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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-07 · Heft 27 (7.7.1899) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
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WWDMWWWWWWM 321 die Stelle jener gröberen Beschuldigungen getreten sind, uns von der Anzahl nützlicher Bürger auszuschließen und aus dem mütterlichen Schooße des Staates zu verstoßen. Vormals gab man sich um uns alle erstnnliche Mühe, und machte mancherlei Vorkehrungen, uns nicht zu nützlichen Bürgern, sondern zu Christen zu machen, und da wir so hartnäckig und verstockt waren, uns nicht bekehren zu lassen, so war dieses Grund genug, uns als eine unnütze Last der Erde zu betrachten und dem verworfenen Scheusal alle Gräuel anzudichten, die ihn dem Haß und der Verachtung aller Menschen bloßstellen konnten. Itzt hat der Bekehrungseifer nachgelassen. Nun werden wix vollends vernachlässigt. Man fährt fort, uns von allen Künsten, Wissenschaften und anderen nützlichen Gewerben und Beschäftigungen der Menschen zu entfernen, versperrt uns alle Wege zur nützlichen Verbesserung und macht den Mangel an Kultur zum Grunde unserer ferneren Unterdrückung. Man bindet uns die Hände und macht uns zum Vorwurf, daß wir sie nicht gebrauchen." Speziell geht er auf den auch heute ja immer wiederholten Vorwurf ein, die Juden seien nicht „produktiv", sie trieben nur unfruchtbaren Zwischenhandel. „In einigen neuen Schriften findet man den Einwurs wiederholt, „die Juden bringen nichts hervor. Sie sind in ihrer jetzigen Verfassung weder Landbauer noch Künstler und Handwerker, helfen also der Natur nicht in ihrem Hervorbringen und geben auch ihren Produkten keine andere Form, sondern tragen und versetzen bloß die rohen oder verbesserten Erzeugnisse der Länder von einem Ort an den anderen. Sie sind also lediglich Verzehrer, die den Erzeugern zur Last fallen müssen". Ja, ein großer, sonst einsichtsvoller Kopf hat letzthin') laut über den Mißbrauch geklagt, daß der Hervorbringer so viele Zwischenhände zu versorgen, so viele unnütze Mäuler zu ernähren habe! Der gesunde Menschenverstand, meint er, lehre schon, daß die Produkte der Natur und der Kunst vertheuert werden müssen, je mehr Zwischenkäufer dazu kommen, die solche nicht vermehren und doch erhalten werden, also an denselben Antheil nehmen wollen. Er ertheilet also den Staaten den Rath und die wohlmeinende Warnung, entweder die Juden nicht zu dulden oder ihnen Landbau und Handwerke zu erlauben. Das Resultat mag herzlich gut gemeint sein, aber die Gründe sind schwach, die dem Verfasser so einleuchtend und unwiderlegbar scheinen. Was heißt denn nach seinen Begriffen eigentlich Hervorbringer und Verzehrer? Wenn nur Derjenige hervorbringt, der etwas Greifbares erzeugen hilft oder durch seiner Hände Arbeit verbessert, so besteht ja der weit wichtigste und größte Theil des Staates aus bloßen Verzehrern. Der ganze Lehr- und Wehrstand bringt nach diesen Grundsätzen nichts hervor; wenn nicht etwa die Bücher, die von jenem geschrieben werden, eine Ausnahme machen. Beim Nährstande selbst sind zuförderst Kaufleute, Lastträger, Land- und Wasserfahrer abzurechnen, und am Ende wird die Klasse der sogenannten Hervorbringer größtentheils aus Ackerknechten und Handwerksgesellen bestehen, denn die Landeigenthümer und Meister pflegen selten mehr selbst Hand ans Werk zu legen. Sonach bestände der Staat, außer jenem zwar achtungswerthen, aber doch geringeren Theil des Volkes, aus Leuten, die durch ihrer Hände Arbeit die Produkte der Natur weder befördern noch vervollkommnen; also aus bloßen Verzehrern, und wie? also auch aus unnützen Mäulern, die dem Hervorbringer zur Last werden? Hier fällt die Ungereimtheit in die Augen, und da die Folgerung richtig ist, so muß der Fehler in den Vordersätzen liegen. Und so ist es auch! Nicht blos Machen, sondern auch Thun heißt hervorbringen. Nicht nur wer mit Händen arbeitet, sondern überhaupt, wer nur etwas thut, befördert, veranlaßt, erleichtert, das seinem Nebenmenschen zum Nutzen oder Vergnügen gereichen kann, verdient den Namen des Hervorbringers, und er verdient ihn zuweilen um desto mehr, je weniger Bewegung ihr an seinen Extremitäten gewahr werdet. Mancher Kaufmann, der an seinem Pulte Spekulationen macht oder auf seinem Ruhesessel Pläne entwirft, bringt im Grunde mehr hervor, als der Arbeiter und Handwerksmann, der das mehrste Geräusch macht. Der Kriegsmann bringt hervor, denn er verschafft dem Staate Ruhe und Sicherheit. Der Gelehrte bringt hervor, zwar selten etwas, das in die Sinne fällt, aber doch Güter, die wenigstens ebenso schätzbar sind; guter 9 In den Ephemeriden der Menschheit. Rath, Unterricht, Zeitvertreib und Vergnügen. Nur in der Anwandlung einer üblen Laune kann einem weifen Manne wie Rousseau der Einfall entfahren, daß der Bisquitbäcker zu Paris mehr hervorbringe als die Akademie der Wissenschaften. Zur Glückseligkeit des Staates sowie der einzelnen Menschen gehören mancherlei sinnliche und übersinnliche Dinge, körperliche und geistige Güter, und wer zu deren Hervorbringung oder Vervollkommnung auf irgend eine mehr oder entfernte, mittelbare oder unmittelbare Weise etwas beiträgt, der ist kein bloßer Verzehrer zu nennen, der ißt sein Brod nicht umsonst, sondern hat dafür hervorgebracht." Eine andere Schrift: „Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judenthum", 1783 erschienen, erörtert allgemein das Verhältniß zwischen Staat und Religion, um von da nähere Anwendung auf das deutsche Judenthum zu machen. Mendelssohn bekämpft Dohms Vorschläge, wonach den Juden für interne Streitigkeiten noch die Rechtsprechung von Rabbiner und Gemeinde verbleiben sollte. Er will keinen Zusammenhang zwischen Religion und Recht, er wehrt jede Gefahr der Gewissensfreiheit kräftig ab und stellt sich rückhaltlos auf den Boden der unbedingten Rechtsgleichheit zwischen den Bekennern aller Konfessionen. Dieser schöne Kampf, von solchen Männern wie Dohm und Mendelssohn geführt, konnte nicht ohne Erfolg bleiben. Zunächst wirkten diese Bestrebungen auf die Juden selbst, so daß z. B. die 1792 in Berlin gegründete „Gesellschaft der Freunde" neben Wohlthätigkeitszwecken auch „die Beseitigung verschiedener Mißstände und Mißbräuche unter den Glaubensgenossen und die Herstellung einer innigen Verbindung derselben auf der Grundlage allgemeiner Bildung" zum Ziel nahm. Aber auch die liberalen Regierungen Europas — es gab damals solche — verschlossen sich nicht der Wucht solcher Argumente. Reus zählt in seiner Schrift eine Anzahl von Emauzipationsmaßregeln auf, die er mit Dohms That in direkten Zusammenhang bringt. Zunächst verlieh Friedrich Wilhelm II. 1792 einer großen Anzahl von jüdischen Familien, die sich durch geistige und sittliche Bildung auszeichneten, das volle preußische Staatsbürgerrecht, der wichtigste vorbereitende Schritt. Allgemein werden sodann eine Anzahl besonders bedrückender Judengesetze aufgehoben, besonders auch das über die solidarische Haftwlg der Juden. Andere Staaten folgten: Mecklenburg-Schwerin (1812), Rußland (1805), Baden (1809), Baiern (1813), Dänemark (1814); die Niederlande waren schon 1796 den meisten übrigen Ländern vorausgeeilt. „Sämmtliche angeführten Gesetze", sagt Reus, „fußen auf dem Grundsätze, daß die israelitischen Unterthanen der betreffenden Staaten als Landeskinder zu betrachten und daß ihnen alle erlaubteu Erwerbszweige zu eröffnen seien." Die wichtigste Fortsetzung und Vollendung fand aber das durch Dohm begonnene Werk in Preußen durch Wilhelm v. Humboldt. Viel bedeutender als der Autor der „Denkwürdigkeiten", hatte Humboldt doch eine ganze Reihe von Eigenschaften mit ihm gemein, Gelehrter und Staatsmann, Weltbürger und Patriot, Schriftsteller und Praktiker wie er, vor allem wie er erfüllt von dem Geist der edelsten Aufklärung. Ihm siel die Aufgabe zu, in einer Denkschrift über die Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden Dohms Grund- Me noch einmal siegreich zu vertheidigen und durchznführen. Er und die Räthe seines Ressorts wurden 1808 zu Gutachten betreffs Entwersung eine,r neuen Konstitution für die jüdischen Gemeinden in den preußischen Staaten aufgefordert. Humboldt geht von den größten Gesichtspunkten aus. Er schildert die „kirchlich-welthistorische und so merkwürdige Erscheinung" der Juden. Er sieht die Verschmelzung derselben mit den übrigen Bürgern als das selbstverständliche Ziel an. Doch ein einzelner Staat allein werde das nie erreichen. Je inniger die Gesetzgebung die Verschmelzung mache,

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