Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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das „Unglück" hatten, als Juden auf die Welt zu kommen, oder . . . auf einer nichtrusfischen Universität Medizin studiren zu müssen. Und doch ist es wahr! Denn die nachstehenden Mittheilungen stnd dem „Wratsch" entnommen, von dessen Redakteur wir wissen, daß ihm das gedruckte Wort heilig ist, und daß grundlose Insinuationen 4ine Aufnahme in seinem Blatt nicht finden «können. Eine Dame, die das doppelte „Unglück" hatte, nach Erlangung des medizinischen Doktortitels an einer ausländischen Universität behufs Erlangung des Rechts der Praxisausübung in Rußland an der Moskauer Univerfität ihre Examina nochmals ablegen zu müssen und dabei Jüdin zu sein, steht fich durch ihre Erlebnisse veranlaßt, durch die Vermittelung des „Wratsch" diejenigen ausländischen Doktoren, die zur Prüfung nach Moskau kommen wollen, darauf vorzubereiten, was sie in der heiligen Russenstadt zu erwarten haben. Der „liebenswürdigste" Empfang wird selbstverständlich den jüdischen Doktoren zu Theil. Trotzdem der Konsens, in Moskau ihre Examina ablegen zu dürfen, den ausländischen Doktoren vom Kultusminister ertheilt wird, werden dieselben, wenn sie' Juden sind, bei der Ankunft in Moskau von der Polizei ausgewiesem^ Nur zwei bis drei Tage vor Beginn der Prüfung wird dem Examinanden " gestattet, fich in Moskau niederzulassen. Inzwischen stnd aber biei* praktischen Uebungen, welche alljährlich vor den Prüfungen in Form von Repetitionen stattfinden und für die Examinanden von großem Nutzen sind, bereits abgeschlossen und sämmtliche Hilfspräparate entfernt. Während^ der Examina werden die Examinanden durch häufige polizeiliche Vorladungen, durch langes Warten auf den Polizeibüreaus gestört, ohne daß man ihnen sagt, wozu und warum man sie gestört hat. Kaum sind die Prüfungen zu Ende, so müssen selbst Diejenigen, die die Prüfung bestanden und die ärztliche Approbation erlangt haben, unverzüglich Moskau verlassen. Soweit die Moskauer Polizei. Nicht viel besser, vielleicht eher schlimmer, sind manche der Herren Moskauer Professoren. Mit beleidigender Geringschätzung behandeln sie die ausländischen Doktoren, , die von ihnen geprüft werden, deren Lehrer, d. h. die Professoren der ausländischen Universitäten, verspotten sie; selbst Billroth blieb von verächtlichen Bemerkungen nicht verschont. Eine köstliche Episode spielte sich bei der Prüfung einiger weiblichen ausländischen Doktoren ab: Die- ' selben erhielten verschiedene Themata zugetheilt, über welche sie oorzutragen hatten, und eine kurze Spanne Zeit, um die Gedanken zu. sammeln und sich zum Vortrag vorzubereiten. Die Damen zogep sichin den Hintergrund des Saales zurück und ließen sich auf die dort stehenden Stühle nieder. Der Vorsitzende der Prüfungskommission j herrschte nun die über ihre Themata nachgrübelnden Damen in brüsker^ Weise an, befahl ihnen, aufzustehen und für die ganze Dauer der Prüfung stehen zu bleiben. Die Dame, die zuletzt geprüft werden sollte, hatte somit eine hübsche Anzahl von Prüfungen „durchzustehen". Einmal hat dieser einzig liebenswürdige Herr Professor höchfteigenhändig einer Dame den Stuhl entrissen, damit sie nicht nochmals in die Versuchung komme, sich hinzusetzen. Eine Dame brach, durch die Aufregung, vielleicht nicht minder durch das lange Stehen erschöpft, ohnmächtig zusammen und wurde von ihren Kolleginnen auf einen in der ' Nähe stehenden Polstersessel niedergelegt. Statt der Ohnmächtigen zu helfen, holte derselbe Herr einen Stuhl herbei und forderte die bet. dauernswerthe Examinandin auf, den Polstersessel vor allem zu räumen. Der Herr Professor konnte es augenscheinlich nicht dulden, daß ein heiliger Professorensessel von einer simplen Examinandin benutzt und * entweiht werde. Manche Professoren nannten die jüdischen weiblichen Doktoren einfach beim Namen, ohne das Prädikat „Frau" hinzuzusetzen; dagegen unterließen sie nicht, die besonders jüdisch klingenden Vornamen mancher Examinandinnen mit höhnischem Nachdruck hinzu-, zufügen. Von Nah und Fern. — Der Geheime Medizinalrath Professor Dr. Paul Ehrlich verläßt in wenigen Wochen Berlin, um die Leitung des königlichen Instituts für Serumprüfung und-Forschung in Frankfurt a. M. zu übernehmen. Ehrlich gehört dem Lehrkörper der Universität seit zwanzig Jahren an. — In Schroda ist der Hotelbesitzer Jakob Posner, ein Unteroffizier von 1870/71, im Vorstande des Landwehrvereins seit seiner Gründung 1677, und zwar als Kommandeur der Schützenabtheilung. Bei der vor einigen Monaten erfolgten Neuwahl des Vorstandes ist Herr Posner " allein einstimmig wieder- und alle anderen Mitglieder neugewähtt 'worden. — Die feierliche Einführung des zum Rabbiner in Glog au gewählten Herrn Dr. Lucas-Berlin erfolgt diesen Freitag den 30. d. M. Abends 6% Uhr. — Der israelitischen Gemeinde zu Plauen find vom Kultusministerium Korporationsrechte ertheilt worden unter der Bedingung, daß vorher der bestehende Verein israelitischer Religionsgemeinde zu Plauen aufgelöst werde, was in der Generalversammlung dieses Vereins vom 1. Juni beschlossen wurde. — In Hamburg feierte der aus der Zeit des Bürgermilitärs bekannte Herr L. Bielefeld mit seiner Gattin die goldene Hochzeit unter lebhafter Theilnahme weiter Kreise. Im Aufträge des preußischen Gesandten erschien Herr Oberrabbiner Hirsch, um dem Jubelpaar die von dem Kaiser gestiftete Ehejubiläumsmedaille nebst einem Anerkennungsschreiben aus dem kaiserlichen Civilkabinet zu überreichen. Bereits in früher Morgenstunde erschien eine Deputation der Exerzierabtheilung des „Vereins ehemaliger Bürgermilitärs", um dem Kameraden ihre Glückwünsche darzubringen. Der Verein „Talmud Thora", dessen Vorstand Herr Bielefeld seit einer Reihe von Jahren angehört, überreichte einen prachtvollen Spazierstock mit silberner Krücke. Um 11% Uhr marschirte das Musikkorps der Jäger des Vereins ehemaliger Bürgermilitärs in voller Uniform ausum dem Jubelpaar ein Ständchen darzubringen. — In Eßlingen ist am 16. d. Oberlehrer Stern vom israelitischen Waisenhaus, der im vorigen Jahre das Jubiläum der 25 jährigen Lehrtätigkeit gefeiert, am Herzschlag im Alter von 54 Jahren gestorben. — In Dees (Ungarn) starb der jüdische Arzt Dr. Nathan Friedländer im Alter von 81 Jahren. Er war Honorar-Oberphystkus des Komitats Szolnok- Doboka und in seinen Mußestunden hebräischer Publizist. — In der letzten Sitzung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde zu St. Petersburg wurde Dr. M. Eisenstadt, ein Zögling der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin, der seit Jahren dort als Gymnasial-Religionslehrer und zugleich als Lehrer am jüdischen Waisenhaus thätig ist, einstimmig zum Hilfsrabbiner und Prediger gewählt. — Der Bankier Joseph Landau in War sch au hat unter anderen großen Spenden zum Andenken an seinen verstorbenen Vater auch dem Verein zur Unterstützung armer polnischer Schriftsteller eine Spende von 660 Rubel gemacht. Der Vorstand des Vereins wies nach einer kurzen Berathung diese Spende als eine von einem Juden kommende zurück. — Die türkischen Blätter publiziren einen Erlaß der Regierung, der den von Staats wegen anerkannten Rabbinern die Gerichtsbarkeit in bestimmten Civilsachen der Mitglieder ihrer Gemeinden zuerkennt und die Exekutivbehörden anhält, den Entscheidungen der Rabbiner gegebenenfalls Geltung zu verschaffen. — Die aus 70—80 Familien bestehende jüdische Gemeinde zu Athen hat bei der Regierung Schritte wegen Errichtung einer Synagoge gethan. Die Gemeinde glaubt dabei Anspruch auf eine Unterstützung des Staates zu haben. Die dem jüdischen Konsul Portugals, Pacifikos, nahestehende Herzogin von Plaisance hat nämlich der jüdischen Gemeinde ein am Zappeion gelegenes Terrain von 3200 Quadratfuß zum Zweck der Errichtung einer Synagoge geschenkt. Die im Jahre 1843 bei einem Notar deponirte Schenkungsurkunde war verlegt und schließlich vergessen worden. Erst vor Kurzem kam sie ans Tageslicht, nachdem das betreffende Terrain schon vor 30 Jahren in den Besitz des Fiskus übergegangen war. Die israelitische Gemeinde beabsichtigt nun, die Sache vor die Kammer zu bringen, damit ihr vom Fiskus eine Entschädigung für die ihr vorenthaltene Schenkung zu Theil werde. — Auch Merw hat jetzt eine jüdische Gemeinde. So lange die Tehe- Turkmenen dort herrschten, duldeten sie keine Juden, und die wenigen, die 1840 vor der persischen Verfolgung aus Mesched sich dahin flüchteten, mußten, um ihr Leben zu retten, den Islam annehmen. Nachdem die Russen 1885 Merw erobert hatten, dursten diese frei ihr Judenthum bekennen, obwohl ihnen dieses seitens der Muhamedaner den Spitznamen „Djedid", gleich Renegaten, eintrug. — In Cincinnati tagte die Bereinigung sämmtlicher israelitischer Wohlthätigkeitsvereine des Landes unter dem Vorsitz des Exoberrichters M. I. Jsaaes von New-Iork. Die Verhandlungen dieser Körperschaft erstreben, System in die verschiedenen Wohlthätigkeitsgesellschasten zu bringen. Exoberrichter Jsaaes ist auch Vorsitzender des Baron de Hirsch-Fonds für die Bereinigten Staaten. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für tue Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.