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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-07 · Heft 27 (7.7.1899) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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320 handelt werden müsse, und sträubt sich gegen die Mitwirkung bei Beisetzung einer Urne. Guttmann hält es selbstverständlich für erlaubt, Urnen auf dem Friedhofe beizusetzen, will aber die Rücksicht auf extreme Wünsche nicht zu weit getrieben wissen, um nicht positive Elemente zu verletzen. Die Begleitung der Leiche weist er grundsätzlich ab, aber auch die Mitwirkung bei der Trauerfeier erscheint ihm prekär. Elsaß erklärt sich rückhaltlos für die Mitwirkung, ebenso Bloch, Vogelstein und Winter — mit der oben vermerkten Einschränkung — und berichten Fälle aus ihrer Praxis. Plaut macht darauf aufmerksam, daß es nicht ausschließlich die Irreligiösen seien, welche die Feuerbestattung wünschen; vielfach sei das Motiv die Furcht vor dem Scheintod. Rahm er wendet sich gegen Guttmann; die Leichenrede werde zu Ehren der Lebenden gehalten. Nach kurzer Debatte, in der Guttmann auf seinem Standpunkt beharrt, findet die Abstimmung statt. Folgender Antrag wird fast einstimmig angenommen: „Die Leichenverbrennung entspricht nicht dem altüberlieferten jüdischen Herkommen. Es ist die Pflicht der Rabbiner, für die Aufrechthaltung der hergebrachten Sitte einzutreten. Indessen soll der Rabbiner bei den zur Verbrennung bestimmten Leichen der an ihn ergangenen Aufforderung Folge leisten und die religiöse Mitwirkung durch Betheiligung an der Trauerfeier nicht versagen." Blochs Vortrag, „Neues über David Friedländer", wird wegen der vorgerückten Tageszeit von der Tagesordnung abgesetzt und soll in der nächsten Hauptversammlung gehalten werden. Antrag Walter, Ehescheidung betreffend, wird ebenfalls auf die Tagesordnung der nächsten Zusammenkunft gesetzt. Durch Zuruf wird der alte Vorstand wiedergewählt, nämlich: Vogelstein als Vorsitzender, Guttmann, Winter, Plaut und Steckelmacher als Vorstandsmitglieder; ebenso auch die Stellvertreter Bloch, Rülf, Freudenthal. Schluß 6% Uhr. Frankfurt a. O., 11. Juni. (gez.) Hochfeld. Christian Wilhelm Nahm. Von Dr. Richard M. Meyer. II. ^egen Michaelis trat nun kein Geringerer als Moses Mendelssohn in die Schranken. Dohm druckt die Anmerkungen des „würdigen Herrn Verfassers" zu Michaelis Rezension im zweiten Theil seiner Schrift ab. Neben der Abwehr der aus der Kriminalstatistik — ohne Berücksichtigung der Vertheilung der Berufsarten! — gezogenen Schlüsse interessirt besonders ein Pasius gegen den so unvermuteterals unerfreulicherweise wieder heute auftauchenden Zionismus: „Die gehoffte Rückkehr nach Palästina, die Herrn Michaelis so besorgt macht, hat auf unser bürgerliches Verhalten nicht den geringsten Einfluß. Dieses hat die Erfahrung von jeher gelehrt, an allen Orten, wo Juden bisher Duldung genossen. Es ist eines Theils der Natur des Menschen gemäß, der, wenn er nicht Enthusiast ist, den Boden liebt, auf welchem ihm wohl ist, und wenn seine religiöse Meinungen dawider sind, diese für die Kirche und die Gebetsformeln verspüret, und weiter nicht daran denkt; andern Theils aber der Vorsorge unsrer Weisen zuzuschreiben, die uns das Verbot im Talmud sehr oft eingeschärft, an keine gewaltsame Rückkehr zu denken; ja ohne die in der Schrift verheißene große Wunder und außerordentliche Zeichen, nicht den geringsten Schritt zu thun, der eine gewaltsame Rückkehr und Widerherstellung der Nation zur Absicht hätte. Dieses Verbot haben sie auf eine etwas mistische, doch sehr einnehmende Weise, durch den Vers im Hohenliede ausgedrückt, (Kap. 2, B. 7, und Kap. 3, V. 5.): Ich beschwöre Euch, Töchter Jerusalems! Bey den Hirschen, Bey den Hinden des Waldes, Daß ihr nicht wecket Und nicht rege machet Die Liebe, Bis es ihr gefällt. Daher sind auch alle Anschläge, die die Projeetmacher, Langallerie u. a. seines Gelichters auf die Beutel der reichen Juden gehabt haben, noch immer ohne Wirkung, und wenn sie selbst auch anders ausgesagt haben, leerer Wind gewesen." Auch Dohm selbst nimmt in jenem zweiten Theil zu der Frage der Rückkehr nach Palästina Stellung. „Man verwandle nur den Zustand des Elends und der Unterdrückung in Glück nnd Wohlstand, man mache die gegenwärtige Lage angenehm; man knüpfe dadurch die Herzen der Unterthanen an den Staat: so werden sie nicht mehr verlangen, gerettet zu werden, und den verheißenen Heiland nach und nach ganz vergessen. Der sicherste Weg, den Aufruhr ganz zu verhindern, ist — gut zu regieren." Im Uebrigen betont er nochmals, daß er keine persönliche Vorliebe für die Juden hege, und erörtert eine Reihe von Einwendungen betreffs des Zunftwesens, der Eidesnoth u. s. w. im fortschrittlichen Sinn. Als einen Anhang zu Dohms Schriften ließ der berühmteste Vorkämpfer der deutschen Israeliten 1782 eine Uebersetzung der Schrift „Rettung der Juden" erscheinen, die der vielgefeierte Rabbi Manaffeh ben Israel aus den Niederlanden einst dem Protektor Oliver Cromwell eingereicht hatte, um die erneute Zulassung der Juden in England zu befürworten. Er eröffnet seine Vorrede mit einem warmherzigen Dank an den christlichen Vorkämpfer der Judenbefreiung, indem er die Bedeutung von Dohms Thal nachdrücklich und klar hervorhebt: „Dank sey es der allgütigen Vorsehung, daß sie mich am Ende meiner Tage noch diesen glücklichen Zeitpunkt hat erleben lassen, in welchem die Rechte der Menschheit in ihrem wahren Umfange beherziget zu werden anfangen. Wenn bisher von Duldung und Vertragsamkeit nnter den Menschen gesprochen ward, so war es immer die schwächere, bedrückte Partei, die sich unter dem Schutze der Vernunft und der Menschlichkeit zu retten suchte. Der herrschende Theil hatte entweder für beide keinen Sinn oder stützte sich auf die leider! allgemeine Erfahrung, daß der schwächere Theil an allen Orten, wo er Macht und Gelegenheit dazu hat, es nicht besser machen würde, und gründete hieraus den Argwohn, daß man ihm nur das Heft aus den Händen zu winden suche, um die Spitze wider ihn selbst zu kehren. Man schien nicht zu überlegen, daß dieser Argwohn nothwendig Haß und Zwiespalt unter den Menschen verewigen müsse, und daß der Geist der Versöhnung sowohl als die Liebe, vom stärkeren Theil die ersten Schritte fordert. Dieser muß sich seiner Ueberlegenheit entäußern und anbieten, wenn der schwächere Theil Zutrauen gewinnen und erwiedern soll. Ist es Zweck der Vorsehung, daß der Bruder den Bruder lieben soll, so ist es offenbar die Pflicht des Stärkeren, den ersten Antrag zu thun, die Arme auszustrecken und wie August zu rufen: „Laß uns Freunde seyn!" — Er wirft dann einen Rückblick auf die Verfolgungen früherer Zeiten und macht hierbei die auch heute noch geltende Bemerkung, wie die Unterdrückung der Juden jedesmal von den Zeitverhältnissen neue Scheingründe, neue Befestigungen des alten Vorurtheils zu borgen weiß: „Merkwürdig ist es, zu sehen, wie das Vorurtheil die Gestalten aller Jahrhunderte annimmt, uns zu unterdrücken und unserer bürgerlichen Aufnahme Schwierigkeiten entgegenzusetzen. In jenen abergläubischen Zeiten waren es Heiligthümer, die wir aus Muthwillen schänden, Kruzifixe, die wir durchstechen und bluten machen, Kinder, die wir heimlich beschneiden und zur Augenweide zerfetzen, Christenblut, das wir zur Osterfeier brauchen, Brunnen, die wir vergiften u. f. w. Unglaube, Verstocktheit, geheime Künste und Teufeleien, die uns vorgeworfen, um deretwillen wir gemartert, unseres Vermögens beraubt, ins Elend gejagt, wo nicht gar hingerichtet worden find. Jetzt haben die Zeiten sich geändert; diese Verleumdungen machen den erwünschten Eindruck nicht mehr. Itzt ist es gerade Aberglaube und Dummheit, die uns vorgerückt werden; Mangel an moralischem Gefühl, Geschmack und feinen Sitten; Unfähigkeit zu Künsten, Wissenschaften und nützlichen Gewerben, hauptsächlich zu Diensten des Krieges und des Staates; unüberwindliche Neigung zu Betrug, Wucher und Gesetzlosigkeit, die an

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