Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228338--55601-3291817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
jahre genommen hat. Der Vorstand besteht zur Zeit aus den Herren M. Katzenstein-Bielefeld, Vorsitzender; C. Frankenstein-Bielefeld, stellvertretender Vorsitzender; Rabbiner Dr. Coblenz-Bielefeld, Schriftführer und Rendant; Hauptlehrer und Prediger Rothschild-Dortmund und 1. Stern-Münster. Es sind bis heute 15 Gemeinden mit insgesamm.t 27 Beamten beigetreten. Die Gesammthöhe der von diesen ordentlichen Mitgliedern jährlich zu zahlenden Beiträge beläuft sich auf 2023 Mk. Zur Lesebuchfrage wird im Bericht mitgetheilt, daß die Verlagsbuchhandlung Baedccker-Essen die Bücher als Manuskript gedruckt hat. Dieselben sind bei den drei Bezirksregierungen der Provinz und beim Herrrn Minister zur Genehmigung eingereicht worden, die aber bis heute noch nicht erfolgt ist. Im Ganzen war die Thätigkeit des Verbandes auch in diesem Jahre eine wahrhaft segensreiche und gedeihliche. d. Sondershausen, 26. Juni. Zu einem wirklichen Festgottesdienst waren am vorletzten Sonnabend die Mitglieder unserer Gemeinde in großer Zahl im Tempel versammelt. Hatte sich doch die Kunde verbreitet, daß Frau Henriette Bier, z. Zt. in Brüssel, die geistreiche Tochter unseres allverehrten Rabbiners und Professors Heidenheim, Spenderin eines ebenso sinnigen und kostbaren Geschenkes, bestehend in einem Vorhang und Altardccke, zugegen sei, und daß diese herrlichen Paradestücke geweiht werden sollten. Zuerst will ich vorausschicken, daß der Stoff zu dieser Altarbekleidung aus dem goldenen Hochzeitskleids unserer leider nun dahingeschiedenen Frau Professor und Rabbiner Heidenheim genommen war. Derselbe ist in wirklich meisterhafter Weise verarbeitet, mit reicher Ornament- und Goldstickerei aus den Händen der Frau Emilie Hamburg in München hervorgegangen und kann als ein selten schönes Erzeugniß deutscher Kunst und Gewerbefleißes gelten. Nachdem noch ein Knabe an diesem Sonnabend zum ersten Mal zur Thora gerufen war und in sehr guter Weise seine Sidra vorgelesen hatte, bestieg Herr Rabbiner Heidenheim die Kanzel und hielt mit Zugrundelegung des Textes Psalm 21, 4, „Du setzest auf ihr Haupt eine goldene Krone", in seiner bekannten geistreichen Weise eine Festrede von tief ergreifender Wirkung. Ter Redner schilderte die Frau als die Krone des Lebens, des Hauses und der Familie. Weihevolle Stimmung, gepaart mit tiefer Rührung, beherrschte die Anwesenden, die den Worten unseres nun 85 jährigen Rabbiners, der mit seltener geistiger Frische nun schon über 60 Jahre in unserer Gemeinde das Wort Gottes verkündet, folgte, und einstimmig war der Wunsch seiner Gemeinde, daß Gottes Gnade noch lange Jahre unseren verehrten Seelsorger schütze und stütze. X. Aus der Rheinprovinz, im Juni. Die königliche Regierung zu Düsseldorf hat folgende dankenswerthe Verfügung vom 9. d. M. II G. 2126 — betreffend Fürsorge für den jüdischen Religionsunterricht in den Volksschulen — an die Kreisschulinspektoren erlassen: 1. Wie ist für den Religionsunterricht der schulpflichtigen jüdischen Kinder gesorgt? 2. Ist ein jüdischer, als Elementarlehrer geprüfter Religionslehrer vorhanden? Bei Verneinung der Frage zu 1. ist folgende Frage zu beantworten: 3. Ist es ohne unverhältnißmäßige Kosten möglich, für diejenigen Kinder, welche keinen besonderen Religionsunterricht durch einen jüdischen als Elementarlehrer geprüften Religionslehrer erhalten, einen solchen einzurichten? o. Frankfurt a. M., 18. Juni. Der erste Bericht der Jüdischen Haushaltungsschule für die Zeit vom 1. Oktober 1897 bis 30. September 1898 konstatirt eine gedeihliche Entwickelung der Anstalt, die im Oktober 1897 eröffnet wurde mit dem Zweck, den häufigen sozialen und sittlichen Uebelständen in den unbemittelten jüdischen Volksklassen durch eine gediegene hauswirthschaftliche Erziehung der weiblichen Jugend und in weiterer Folge durch die Pflege des jüdischen Dienstbotenthums zu steuern. Zur Erreichung dieses Zweckes bemüht sie sich, jüdische Mädchen in allen hauswirthschaftlichen Zweigen so auszubilden, daß sie kraft des Erlernten zunächst erwerbsfähig werden und weiter als zukünftige Ehefrau des kleinen Mannes ihren Haushalt mit geringen Mitteln vernünftig und sparsam zu leiten verstehen. Mit der Anstalt ist auch ein Mädchen heim verbunden. Seit Eröffnung der Anstalt bis zum 1. Oktober 1898 haben dieselbe besucht 26 Zöglinge. Davon sind vorzeitig ausgetreten 3 Zöglinge, 5 konnten häuslicher Verhältnisse wegen keine Stelle annehmen. Es sind demnach 18 Mädchen in Stellung gegangen, theilweise hier, theilweise auswärts. Bedeutend vermehrt hat sich die Zahl der Pensionärinnen, welche 15 Mark pro Monat zu zahlen haben. Am Schluß des Geschäftsjahres waren 10 Pensionärinnen und 15 Tischgäste (gegen 4 im Anfang) in der Anstalt. n. Heidelberg, 20. Juni. Die Nachricht von dem am 16. d. erfolgten Hinscheiden unseres Bezirks- und Konferenzrabbiners Dr. Hil lel Sondheimer haben Sie bereits gemeldet. Der Verstorbene erreichte ein Alter von 58 Jahren. Er war schon längere Zeit leidend und mußte sich vor Kurzem einer Operation unterziehen, die zwar gut verlief, doch stellte sich einige Tage darnach Fieber ein, das die Kräfte des Kranken verzehrte. Dr. Sondheimer war zu Beginn der 70er Jahre zum Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde gewählt worden und wußte sich das Vertrauen und die Achtung seiner Gemeindeangehörigen zu erwerben. Er war ein feingebildeter Mann und in allen hiesigen Kreisen ob seines freundlichen, liebenswürdigen Benehmens beliebt. Warm schlug sein Herz für die Größe und das Glück des deutschen Vaterlandes. Politisch gehörte er der nationalliberalen Partei an. Von seinen Schriften ist der „Geschichtliche Religionsunterricht" ein beliebtes Lehrbuch für jüdische Schulen geworden. Sondheimer war in religiöser Beziehung entschieden liberal und gehörte der Reformrichtung innerhalb des Judenthums an. Das Begräbniß fand am 19. d. unter allgemeiner Theilnahme statt. Es hatten sich hier die Familienangehörigen, fast die ganze israelitische Gemeinde, der Großh. Bezirksamtsvorstand, der Oberbürgermeister, die Geistlichen, der Prorektor der Universität, viele Professoren, der Direktor Thorbecke mit dem gesummten Lehrerpersonal der Höheren Mädchenschule, eine Abordnung des Großh. Oberraths des Israeliten, viele Amtsgenossen des Verstorbenen, die Synagogenräthe und Lehrer des Bezirks versammelt. Der Sarg wurde von den Synagogenraths-Mitgliedern an das Grab getragen. Die Grabrede hielt Bezirksrabbiner Dr. Eschelbacher aus Bruchsal. Dann sprachen Konferenzrabbiner Dr. Steckelmacher aus Mannheim Dankesworte im Namen des Großh. Oberraths der Israeliten, Bezirksältester und Synagogenraths-Vorstand Sigmund Netter Namens der Bezirkssynagoge und schließlich Buchhändler E. Carlebach Namens der israelitischen Gemeinde Heidelberg. Alle feierten in ergreifenden Reden den Dahingeschiedenen als einen Mann von dem edelsten Streben, vielseitiger Bildung, seltener Biederkeit und Liebenswürdigkeit des Charakters. Möge ihm die Erde leicht sein! QL Freiburg i. B., 12. Juni. Der zweite Bericht des Friedrichsheims für israelitische Sieche und arme Greise bringt zuerst den poetischen Festgruß zur Einweihung dieses Instituts, sodann erfreuliche Nachrichten über die Entwickelung desselben, speziell über den Bau des Hauses und über die Einweihungsfeier. Die Gesuche um Aufnahme sind so zahlreich, daß die Mittel nicht ausreichen, alle, selbst die vollauf begründeten, zu genehmigen. 31 Gesuche sind eingereicht worden (15 Männer und 16 Frauen). Davon wurden 16 genehmigt; 8 Frauen und 8 Männer. Das Alter variirt bei den Greisen zwischen 91 und 60, bei den Siechen zwischen 63 und 43 Jahren. Die Berpflegungsgelder der Gemeinden schwanken zwischen 200 und 40 M., die ron Privaten zwischen 500 und 150 Mk. jährlich. Vierzehn Pfründner bewohnen das Haus. Zwei sollen demnächst eintreten. Zurückgewiesen wurden 5 (3 M., 2 Fr ), weil ihr Gesundheitszustand nicht den Anforderungen und nicht dem erforderlichen Alter entsprach. Nicht zu Stande kamen 2 Unterhandlungen. 7 Gesuche war man gezwungen abzulehnen oder für später zu vertrösten, weil die Mittel kaum zum Unterhalt für die schon Aufgenommenen ausreichen. Der Vermögensstand ist Mk. 57 307,35, die Ausgaben beliefen sich auf Mk. 103 280,27, die Einnahmen sind etwas geringer. Eine thatkräftige Unterstützung ist deshalb angelegentlichst zu empfehlen. Der Gesammtvorstand besteht aus den Herren: Rabbiner Dr. Lewin, Vorsitzender, Freiburg. B. Dukas, Schriftführer, Freiburg. Heinr. S. Epstein, Kassirer, Eichstetten. Jacob Bernheimer, Gailingen. Julius Ettlinger, Mannheim. Anwalt Dr. Friedberg, Karlsruhe. Leopold Jos. Guggenheim, Gailingen. B. Harburger, Gailingen. Bened. Herzberger, Bretten. Fritz Hamburger, Karlsruhe. Jsaac Lang, Altdorf. Rabbiner Dr. Löwenstein, Mosbach. Louis Marx, Bruchsal. Wilhelm Moos, Gailingen. Sigmund Netter, Heidelberg. Ludwig Rothschild, Gailingen. Dr. Rothschild, Randegg. Anwalt Dr. Staadecker, Mannheim. Emanuel Strauß, Merchingen. Moritz Strauß, Tauberbischofsheim. Leo Wertheimer, Bühl. X. Freibrrrg, 13. Juni. In Kippenheim bei Lahr (Baden) fand am 4. d. M. das zweite Gesangsfest des Oberbadischen