern gerichteten Blicken Ständchen brachten, und ich fing an, zu fürchten, mein blaues Loosbillet möchte sich als Niete erweisen, als ein kräftiger Knoblauchgeruch meine Nase traf und mich erinnerte, daß der Spaziergang meinen Appetit geschärft hatte. Seitwärts blickend, bemerkte ich eine Thür, welche in auf Glas gemalten Buchstaben die Inschrift trug: Menottis Restaurant — Ie! ou parlo Frangais. Es war ein absonderliches Haus, und das entlegene Gäßchen, in welches ich gerathen war, gab wenig Aussicht auf eine gute Mahlzeit. Jedoch, das Kleinod einer guten Küche verbirgt sich oft in der einfachsten Umgebung; darum stieß ich die Thür auf und betrat ein enges Zimmer, das mit zerbrochenen Spiegeln und einigen kleinen Tischchen ausgestattet war; ein verdrießlicher Kellner und ein Mann mit einer Wirthsphystognomie beugten sich über ein Sprachrohr. Da es knapp Mittagszeit war, wunderte ich mich nicht, den Ort so gut wie leer zu finden. Nur am äußersten Ende des Restaurants erspähte ich die Gestalt eines dicken Mannes mit grau melirlem Backenbart. Ich gedachte mein Frühstück am gleichen Tisch mit dem einsamen Gast zu nehmen, um seine Bekanntschaft zu machen und vielleicht dadurch in ein Abenteuer zu gerathen. Aber ich hatte mich kaum gegenüber gesetzt, als seine Gesichtszüge sich im Schrecken verzogen. Der Bisten, den er verschlucken wollte, blieb ihm int Halse stecken, er erhob sich unter heftigem Husten, hielt die Hand mit ausgespreizten Fingern vor den Mund, als ob er sein Gesicht verbergen wolle, wandte mir hastig den Rücken, ergriff seinen Hut, warf dem Kellner eine halbe Krone hin und stürzte aus dem Zimmer. Ich war nicht wenig verwundert über diesen plötzlichen Weggang; als ob ich eine ansteckende Krankheit gehabt hätte. Der kurze Augenblick, in welchem ich sein Gesicht hatte sehen können, gab mir die Ueberzeugung, daß er mir niemals vorher begegnet war, daß er in dem Photographiealbum meines Gehirns noch keinen Platz besaß, obschon er von jetzt ab für immer darin untergebracht war. Seine Nase hakte sich mir sofort in der Erinnerung fest. Sicherlich mußte er mich für einen Anderen gehalten haben, für einen, welchen er zu fürchten Ursache hatte. Vielleicht war es ein Verbrecher, und er hielt mich für einen Polizeiagenten. Ich rief den Wirth und erkundigte mich auf Französisch, wer der Mann wäre und was mit ihm los sei. Aber dieser schüttelte den Kopf und erwiederte: „Der Mann ist mir ein Räthsel. Es steckt ein Geheimniß hinter ihm." „Warum? Hat er sich schon früher absonderlich betragen?" „Das nicht gerade." „Was denn?" „Das will ich Ihnen sagen. Er kommt nur einmal des Jahres hierher?' „Einmal des Jahres?" wiederholte ich. „Nur einmal. Und dies schon seit zwölf Jahren." „Was Sie sagen!" murmelte ich. „Es ist die Wahrheit." „Aber wieso können sie sich von einem Jahr zum anderen seiner erinnern?" „Sein Gesicht und sein Gebaren fielen mir schon das erste Mal auf. Er schien ängstlich, aufgeregt, unsicher. Er aß sei» Schnitzel nür zur Hälfte." „Ha!" murmelte ich. „Auch sieht er anders aus wie die meisten meiner Gäste. Die haben einen anderen Typus. Natürlich vergaß ich ihn sofort, was geht er mich an? Aber als er das zweite Mal kam, 'erinnerte ich mich augenblicklich an ihn, trotzdem ein Jahr vergangen war seitdem. Wieder sieht er unruhig, verstört aus. Aha, sagte ich mir, du bist kein glücklicher Mann, dir liegt etwas auf dem Herzen. Aber, dein Geld ist gut, und dich kann im Uebrigen der Teufel holen. So geht's weiter. Nach drei, vier Besuchen fange ich an, ihm aufzupaffen, und ich bringe heraus, daß er mir nur einmal des Jahres die Ehre erweist. Jetzt sind es zwölf Jahre, daß ich ihn kenne, ich habe ihn zwölfmal gesehen." „Und er hat immer dies nervöse Aussehen?" „Nicht immer. Es wechselt. Manchmal scheint er ruhig, sogar glücklich." „Vielleicht hängt das mit Ihrem Esten zusammen," bemerkte ich leichthin. „O nein, Monsieur, das wechselt nicht. Es ist immer von der ersten Güte." „Kommt er stets am gleichen Tage?" „Nein, Monsieur. Das ist das Räthselhaste. Es liegt nie genau ein Jahr zwischen seinen Besuchen, manchmal ist es mehr, manchmal weniger." Das ist in der That ein Räthsel," bemerkte ich. „Wenn es immer der gleiche Tag wäre, könnte es eine Handhabe bieten. Ah, ein Gedanke! Er kommt also nie am gleichen Tag eines Monats, aber kommt er vielleicht am gleichen Wochentage?" Wiederum stieß mich mein Wirth in die Tiefe der Rathlosigkeit zurück. „Nein," sagte er mit Bestimmtheit. „Montag, Mittwoch, Samstag, es ist ihm alles gleich. Das einzige, was nicht wechselt, ist der Mann und sein Kleid. Immer ist's derselbe Frack aus schwarzem Tuch, derselbe Cylinderhut und dasselbe Petschaft an der schweren Uhrkette. Es ist ein reicher Mann, das sieht man." Ich runzelte die Stirn und drehte die Enden meines Schnurrbarts in der Anstrengung eine Lösung zu finden. Der Wirth drehte die Spitzen seines eigenen Schnurrbarts in sympathischem Schweigen. „Entweicht er immer, wenn sich ihm Jemand gegenüber setzt?" fragte ich weiten „Im Gegentheil. Er redet und plaudert ganz ungezwungen mit seinen Nachbarn, wenn welche da sind. Ich habe gesehen, daß sich sein Gesicht erhellte, wenn sich Jemand zu ihm setzte." „Also ist es heute das erste Mal, daß er sich so sonderbar benahm?" „Absolut." (Forts, folgt.)

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