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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-07-07 · Heft 27 (7.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 27. Allgemeine Berlin, 7. Inli 1899. eitung öes Dudentbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Nabbtner J9*. Ludwig Philippson-Äom». Verlags-Grpedrtion: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin | SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moste, Berlin. I Leitartikelr Audentaufen im neunzehnten Jahrhundert. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Protokoll der ersten Hauptversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands. — Christian Wilhelm Dohm. II. Von Dr. Richard M. Meyer. — Feuilleton; Der seltsame Gast. Erzählung von I. Zangwill. — Die Abtrünnige. XIII. Eine Erzählung von Paula Fab er. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Breslau, Aus der Provinz Posen^ Aus Westpreutzen, Löbau i. Westpr., Hamburg, Frankfurt a. M., Fürth, Wien. London. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Iudentaufen im neunzehnten Jahrhundert Berlin. 5. Juli. (cjSSlaS scheidende Jahrhundert hat schon so viele Arten von Rück- .|^f blicken auf den Lauf der letzten hundert Jahre veranlaßt, daß auch eine Ueberstcht über die Verluste, welche die jüdische Gemeinschaft durch den Uebertritt einiger ihrer Glieder zum Christenthum erlitten hat, in einem jüdischen Organ ganz am Platze sein mag. Der bekannte Missionshistoriker Lic. Joh. de le Roi hat alles darauf bezügliche Material in zwei Artikeln im „Nathanael" vereinigt, die soeben als Separatabdruck erschienen sind. Freilich hat er das vorhandene Material, wo dasselbe nicht ausreichte oder lückenhaft war, einfach durch mehr oder minder sichere Schätzung ergänzt, auf die wir noch später zurückkommen werden, so daß seinGesammtbild ein durchaus unsicheres ist und zu Schlüssen nicht benutzt werden kann. Wohl aber find Vergleiche auch auf Grund der sicheren Materialien möglich, die interessant genug sind. Beginnen wir mit einer kurzen Ueberstcht der einzelnen Länder. Von Deutschland giebt es eine recht erhebliche Anzahl sicherer Ziffern, besonders für die evangelische Kirche Preußens, und einzelne Lücken können durch zuverlässige Kombinationen ergänzt werden. Im Allgemeinen glaubt man, daß das Wiederaufleben des Antisemitismus den inneren Zusammenhang des Judenthums gefestigt habe. Dies mag wahr sein, allein jedenfalls hat es auch zu einer Steigerung der Abfälle geführt, denn während in den Jahren 1872—79 in den alten Provinzen Preußens nur 65 Taufen pro Jahr vorkamen, stieg die Zahl derselben bis auf 348 im Jahre 1888 und sank seitdem wieder ein wenig, auf 312 im Jahre 1896 und 299 im Jahre 1897. Mit Hilfe einiger Kombinationen kommt .de le Roi zu dem Resultat, daß im ganzen 19. Jahrhundert in Preußen 13128 Taufen vorkamen, von denen ca. 5600 allein auf Berlin kommen, d. h. ca. 38pCt., obwohl die Berliner jüdische Gemeinde im Durchschnitt des Jahrhunderts nur y8—Vio der preußischen Judenheit gebildet hat. Auch aus BreSlau liegen Zahlen vor, die eine un-- gewöhnlich hohe Taufziffer erweisen, während die von Frankfurt am Main vorhandenen Ziffern sehr niedrig sind. Sehr bemerkenswerth ist die hohe Ziffer der Uebertritte in Sachsen. Obwohl die Zahl der dortigen Juden im Durchschnitt des Jahrhunderts nur ca. 5000 Seelen betrug, erreicht die Taufziffer die enorme Höhe von 770 Personen. In den Jahren 1889—97 wurden 217 getauft von einer Seelenzahl von 9368 Juden, fast doppelt so viel als im Verhältniß selbst in Berlin, ein Zeichen, daß in Sachsen die religiösen Verhältnisse unserer Glaubensgenoffen gar sehr im Argen liegen müffen, und religiöse Gleichgiltigkeit noch weiter vorgeschritten sein muß als selbst in Berlin. Dagegen sind in Baiern und Württemberg verhältnißmäßig wenig Taufen vorgekommen, von Baden liegen gar keine, von Heffen nur ganz ungenügende Ziffern vor. Bon den übrigen deutschen Staaten sind nur zwei noch von Bedeutung für uns, Elsaß-Lothringen, von dem nur ungenügendes Ziffernmaterial vorhanden ist, und Hamburg, das eine sehr hohe Ziffer aufweist, nämlich für die Zeit von 1881— 94 durchschnittlich 24 Dausen pro Jahr, und damit dem Durchschnitt von Berlin gleichkommt. Gar keine Ziffern liegen bezüglich der Uebertritte zur katholischen Kirche vor, denn diese führt oder veröffentlicht keine Taufregister, aber wir haben keinerlei Grund, anzunehmen, daß die Zahl der Taufen von Juden nach katholischem Ritus eine große wäre. De le Roi rechnet im Ganzen Uebertritte zur evangelischen Kirche in ganz Deutschland 17520, zur katholischen Kirche 5000 Personen. Im Großen und Ganzen beruhen seine Schätzungen auf zuverlässiger Grundlage bei den Angaben ans der protestantischen Kirche, dagegen sind sie bei anderen christlichen Konfessionen rein willkürlich und sicher zu hoch gegriffen, denn in den katholischen Theilen Deutschlands wohnt nur etwa der vierte Theil der deutschen Juden, und selbst in diesen Landestheilen kommen eher mehr als weniger Taufen nach protestantischem als nach katholischem Ritus vor. Wir werden daher vollkommen genügend rechnen, wenn wir annehmen, daß von den deutschen Juden im Laufe dieses Jahrhunderts ca. 20000 die Taufe nahmen, eine Ziffer, die wahrlich hoch genug ist, wenn sie auch noch bei Weitem nicht eine Zerbröckelung des deutschen Judenthums vorstellt, wie de le Roi annehmen möchte. Standen wir aber in Deutschland noch auf dem Boden zuverlässiger Ziffern, so begeben wir uns nun auf das Gebiet der Konjekturalpolitik, sobald wir über die Grenze gehen. In Oesterreich- Ungarn sind nur aus Wien Ziffern bekannt, diese sind aber freilich enorm hoch. Auch hier ist der Antisemitismus die Ursache zu zahlreichen Taufen. Von ca. 40 pro Jahr aus dem Jahrzehnt ]870—80 steigt die Ziffer bis auf 457 im Jahr 1896, 485 im Jahr 1897 und 468 im Jahr 1898, das heißt, die eine Stadt Wien mit 13H.000 Juvtn^ hat so viel Läufen oder sogar noch mehr als ganz Deutschland mit 580 OM Juden. Weitere Ziffern fehlen fast gänzlich,

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