Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 3 - Synagogen-Chöre-Verbandes statt. Dieser Verband wurde vor zwei Jahren gegründet und gehören ihm an die Synagogen-Chöre: Freiburg, Bühl, Offenburg, Emmendingen, Eichstetten, Kippenheim, Lörrach, Konstanz und Gailingen. Der Zweck ist ausschließlich die Pflege des Synagogal-Gesanges» Es gelangen zur Aufführung u. a. Hajom- Haras-Olam und Jaaleh von Sulzer. Diese zwei Piecen von ca. 120 Sängern vorgetragen, übten auf die Zuhörer einen mächtigen Eindruck. Der Männer-Chor Kippenheim sang einen Al-Hakol; musterhaft kam diese Piece unter Leitung des sehr tüchtigen Dirigenten zum Vortrag. Kantor Eichenbaum, welcher auch gleichzeitig die Zwischen-Strophen als Solist sang, machte durch seine schöne, gut geschulte, klangvolle Tenor- Baryton-Stimme auf alle Zuhörer einen guten Eindruck. Der gemischte Chor aus Offenburg brachte die Seelenfeier von Lachner zum Vortrage, und fand diese Nummer, welche auch mit einem Solo von Fräulein Bär verbunden war, ungetheilten Beifall. Der Synagogen-Chor Freiburg mit seinem bewährten Dirigenten, Kantor Sommer, sang die Keduscha, verbunden mit Kantor-Solo, sehr schön und korrekt. Der Bühler Synagogen-Chor sang Nr. 8 ganz vorzüglich, es zeigte sich hier, daß mit großer Energie und Fleiß eingeübt wurde. Der Männer-Chor Emmendingen, welcher zwar nur von ca. 12 Sängern vertreten war, hat trotzdem seiner Aufgabe musterhaft sich entledigt. Zum Abschluß dieses schönen Gesangfestes machte der Gesammt-Chor Nr. 12 des Programms „Der Herr ist König", von Welsch, einen mächtigen Eindruck. Bewundernswerth war die korrekte und energische Direktion, welche in Händen des Kantors Eichenbaum lag. o. Straßburg, 19. Juni. Die besondere Werthfchätzung und Verehrung, welche der zu früh dem öffentlichen Dienste und seiner Familie entrissene Oberrabbiner Isaak Weil auch außerhalb seines engeren Wirkungskreises genoß, bekundete sich gestern Nachmittag 3 Uhr durch die zahlreiche Betheiligung aller Stände und Bekenntnisse an der Beerdigungsfeier. Im Sterbehause sprach Namens der Familie als Vetter Rabbiner Ruff aus Verdun; auch rühmte Dr. Levy als Präsident des unterelsässischen Konsistoriums gebührend die Verdienste seines unermüdlichen Mitarbeiters; im Aufträge des derzeit auf Schloß Langenburg weilenden kaiserlichen Statthalters sprach Unterstaatssekretär Dr. Petri den Hinterbliebenen lebhaftes Beileid aus. Dem Sarge folgten die Verwandten, die Mitglieder des unterelsässischen Konsistoriums, 25 Rabbiner, in Vertretung der Regierung Unterstaatssekretär Dr. Petri, Ministerialrath Hamm und Polizeipräsident Dall, Landstallmeister Pasquay, Regierungsrath a. D. Geigel, die Präsidenten Petri vom Augsburger Direktorium und Piepenbring von der reformirten Synode Hierselbst, Fabrikant L. Lantz von Mülhausen als Präsident des oberelfäfsischen israelitischen Konsistoriums, die Mitglieder des letzteren wie des lothringischen israelitischen Konsistoriums, Rentner Th. Levy von Colmar und viele sonstige Vertreter der israelitischen Kultusbehörden des Reichslandes, städtische, Spital- und sonstige Beamte, endlich eine unabsehbare Menge einheimischer wie altdeutscher Privatpersonen aus allen Berufskreisen von nah und fern. Von der Synagoge aus, worin die meisterhaften Leistungen des verstärkten Sängerchors und des ersten Vorsängers Heymanu allgemein bewundert wurden und Oberrabbiner Isidor Weil aus Colmar mittelst vom Herzen kommender und zum Herzen gehender Worte ein erschöpfendes Lebensbild seines verewigten Vetters entwarf, begab sich die fast endlose Menge zum Friedhof; dort riefen Oberrabbiner Ury von Metz seinem unvergeßlichen Amtsbruder in formvollendeter Ansprache, und sodann Stadtrath und Rechtsanwalt Lange im Namen der B. B.-Loge „Unitas" seinem Vereinsbruder, Rabbiner Wahl von Schlettstadt seinem Jugendfreunde, Konststorialmitglied Bauer Namens der hiesigen Gemeinde, Sekretär Hannaux im Aufträge der Gemeinde Metz ihm den letzten Gruß nach. Möge die schwer geprüfte Familie in der allgemeinen Theilnahme Trost in ihrem Kummer finden! mit Vorliebe mit der jüdischen Religionsphilosophie. Eine stattliche Anzahl von Verehrern und Freunden nahm an dem Leichenbegängniß Theil. Die Trauerrede hielt sein ehemaliger Schüler, Herr Prediger Dr. Gelbhaus. Das Andenken des Hingeschiedenen sei gesegnet. □ Wien, 26. Juni. Vergangenen Sonntag unternahm der christliche Frauenbund in Begleitung des Dr. Lueger eine Vergnügungsfahrt nach Schottwinn; zufälligerweise befanden sich auch andere Wiener Ausflügler, zumeist aus den besseren Arbeiterklassen, dort, und den Em- - pfang, der dem Bürgermeister von Wien in Schottwinn zu Theil wurde, rechnet er gewiß nicht zu den ehemaligen Triumphen; wäre beim Verlassen des Ortes nicht genügend Polizei zur Stelle gewesen, hätte es dem Bürgermeister wohl schlecht ergehen können, er konnte sich vor der ihn beschimpfenden Menge nicht rasch genug in den Waggon flüchten. — Dem berüchtigten Ernst Schneider wurde von seinem Hausherrn die Wohnung gekündigt, infolge der zahlreichen Demonstrationen, die vor der Wohnung Schneiders, sowie mehrerer seiner Gesinnungsgenossen veranstaltet wurden. — Der Maler Leopold Horowitz hat nun ein zweites Bild der verewigten Kaiserin vollendet, das sich gleichfalls der höchsten Anerkennung des Kaisers erfreut. — Unter großer Betheiligung - der jüdischen Kreise Wiens fand das Leichenbegängniß des Ober-Kantors der Leopoldstadt, Josef Goldstein statt. Er wurde in einem Ehrengrabe an der Seite Fischhofs und Jellinecks beigesetzt. — Nach den Plünderungen in Nachod hat der Prager Advokat Dr. Bendiener die Vertretung der durch diese Plünderungen Beschädigten übernommen und infolge dessen eine Eingabe an das Bezirksgericht gerichtet, es möge durch Einvernahme von Zeugen, die in der Eingabe namhaft gemacht wurden, die Höhe des entstandenen Schadens ermittelt und zugleich festgestellt werden, inwieweit dieser Schade der Gemeinde , Nachod bei Ausübung der Ortspolizei zur Last falle. Diesem Ersuchen wurde vom Nachoder Bezirksgerichte nur in dem Punkte 1 stattgegeben, - dagegen bezüglich des Verschuldens der Gemeinde erklärt sich das Bezirksgericht nicht für kompetent, mit der Begründung, daß darüber nur die politische Behörde zu entscheiden habe. Gegen diesen Beschluß überreichte , Dr. Bendiener den Rekurs an das Kreisgericht in Königgrätz, welches auch dem zweiten Punkte stattgab. — Ein Obergymnasialschüler in Graz wurde vom Einzelrichter des Bezirksgerichtes Stadt Graz zn einer Geldstrafe von fünfzig Gulden eventuell fünf Tagen Arrest verurteilt, weil er ohne jede Veranlassung einen jüdischen Mitschüler in der Schönaugasse mit den Worten „frecher Saujud" beschimpfte und denselben zweimal in das Gesicht gespuckt hatte. 6. Budapest» 2. Juni. Seit Jahren fand keine Hauptversammlung des Pester jüdischen Frauenvereins unter so reger Theilnahme statt, wie die vergangene Woche abgehaltene, deren Haupt- ’ gegenständ die Präsidentinnenwahl war. Es ist auch niemals eine solch rege Agitation für die Besetzung der leitenden Stellen entfaltet worden. Das allgemeine Vertrauen für die Präsidentinnenstelle betraute wohl Frau Marie Herzl mit der obersten Leitung des Vereins. Vor Eingehen in die Tagesordnung entnehmen wir dem Jahresbericht Folgendes: Im abgelaufenen Berwaltungsjahre wurden nahezu 70000 Kronen an Unterstützungen vertheilt. Im Mädchen-Waisenhause wurden 54, im Baron Hirsch-Halbwaisenasyle 50 Kinder erzogen. Bei Privatpersonen waren 51 Waisenmädchen untergebracht. Die Erhaltung von diesen 155 Waisen- ' mädchen verursachte dem Verein Ausgaben im Betrage von 70000 Kronen. In der Volksküche speisten 2l 000 Erwachsene und nahezu 8000 Schulkinder. Die Verwaltungskosten für die Volksküche betrugen 45 000 Kronen. Die Gesammtausgaben für sämmtliche Zweige betrugen 190 000 Kronen. In der Dorfgemeinde Jgar wohnen seit einigen Jahren drei jüdische Familien, die bisher die Institutionen einer entlegenen Kultusgemeinde in Anspruch nahmen. Vor einigen Tagen starb das Oberhaupt der einen Familie, und die Angehörigen kamen in nicht geringe Verlegenheit, da der Leichnam auf den jüdischen Friedhof der 'Kultusgemeinde nicht überführt werden durfte. Die Vorstehung der Dorfgemeinde wies nun vom Grundbesitz der Gemeinde ein kleines Gebiet zur Benutzung als jüdischen Friedhof an. Bei der ersten Bestattung auf diesem Friedhofe hielt der reformirte Seelsorger die Grabrede. Rußland. . I. Moskau, im Juni. Es ist kaum zu glauben, daß am Ende -des 19. Jahrhunderts Menschen, die nichts verbrochen, nichts gethan haben, in der brutalsten Weise behandelt werden, nur deshalb, weil sie Grstrrrrich - Ungarn. V Wien, 26. Juni. Am 19.d. M. ist hier Rabbi Moses Bernseld, Rabbinatsverweser der jüdischen Gemeinde in Stanislau, der Vater des Herrn Dr. Bernfeld in Berlin, im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Verblichene, ein hervorragender Talmudist, zählte zu den immer seltener werdenden Gelehrten, welche die Lehre um ihrer selbst willen lieben. Obwohl streng am Altüberlieferten sesthaltend, war er tolerant in seiner Gesinnung gegen Andersdenkende und befaßte sich