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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-07 · Heft 27 (7.7.1899) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 und es ist daher ein Spiel der Phantasie, wenn de le Roi annimmt, in Oesterreich seien in diesem Jahrhundert 34000 Juden Christen geworden. Kann sein, kann auch nicht sein, man hat eben keine Ziffern! Aus Ungarn weiß man ebenfalls sehr wenig, sicher ist nur die bemerkenswerth niedrige Ziffer von 220 Taufen im Jahre 1897 bei ca. 725000 Juden. Für Großbritannien hat de le Roi einen Stützpunkt für seine Berechnung, er kann nämlich konstatiren, daß in allen Missionen insgesammt 3500 Juden getauft wurden — wohlgemerkt, in einem Jahrhundert — in England und Schottland, dem gepriesenen Lande der Missionen. Ganz ohne Grundlage aber ist die Behauptung, daß außer diesen 3500 noch 20000 Taufen vorgekommen seien, denn auch nicht eine Ziffer liegt vor, auf die sich diese Angabe stützt. , Genau gleich liegen die Dinge in den anderen Ländern unseres Welttheils, sowie Asiens und Amerikas, denn auch aus diesen liegen nur Ziffern über die Thätigkeit der Missionsgesellschaften vor, und diese geben gar keinen Anhalt über die Gesammtzahl der Taufen. Eine Ausnahme macht nur Rußland. Hierüber bringt de le Roi neue amtliche Ziffer», die sehr werthvoll sind. Danach sind zUr griechisch-orthodoxen Kirche übergetreten: 1836 : 322 1851: 2150 1867 : 511 1883: 461 1837: 360 1852 : 960 1868 : 472 1884: 570 1838: 385 1853: 1585 1869 : 486 1885: . 562 1839: 351 1854: 4439 1870 : 489 1886 : 700 1840: 554 1855: 2320 1871 : 544 1887: 800 1841 : 695 1856 : 1320 1872 : 410 1888: 952 1842 : 741 1857 : 1002 1873 :493 1889 : 710 1843: 1846 1858 : 659 1874: 427 1890: 953 1844 :1170 1859: 576 1875 : 430 1891: 1178 1845: 2189 1860: 433 1876:450 1892 : 417 1846:1921 1861: 427 1877 : 433 1893: 1420 1847 : 1297 1862 : 378 1878 :463 1894: 1254 1848 : 2446 1863: 352 1879 :510 1895 : 1102 1849 : 1829 . 1864 : 458 1880 : 398 1896: 901 1850 : 1274 1865: 404 1881 : 572 1897 : 873 1866 : 437 1882 : 610 - Wer sieht nicht in diesen 62 Jahren deutlich die Stufenleiter der Ncgierungssysteme Rußlands, unter denen die dortigen Juden zu leiden hatten. Zeigen die 40 er und die erste Hälfte der 50er Jahre die Wirkung der Zwangstaufen Nikolaus I., zeigen die folgenden 30 Jahre in der sinkenden Taufziffer das mildere Regierungssystem Alexander II., so steigt unter dem Regime Alexander III. (Pobedonoszew) die Taufziffer von Neuem, um dann in den letzten Jahren wieder ein wenig zu fallen. Da diese 62 Jahre schon 58582 Taufen aufweisen, da zudem die Uebertritte zur protestantischen und katholischen Konfession hinzugerechnet werden müssen, erscheint es wohl glaublich, daß die Millionen russischer Juden während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts an alle christlichen Konfessionen ca. 85000 Seelen verloren haben, ja, wir müffen sagen, daß gegenüber dem furchtbaren Druck, den die russischen Inden zu erleiden hatten und noch zu.erleiden haben, der Verlust nicht sehr groß erscheinen (omt. Wenn schließlich de le Roi die Gesammtziffer der Verluste, die Israel an das Christenthum in diesem Jahrhundert erlitten hat, auf 224000 Seelen berechnet, so müssen wir diese Ziffer als übertrieben bezeichnen und glauben, daß schon 150000 als sehr Hoch gegriffen gelten kann, aber es ist selbstverständlich, daß das Judenthum auch diesen Verlust sehr schwer empfinden muß. Ganz falsch dagegen ist es, zu glauben, daß sich unser Jahrhlmdert durch besonders häufigen Abfall auszeichne. Seitdem die Juden in allen Ländern der Erde leben, hat bald hier, bald dort der Druck der feindlichen Mächte immer aufs Neue größere Grrippen des Judenthums adgesprengt; man denke z. B. an die Zwangstaufen in Spanien im fünfzehnten Jahrhundert; auch innerer Zwist und versuchte. Sektenbildung ist immer nach dieser Richtung hin wirksam gewesen, so z. B. die Bewegung von Sabbatai Zewi, von Frank rc. Pastor de le Roi bemüht sich natürlich, die große Zahl der Taufen zu fruktifiziren, um die werbende Kraft der christlichen Religion zu beweisen! Wir möchten ihm die Frage vorlegen, ob er im Ernst glaubt, daß die Zwangstaufen junger Kinder unter Nikolaus I. etwas für den Werth des Christenthums beweisen können. Oder sollen es die Prämien sein, die der Staat in Form von Offizierspatenten, Profefforensitzen, Beamtenstellungen auf den Uebertritt zum Christenthum aussetzt? Wie viel der Taufen kommen denn auf die Wirksamkeit der zahllosen Missionsgesellschaften, die hundert Jahre lang arbeiten, um die Juden von dem Werthe der christlichen Religion zu überzeugen? Kaum 12—15 000 Seelen haben die Missionare in diesem langen Zeitraum dem Christenthum gewonnen, und wie viele von diesen Renegaten haben sich aus Ueberzeugung taufen kaffen? Gäbe uns der Staat nur völlige Gleichberechtigung, ließe die Gesellschaft ihre Exklusivität gegen die Juden fallen, wahrlich, aus den 224000 Taufen würden wenige Hunderte werden, oder sie würden vielleicht ganz aufhören. Zur Ehre gereichen diese Hunderttausende von Taufen den Täuflingen, die Eigennutzes halber einen Meineid leisten, wahrlich nicht, aber noch weniger der Religion und den Staaten, die diesen Meineid durch allerlei Belohnungen fördern, Man gebe uns nur völlige Gleichberechtigung, freies Spiel unserer Kräfte — und das Judenthum wird zeigen, daß es sich vor der Konkurrenz anderer Religionen nicht zu fürchten hat. Berlin, 5. Juli. fas Kapitel von den Namensänderungen bildet bekanntlich eine stehende Rubrik in den antisemitischen Blättern' Jntereffant ist nun aber die folgende Thatsache: Dem Gastwirth Michael Sch mul in Ocwieco, Kreis Znin, ist nebst seiner Frau und fünf minderjährigen Kindern die Führung des Namens Steinhardt gestattet worden. Ob dieser Sünde Wider den Aniisemitismus ist die „Deutsche Tageszeitung" ganz außer sich, und in ihrem Zorn eifert sie: „Der Name Steinhardt ist durchaus deutsch, und der Zweck der Aenderung besteht natürlich nur darin, den Glauben zu erwecken, als ob die Familie Schmul germanischen Ursprungs wäre. Wir stnd sehr begierig» zu erfahren, auf welche Weise der Regierungspräsident in Bromberg, zu dessen Bezirk Znin gehört, das Eingehen auf die Schmnlschen Wunsche rechtfertigen könnte." Regierungspräsident von Bromberg ist Herr von Tiedemaun, dessen Rücktritt vom Amte am 1. Juli im Osten so sehr bedauert wird. Die Agrarier freilich sehen ihn nicht ungern scheiden, denn Herr von Tiedemann kennt als Beamter weder Ansehen noch Person, weder Partei noch Konfeffion. Es ist zu verstehen, daß das Bündlerblatt glaubt, ihm noch im letzten Augenblick einen Fußtritt versetzen zu sollen! Das Jntereffanteste aber an der Sache ist der Umstand, daß der Name Steinhardt so lange schon in jüdischen Familien geführt wird, als die Juden in Deutschland überhaupt Familiennamen tragen. Einer der bekanntesten orthodoxen Rabbiner des vorigen Jahrhunderts war Rabbi Mendel Steinhardt in Fürth. Was wird die „Deutsche Tageszeitung" nun sagen? *

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