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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-07 · Heft 27 (7.7.1899) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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MDMWWMMWWWMMNMWWSMWMNWN'°S 315 Ungefähr dasselbe, was unter den mitteldeutschen Kleinstaaten Weimar, ist unter den süddeutschen in Bezug auf die Behandlung der Juden vor dem Gesetz Hessen. Wie das Gesetz, nach dem die Befähigung zur Theij.uahine an der Gemeinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Aemter vom religiösen 'Bekenntniß unabhängig sein soll, in Heffen seine Anwendung findet, beweist die schon früher einmal in der „Frankfurter Zeitung" hervorgehobene Erscheinung, daß nicht ein einziger Jude als Richter oder Staatsanwalt Anstellung gefunden hat. Ein Borfall aus neuester Zeit zeigt, daß auch der Jnstizminister Dittmar diesen dem Gesetz hohnsprechenden Zustand erhalten und erweitern will. Ein junger jüdischer Gerichtsaffeffor, der das beste Ansehen genießt, und dem man nichts vorwerfen kann, meldet sich zu dem schweren und verantwortungsvollen Amt eines — — — — Hilfsgerichtsschreibers. Herr Dittmar schlägt es dem Petenten rundweg ab, ihn in den Staatsdienst aufzunehmen, und begründet dies damit, daß der antisemitische Theil der Bevölkerung an der Anstellung eines Juden Anstoß nehinen würde. Die gleiche Rücksicht, die der Herr Minister auf den ihm anscheinend kongenialen Theil der Bevölkerung nimmt, läßt er der jüdischen Bevölkerung nicht zu Theil werden, denn er stellt ganz ruhig Herren, deren extrem-antisemitische Gesinnung ihm und der Bevölkerung bekannt ist, in Orten mit starker jüdischer Bevölkerung als Einzelrichter an. Der Großherzog von Heffen hat kürzlich gegenüber der Weinsteuerdeputation seiner streng konstitutionellen Gesinnung Ausdruck gegeben. Es scheint, daß der Fürst von den Thatm seines Justizministers nichts erfahren hat. * In Belgien hat die klerikale Partei einen Sturm des Volkszornes heraufbeschworen. Sehr charakteristisch für diese Partei ist die folgende Aeußerung des belgischen Führers der Progressisten Dr. Lorand: „Eine eigentlich antisemitische Partei giebt es in Belgien nicht, doch vertreten viele Extrem-Klerikale der Majorität den Antisemitismus. Die Regierung hat selbst mehreren Juden die Naturalisation verweigert, was in Belgien vorher nie der Fall war. Ich habe in der Kammer gegen diese Ungerechtigkeit protestirt, und man hat meine Stimme hören müssen." * Kapitän Dreyfus ist nun wieder in Frankreich. In der Nacht zum 1. d. M. ist er auf dem Boden der Heimath angelangt. Von der politischen Seite der „Affäre" hinweg wendet sich die rein menschliche Theilnahme vor allem dem ersten Wiedersehen zwischen Dreyfus und seiner hochsinnigen, tapferen Frau zu. Mit welchen Gefühlen muß die leidgeprüfte Frau, deren ausdauernder Treue Dreyfus in erster Reihe die Revision des Prozesses von 1894 zu danken hat, den vorzeitig zum Greise gewordenen Gatten wiedergesehen haben, den sie vor vier Jahren in blühender Jugendkraft scheiden sah, welch eine Welt schmerzlicher und freudiger Empfindungen muß ans den Heimgekehrten eingestürmt sein, als er zum ersten Male wieder seine treue Gefährtin, die Mutter seiner zärtlich geliebten Kinder umfing! Wer die Briefe Alfred Dreyfus' aus den Tagen seines Martyriums auf der Teufelsinsel gelesen hat, weiß, welch' inniger Familiensinn in diesem Manne lebt, der immer und immer wieder nach Gerechtigkeit schrie, weil er seiner Frau, seinen Kindern, seiner Familie, die wiederzusehen er mehr und mehr verzagte, wenigstens einen unbefleckten Namen hinterlaffen wollte. Dieser Wunsch ist ihm durch die Feststellungen des Höchsten Gerichts bereits erfüllt, darüber hinaus hat ihm ein gütiges Geschick die Freude des Wiedersehens mit den Seinen auf dem Boden des geliebten Vaterlandes gewährt, und trotz aller Gefahren, die ihn auch jetzt noch umlauern, bleibt die Hoffnung aufrecht, daß ihm auch die formelle Genugthnung für das ihm angethane schwere Unrecht geboten werden wird. * Sehr interessant und zugleich eine drastische Illustration zu unserem Leitartikel ist ein Bericht, den das „Berliner Tageblatt" aus New-Iork über amerikanische Judenbekehrung bringt. Es heißt da: „An die jüdische haute volee, die übrigens mit Deutschen und Amerikanern vielfach verschwägert ist und auch in vielen deutschen Vereinigungen das stärkste Kontingent stellt, wagt sich natürlich der Bekehrungseifer nicht heran, sondern ausschließlich an die Bewohner des „Ghetto", Bewohner, die ohnehin aus ihren engen Gassen vor einer Invasion schwer flüchten können. Der „Evangelist", der sich gedrungen fühlt, diesen Ungläubigen zur Bekehrung zu verhelfen, ist ein wohlhabender Philanthrop Namens Wilson Dunlay, der als rheumatisch gelähmt bei seinen Missionsfahrten stets im Wagen sitzt und mit seinem Stock, den er allen Störern seines frommen Werkes drohend entgegenstreckt, ein höchst eigenthümliches Bild abgiebt. Da Dunlay seine Bekehrungsreden nicht gut im Sitzen abhalte» kann, so hat er sich in der Person eines zum Katholizismus übergetretenen Juden Namens Jakob Lemberger einen Gehilfen angenommen, der für ihn selbst das Wort führen soll. Am 17. und 18. Juni wurden die wichtigsten Straßen des „Ghetto" mit einem Besuche beehrt. Die Missionare hatten sich noch zwei hübsche weiße und ein farbiges junges Mädchen mitgedracht, die auf dem Kampagnewagen Gesänge anzustimmen hatten. Aber selbst der Anblick dieser holden Weiblichkeit übte auf die Bekenner des Alten Testaments nicht den von den Unternehmern des Bekehrungsfeldzuges gehofften Einfluß aus. Eine drastische Szene spielte sich in der Rivingtonstraße ab, wo eines der weißgekleideten Mädchen, die durch einen Wurf von Melonenschalen über und über befleckt worden war, plötzlich vom Wagen herabsprang und, rechts und links Püffe austheilend, hinter einem Talmudschüler herlief, den sie für den Schützen hielt. Die Massen belästigten die eifrige „Evangelistin" weiter nicht, aber es gelang ihr trotzdem nicht, in dem Gedränge des wirklichen oder vermeintlichen Uebelthäters habhaft zu werden. Der Tumult im Ghetto war während der Dunlay-Lemberger'schcn Expeditionen ein so großer, daß sich Bürgermeister Ban Wyk veranlaßt sah, den beiden Missionaren die Erlaubniß zum Predigen auf offener Straße zu entziehen. Die Betreffenden find darüber nicht wenig entrüstet, die öffentliche Meinung steht indessen entschieden auf Seiten der Behörde, indem man in derartigen öffentlichen Bekehrungsversuchen im Großen eher einen Unfug als ein frommes Werk zu erblicken geneigt ist. Inzwischen hat der „Newyorker Herald" festgestellt, daß der Judenmissionar Dunlay ein Philanthrop ganz eigener Art, nämlich ein — gefährlicher Halsabschneider ist! Im Frühjahr 1894 stand er in Philadelphia unter nicht weniger als 45 Wucheranklagen, und wurde nur seines gelähmten Zustandes wegen von seiner Verhaftung abgesehen. Einer der von ihm „philanthropisch" Behandelten mußte zum Beispiel für ein Darlehen von 25 Dollars wöchentlich 3,75 Dollars Zinsen zahlen. Jede Verspätung in Ablieferung der Wochenzinsen, und wäre es nur um eine Viertelstunde gewesen, kostete einen Dollar Strafe. Auf diese Weise bezog Duulay von seinem Opfer nicht weniger wie 720 Prozent Zinsen! In einem anderen Falle ruinirte der Ehrenmann eine Familie, die ein Darlehen von 25 Dollars nicht pünktlich zurückzahlen konnte, indem er ihre sämmtlichen Möbel wegnahm. Es gelang Dunlay auf dem in Amerika nicht ungewöhnlichen Wege, sich sämmtliche Ankläger vom Halse zu schaffen. Seitdem nimmt er „nur" den für Pfandleiher gestatteten Zinsfuß von 12 Prozent und benutzt einen Theil seines Sündengeldes gewissenhaft zu — Judenbekehrungen. Da seine öffentlichen „Ghetto"- Misstonen jetzt zu Ende sind, wird er jetzt Sonntagsschulen für Judenkinder einrichten. Eine Düte Bonbons für jedes Kind dient dabei als Lockspeise! v Es ist wenig bekannt, daß in Transvaal die Juden außer unter denselben Ungleichheiten wie die Ausländer überhaupt noch unter besonderen Beschränkungen leiden, die den nichtchristlichen Re-

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